Rezension : Marion Poschmann: "Hundenovelle"

MArion Poschmann schreibt eine hochallegorische Erzählung über die Entstehung des melancholischen Bewusstseins in unserer Zeit.

Katrin Hillgruber

Für Martin Luther war die Sache klar: „Wo ein melancholischer und schwermütiger Kopf ist, da hat der Teufel sein Bad zugerichtet.“ Als besonders gefährlich galt das Baden in freien Gewässern. Doch auch Hundesalons können hydrologische Überraschungen in sich bergen, vor allem, wenn darin preiswürdige Pudel nach der Shampoonierung in sogenannten Trockenboxen für Ausstellungen präpariert werden. Marion Poschmann, die 2002 mit dem Roman „Baden bei Gewitter“ debütierte, hat sich in einem solchen Salon gründlich umgesehen – in Bamberg, der Fauststadt und barocken Wirkungsstätte des Fantastikers E. T. A. Hoffmann. Diese Hospitation hat nun literarische Früchte getragen, in Form einer hochallegorischen Erzählung über die Entstehung des melancholischen Bewusstseins in unserer Zeit. Albrecht Dürer stellte auf einem berühmten Stich die „Melencolia“ als sinnierende geflügelte Frau unter einem Regenbogen dar. Zu ihren Füßen kauert ein ausgemergelter Hund, der in der Astrologie wiederum mit dem Saturn in Verbindung gebracht wird, dem Gestirn der Melancholiker.

Es verwundert nicht, dass sich eine so originelle und mythologiegeschichtlich versierte Autorin wie die 1969 in Essen geborene Marion Poschmann von dem unerschöpflichen Themenkomplex der „schwarzen Galle“ angezogen fühlt. Schon in ihrem zu Recht hochgelobten Lyrikband „Grund zu Schafen“ (2004) hatte sie gleich im ersten Gedicht Dürers „Kleines Rasenstück“ eine lichtdurchflutete Reverenz erwiesen. Damals schon war es ihr um das Aufzeigen von „Geometrien der Melancholie“ gegangen, ein Weg, der über den „Schwarzweißroman“ (2005) und dessen einsame Heldin bis an den Ural führte und jetzt in der „Hundenovelle“ mündet: wiederum mit einer vereinzelten Heldin. In der Sommerhitze einer deutschen Großstadt, während der sogenannten Hundstage, widerfährt ihr Unerhörtes.

„Mein Gesicht schwarz“, mit diesem klassischen Schwermuts-Topos führt sich die Ich-Erzählerin ein. Sie hat allen Grund zur Traurigkeit: Mit ihrer verstorbenen Mutter pflegte sie ein symbiotisches Verhältnis als deren Dauer- Gesellschafterin. Bis zu ihrem Tod war die osteuropäische Immigrantin passiv im Wohnzimmer mit den geblümten Tapeten verharrt. Als die Erzählerin danach wegen mangelnden Engagements auch noch ihre gut bezahlte Arbeit in einem Labor verliert, empfindet sie die schlagartige Isolation als Geschenk: „Immer war zuviel Geschwätz um mich gewesen, zuviel Unruhe.“

Ziellos streift die Frau durch das Brachland einer aufgegebenen Industrielandschaft, die als Spiegelbild ihrer seelischen Verwahrlosung, ihres vergessenen Innenlebens, „das hier wucherte“ erscheint: „Stadtbrache, vages Terrain. Nichtort, wo jederzeit alles möglich war und nie etwas geschah. Ruderalflora siedelte sich an, erhob sich an windigen Stellen, auf offenen Flächen, in Übergangsgegenden.“ Plötzlich taucht aus dem Nichts ein schwarzes Tier auf, das sich als großer verwahrloster Hund entpuppt. Er rollt sich zu ihren Füßen ein. Als sie gehen will, heftet er sich an ihre Fersen, folgt ihr in die stille Stadtwohnung. Wie der Höllenhund Zerberus oder Fausts kluger schwarzer Pudel invadiert er ihr Leben, kapert als unheimliches Phantasiewesen ihre Träume: „Tiefschwarz, groß, mit imposanten Bewegungen, die mich in gewisser Weise erschreckten.“ Der eingespielte Rhythmus des Alleinseins wird durch Hund Pompi, benannt nach bunten Wattebäuschen im Hundesalon, grundlegend gestört. Marion Poschmann schickt ihre Heldin, eine ausgezeichnete Beobachterin, in die feindliche, ihr immer fremdere Welt hinaus. Dabei gelingen ihr eindringliche, auch komische Momentaufnahmen einer in Vereinzelung begriffenen Gesellschaft.

Wie es der formstrengen Gattung entspricht, steuert die „Hundenovelle“ auf einen ergreifend traurigen Endpunkt zu, der nicht verraten werden soll. Es ist ein letzter radikaler Schritt in die Einsamkeit, der bei der Protagonistin bis zur körperlichen Verwahrlosung und Kasteiung führt: „Ich musste die Lebensmittelbeschaffung in letzter Zeit vernachlässigt haben. Hatte mir das etwas zu sagen? Konnte ich daraus irgendwelche Schlüsse ziehen? Die Heilige Katharina von Genua trank zeitweise nur Waschwasser, aß verdorbenes Brot und faules Obst, um Gott näher zu sein.“ Die einzige Verbindung zur Außenwelt kann die Melancholikerin noch herstellen, indem sie sich im Gebüsch versteckt, um fremde Hunde vom familienfreundlichen Retriever bis zum sportlich federnden Dalmatiner anzulocken. Um Gespräche geht es ihr im Verlauf ihrer Borderline-Entwicklung längst nicht mehr. Das „Heimweh“, das dem letzten von vier Abschnitten seinen Titel gibt, kann als Wunsch nach wortloser Kommunikation mit den Mitgeschöpfen gelesen werden. Doch wie beim klassischen Teufelspakt holt sie Pompis rätselhafter Zauber wieder ein.

Im Schlussbild des „Schwarzweißromans“ verschwindet die Heldin im blendenden Weiß einer endlosen russischen Schneelandschaft. Die „Hundenovelle“ habe sie von Anfang an als ihr blaues Buch empfunden, sagt Marion Poschmann. Die Farbsignale sind hier dezenter gesetzt, aber ebenso wirkmächtig. Am Ende leuchtet der Canis maior am nachtblauen Himmel, „der Hund mit dem gleißend hellen Gesicht“. Die „Hundenovelle“ steht samt ihrer poetischen Kraft unter seinem guten Stern.



KATRIN HILLGRUBER



Marion Poschmann,

1969 in Essen geboren,

debütierte 2002 mit dem

Roman „Baden bei

Gewitter“ und hat sich

auch als Dichterin

einen Namen gemacht.

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