Rezension : Henriette Kaiser: "Ich bin der letzte Mohikaner"

Henriette Kaiser hat das Leben ihres Vaters aufgeschrieben, des Kritikers Joachim Kaiser. Herausgekommen ist ein intellektuelles Poesiealbum.

Christine Lemke-Matwey

Immerhin scheinen die Kaisers Humor zu haben, und das ist das Schöne an diesem Buch. Das Zwinkern zwischen den Zeilen, das sagt, ja, ja, so viel Erhabenes auf einem Fleck, so viel Gewusstes um des Wissens willen und so viele schrecklich berühmte Leute und überlebensgroße Tote, von Thomas Mann bis Adorno, von Bernstein und Barenboim bis Burda und Enzensberger – aber den Blick für die kleinen Lustigkeiten, die das Große ja erst groß machen, den haben wir nicht verloren! Das erdet auch den Leser, lässt ihn im guten Glauben, dass man ein paar tausend Literatur-, Musik- und Theaterkritiken schreiben kann in seinem Leben und trotzdem, nun ja, ansprechbar bleibt. Gerne isst und gerne trinkt, fabelhaft Tischtennis spielt und rasant Fahrrad fährt und ohne Ghettoblaster am Beckenrand des hauseigenen Schwabinger Pools nicht schwimmen kann.

Henriette Kaiser hat das Leben ihres Vaters aufgeschrieben, des Kritikers Joachim Kaiser, 1928 als Sohn eines Arztes in Ostpreußen geboren, seit 1959 bei der „Süddeutschen Zeitung“, der Zauberer unter den Feuilletonisten, der Pfau im Gehege. Das heißt, zunächst hat sie einen wirklich schönen, melancholisch-auratisch-witzigen Film über ihn gedreht („Musik im Fahrtwind“, BR 2007), dann kam der Ullstein Verlag und wollte das Ganze als Buch. Herausgekommen ist dabei – wie nicht anders zu erwarten und in seiner Disparatheit der Person J. K. gar nicht unangemessen – ein intellektuelles Poesiealbum, ein schnelles, bisweilen fast schrilles Konzert der Zueignungen, Erinnerungen, Referenzen, Texte und Anekdoten.

Das hat Vorteile, indem es sich, wie gesagt, so klug wie kregel liest, hat aber auch Nachteile. Nicht jedes gesprochene Wort eignet sich dazu, im Druck zu erscheinen, auch nicht jedes Kaisersche, mit Verlaub. Ohne „Ton“ nämlich, ohne den durchaus charmanten Habitus der Selbstinszenierung (die geschlossenen Augen, das Herumkauen auf Brillen und Bleistiften, der masurische Bedeutungssingsang in der Sprache) schauen einen viele seiner Sätze doch mit hohlwangigem, eitlem Ernst an. Das Anachronistische, das die Figur Kaiser im Film zärtlich umweht, versteift sich da plötzlich zum Dünkel, zur Geltungssucht, zur generösen „Am Ende weiß ich’s eben doch besser“- Pose. Und überhaupt: Was soll der Welt die Welt, das läppische Regietheater, die APO, der Verlust der Heimat, wenn es doch Bücher, Noten, Schallplatten gibt. Beethoven, Goethe, Shakespeare, Furtwängler und die ewig junge Käthe Gold! Aber auch Handke und sogar den „sympathischen“ Christoph Schlingensief. Dessen Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung meidet Kaiser 2004 lieber, aus Scheu vor „visuellen Seltsamkeiten“.

Bunt strickt sich das Dasein vor und zurück: Mal platzt die rumänische Putzfrau mitten in die kritische Lektüre von Grass’ „Rättin“ („Heute nix Arbeit? Zu Hause bleiben? Faul sein und lesen?“), mal lässt Bruder Wilhelm dem kleinen Jochen beim Friseur den raffaelitischen Lockenschopf wegscheren. Mal wird im Übereifer der ersten „Meistersinger“-Rezension das Evchen glatt vergessen, mal baut Ionesco nach einer Kaiser-Kritik ein (nicht weiter genanntes) Theaterstück um – und statt „blonder Allgäuer“ notiert der Stenograph eines Artikels am anderen Ende der Telefonleitung „blinder Aasgeier“, was, wie J. K. feixend hinzufügt, „nicht wirklich zum Verständnis der Argumentation beitrug“.

Friedrich Torberg schreibt Briefe, Freund Loriot zeichnet, die „SZ“ schenkt ihrem Kaiser zum 70. eine „Südpreußische“ Sonderausgabe, und Leo Kirch lässt es sich eine Flasche Dom Perignon Jahrgangsschampus kosten, in der zweiten Hälfte eines Konzerts neben dem Meister sitzen zu dürfen. Dies allerdings dürfte ein zweifelhaftes Vergnügen sein, denn entweder es rutschen ihm – klatsch! – Partituren und Programmhefte von den Knien, oder er lacht – „Ha!“ – so auffällig, dass alle gucken. „Kritisches Reflektieren“ mit unbedingtem „Äußerungstrieb“, so charakterisiert Kaiser seine Passion und Profession. Leise war er, der Hochbegabte, dabei nie. Warum auch.

Und dann die Künstler, die Geister. Wer hat nicht alles Kaisers Rat und Ruhm gesucht. Mit Bernstein im selben Hotel, bei Abbado auf Sardinien, mit Habermas Stirn an Stirn, mit XY vierhändig am Klavier. Ingeborg Bachmann beschwert sich, dass er nicht mehr über sie schreibe, Kollege Reich-Ranicki streitet bis aufs Messer mit ihm über Martin Walser, Pollini bittet zur Probe, Gulda ins Fernsehstudio, und kein Preis für Anne-Sophie Mutter, ohne dass Er die Laudatio hielte („Ich hatte nicht gewusst, dass eine Geige so vollendet rein klingen kann.“). In gewisser Weise bringt der Beruf solche Nähen wohl mit sich. Kaiser aber hat es verstanden, und das vor allem begreift der Leser, im Kometenschweif seiner Gefährten und Lieblingsgenies eine Unmittelbarkeit des Kritikers zur Kunst herzustellen und zu behaupten, die ihm so schnell keiner nachmacht. Gleichzeitig tourt er mit munteren Vortragsreihen durch die Volkshochschulen und Sparkassenhallen der Republik, schreibt Bücher oder teilt der Radiolandschaft und später sogar der „Bunten“ in einer viel beneideten, gern bespöttelten Kolumne mit, worin das Geheimnis von Mozarts „Don Giovanni“ liegt.

Eine weniger familiäre, orthodoxere Biografie hätte sicher stärker die Leerstellen beleuchtet, jene Kreise, Repertoires, Interpreten, mit denen der Ohrenmensch Kaiser zeitlebens nichts anfangen konnte. Auch wirkt das Politische, wo es ins Persönliche hineinragt, arg beflissen. Die Urgroßmutter ist prompt nicht zu Hause, als Göring ihr zum 100. gratulieren will, der Vater tritt aus der NSDAP gleich wieder aus, und warum den Kritiker seine Herkunft nie interessiert hat, bleibt trotz mehrfacher Nachfrage der Tochter diffus. „Ich wollte von vorn anfangen“, erwidert der fast 80-Jährige, und die Betonung liegt zweifellos auf dem Ich. Der Mai 1945 als „phantastische, glückselige Befreiung“ – verständlich, aber derart emphatisch formuliert auch schrecklich korrekt.

Dank seiner untrüglichen „Emotionsgewissheit“ hat J. K. in den vergangenen fünf, sechs Jahrzehnten unendlich viel ehrgeizig Erhellendes und Substanzielles zur Lage der Hochkultur beigetragen. Die schönsten Sätze als letzter Mohikaner verliert er trotzdem über Ostpreußen, jenes so „stille, unendlich gestaltenreiche“ Land. Und als er eine Woche nach dem Krebstod seiner Frau Susanne zum ersten Mal seit langem wieder samt Ghettoblaster zum Pool zieht, da steht er lange im Wasser und rettet allerlei krabbeliges Getier vor dem sicheren Ertrinken. Die Musik, die dazu spielt? Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“. Lang ist die Kunst, sehr lang.



CHRISTINE LEMKE-MATWEY

Henriette Kaiser, 1961

in München geboren,

hat Gesang und Germanistik

studiert und absolvierte die Münchner Filmhochschule. Seither Arbeiten für Daily

Soaps, Film und Fernsehen.

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