Literatur : Rote Fahnen über Potsdam

Von Gräfin Poninski und Hans Friedrichs: Roland Thimme beschreibt Biographien und Lebenswege unter zwei Diktaturen

Klaus Büstrin

Ellen Gräfin Poninski gehörte in das monarchistische Potsdam, schon ihrer Herkunft wegen. Von Ralswiek auf Rügen zog sie nach Berlin, dann nach Potsdam. Hier erlebte sie im April 1945 den Untergang der historischen Stadtmitte. In ihrem Tagebuch hielt sie am 15. April, also zwei Tage nach der Bombardierung Potsdams fest: „Nun war’s zu Ende. Auch für den fanatischsten Optimisten der letzte Rest Hoffnung dahin.“ Gräfin Poninski hat das Ende des Nationalsozialismus mit seinen folgenschweren Verbrechen sehnsüchtig erwartet. Und vielleicht wäre ihre Einschätzung im Jahre 1989, in der Zeit nach der Wende, in einigen Punkten ähnlich ausgefallen. Die Potsdamer Tagebuchaufzeichnungen der Gräfin beginnen 1942 und enden, als sie 1949 die ehemalige Residenzstadt preußischer Könige verließ. Sie hat die Symbole zweier Diktaturen erlebt.

„Rote Fahnen über Potsdam“ nennt der 1931 in Potsdam geborene Historiker Roland Thimme sein Buch. Rote Fahnen wehten über Potsdam von 1933 bis 1989. Auf rotem Grund waren die Symbolzeichen der beiden Diktaturen abgebildet: das Hakenkreuz der Hitler-Partei, die SED benutzte in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR zwei ineinander verschlungenen Hände als Zeichen der Vereinigung von SPD und KPD im Osten Deutschlands. Thimme beschreibt am Beispiel seiner Heimatstadt eindrucksvoll, wie verschiedene ideologische Konzepte das Leben der Menschen beeinflussten, wie sie den einzelnen verführten, veränderten, aber auch zum Widerspruch, ja Widerstand drängten.

Nach sorgfältig geprüften Recherchen hat er ein spannendes Buch geschrieben, das auch vom „Einzug diktatorischer Systeme in die Welt der bürgerlichen und familiären Ordnung und die durch politische Veränderungen hervorgerufenen Brüche in den Lebensplanungen“ berichtet. Der Autor weiß um die Divergenz bei der Aufarbeitung eines historischen Themas von Wissenschaftlern und individuellen Erinnerungen. Er hat in „Rote Fahnen über Potsdam“ beide Sichtweisen bevorzugt. Und somit konnte er die Geschichte differenziert darstellen. Biographien und Tagebuchaufzeichnungen von Potsdamer Bürgern und deren Erfahrungen im Alltag erhellen die beiden Systeme in besonderem Maße.

Hans Friedrichs, Oberbürgermeister von Potsdam von 1933 bis 1945, zeitweilig auch Kreisleiter der NSDAP, ist ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Ältere Potsdamer verbinden mit Friedrichs durchaus auch positive Erinnerungen, besonders im Hinblick auf seine intensive Bautätigkeit. Das Stadtoberhaupt wollte ein „Groß-Potsdam“, bei dem aber wertvolles Waldgebiet vernichtet werden sollte. Mit seiner kulturellen Förderung sollte „die große Welt auf Potsdam aufmerksam“ gemacht werden. „In dieser Hinsicht erwies er sich, meint ein Zeitgenosse, „keineswegs als ein sturer Parteimann“.

Doch als linientreuer Nationalsozialist hat er im Februar 1945 die Mitarbeiter der Stadtverwaltung aufgefordert, Wehrmachtsdeserteure, die er als „Marodebrüder“ und „Volksverräter“ beschimpfte, zu fassen: Solche Lumpen seien dem Ende zuzuführen. Regierungspräsident Ernst Fromm bescheinigte ihm: „Er ist ein vorbildlicher Oberbürgermeister im Sinne der Gesetze, Bestimmungen und Verwaltungsgrundsätze des Dritten Reiches“. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft verließ Friedrichs Potsdam in Richtung Schwarzwald.

Der hohe Wehrmachtsoffizier und Oberregierungsrat der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres Otto Korfes kehrte 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Potsdam zurück. Er, der 1933 die Machtergreifung Hitlers als Schutzmaßnahme gegen das im drohend erscheinende Übergewicht der KPD sah, wurde 1943 einer der führenden Propagandisten der sowjetisch-stalinistischen Ideen. Als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland arbeitete er in der Sowjetunion eng mit Walter Ulbricht zusammen. Zuvor ergab er sich bei Stalingrad als Kommandeur der 295. Infanteriedivision. An der Front hat er dann die deutschen Soldaten aufgerufen, sich zu ergeben und damit dem Krieg ein Ende zu geben. In der DDR wurde er aktives Mitglied der National-Demokratischen Partei Deutschlands und wurde in die Führungselite der Volkspolizei übernommen. Doch die Staatssicherheit war ihm gegenüber misstrauisch. Er würde die führende Rolle der Arbeiterklasse und die damit zusammenhängende Kaderpolitik nicht ganz verstehen und billigen, hieß es in einem IM-Bericht. Darin wurde „die politische Unzuverlässigkeit des K.“ festgestellt.

Mit bewegender Anteilnahme liest man die Ausschnitte von Tagebüchern Marianne Vogts und der Gräfin Poninski. Darin schildern sie den Einmarsch der Roten Armee in Potsdam, von Plünderungen und Vergewaltigungen und von den Möglichkeiten, sich – unter neuen roten Fahnen – in der sowjetischen Besatzungszeit irgendwie im Alltag einzurichten. Trotz der lokalhistorischen Darstellung ist das Buch von Roland Thimme auch von überregionaler Bedeutung, weil es vom Gesinnungswandel sowie von Überlebenstaktiken von Menschen, die in Diktaturen lebten, eindrucksvoll berichtet.







– Roland Thimme:

Rote Fahnen über Potsdam 1933–1989. Lebenswege und Tagebücher. Hentrich & Hentrich, Teetz 2007. 466 Seiten, 36,80 Euro.

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