Savianos Buch "Gomorrha" : Der Blick in den Abgrund

Roberto Savianos Bestseller "Gomorrha" ist eine Reise in die globale Unterwelt der Mafia.

Peter von Becker
Gomorrha Foto: Promo
Roberto Saviano: "Gomorrha". -Foto: Promo

Zynisch gesagt, ließen sich die jüngsten Mafia-Morde vor einer Pizzeria in Duisburg als fabelhaft verkaufsfördernde Maßnahme bezeichnen für Roberto Savianos am Wochenende in Deutschland erschienenes Buch „Gomorrha“. Nun ist Italiens organisiertes Verbrechen mit seinen regionalen Spezialnamen Cosa Nostra, ’Ndrangheta und Camorra auch hierzulande wieder im Gespräch. Aber Saviano und sein Buch „Gomorrha“ bedürfen gar keiner weiteren blutig aktuellen Kulisse. Der Fall ist schon für sich aufregend genug.

Roberto Saviano hat Philosophie studiert und in Neapel als freier Journalist gearbeitet. Er ist 28 Jahre alt und war noch vor kurzem völlig unbekannt. Bis 2006 im Mailänder Großverlag Mondadori „Gomorrha“ erschien, diese „Reise ins Reich der Camorra“, so der deutsche Untertitel. Die Camorra ist die Mafia Neapels und der umgebenden Region Kampanien – und „Gomorrha“ fand von Bozen bis Palermo in wenigen Monaten 800 000 Käufer. Obwohl es Saviano hauptsächlich um die Fakten des camorristischen „imperio economico“ geht, führte sein Bericht die italienischen Bestsellerlisten – auf Platz 1 – der Romane an, nicht der Sachbücher.

Die Camorra selber wusste freilich schnell, was hier Dichtung und was Wahrheit ist. Als Saviano dann nicht nur im Buch, sondern bei immer mehr öffentlichen Lesungen und Diskussionen penetrant (und fast selbstmörderisch mutig) auf den Fakten und vor allem den Namen der Bosse und ihrer Familien bestand, war das sein Todesurteil. Um ihm zu entgehen, lebt Saviano, der am 5. September in Berlin im Kulturinstitut in der italienischen Botschaft am Tiergarten auftreten will, seit zehn Monaten wie einst Salman Rushdie: an unbekannten Orten, in der Woche mehrmals die Wohnungen wechselnd und Tag und Nacht unter Polizeischutz.

Das Buch ist tatsächlich ein Zwitter, ein Monster, ein Menetekel. Saviano schreibt mal wie ein Reporter aus eigenem Erleben, kühl und sachlich. Dann wieder, einem Romancier gleich, in Ausbrüchen der Emotion, Wut, Verzweiflung, Verwünschung. Und ist dazwischen ein Zeithistoriker, der Wirtschaftssoziologie seiner Heimat auf der Spur. Hierbei grenzt das Faktische geradezu unvermeidlich ans Fantastische, wird darin eins. Zum Beispiel in Casal di Principe.

So heißt Savianos Heimatgemeinde. Eine Kleinstadt nordwestlich von Neapel, mit weniger als 20 000 Einwohnern. Allein in diesem Nest sind 517 Baufirmen offiziell registriert, und etliche hundert mehr gibt es in den Nachbargemeinden. Hier existiert das größte Einkaufszentrum Süditaliens und eines der mächtigsten Multiplex-Kinos des ganzen Landes. In Casal di Principe regieren die nach dem Ort benannten Clans der Casalesen, einige von ihnen wurden in den letzten Jahren verhaftet oder in Kriegen unter den Clans liquidiert, und Saviano schleicht sich heimlich in deren zum Teil verlassene riesige Villen, die wiederum, gigantisch vergrößert, exakte Kopien der Gangster-Anwesen in Hollywood-Mafiafilmen sind. Mit eigenen Führerbunkern.

Trotz punktueller Erfolge der staatlichen Mafia-Jäger ist die Macht der Casalesen wie die der gesamten Camorra seit Jahren nur immer gewachsen. In seiner Heimatstadt, wo seine Eltern noch immer leben und sein Vater, weil er einen Angeschossenen retten wollte, von der Camorra malträtiert wurde, sieht Saviano das dunkle Herz Italiens. Von hier wird „halb Italien gebaut“, in Zement und auf Korruption, schwarz oder mit gewaschenem Geld. „Die erfolgreichsten Unternehmer Italiens entstammen der Bauindustrie“, schreibt Saviano. Das gilt auch für Silvio Berlusconi, dessen Namen der Autor, selten genug, nicht nennt (und der Buchverlag Mondadori gehört zu Berlusconis Medienimperium).

Gleich neben der Bauindustrie boomt die Abbauwirtschaft. Nahebei wird in einstigen Idyllen Kampaniens der Müll fast ganz Norditaliens in gespenstischen Deponielandschaften verklappt. „Nirgendwo sonst in der westlichen Welt lagert mehr illegaler Abfall und Giftmüll“, das habe seit Ende der Neunziger in nur vier Jahren etwa 44 Milliarden Euro „in die Taschen der Clans und ihrer Mittelsmänner gespült“. Ein Markt mit jährlichen Zuwachsraten von knapp 30 Prozent, „vergleichbar nur mit dem Wachstum des Kokainmarkts“.

Während die Mafia, wenn es blutig wird, immer häufiger halbwüchsige Killer beschäftigt (ihre wie in Afrika mit Drogen aufgeputschten Kindersoldaten), sind es fast Kinder auch, die Saviano beobachtet, wie sie mit nichts als Tüchern vorm Mund auf den dioxinverseuchten, von giftigen Nebeln bedeckten Kippen als billige, kurzlebige Tagelöhner arbeiten. Diesen Albtraum lassen laut Saviano bestochene Chemiker Wirklichkeit werden, mit ihren amtlichen Berichten zur angeblichen Einhaltung der EU-Schadstoffnormen. Saviano benennt dazu Anlagen der Petrochemie in Sizilien und Unternehmen der mit ihrem Umweltschutz werbenden Toskana ebenso wie venezianische Kläranlagen („vorwiegend staatlicher Kapitalgesellschaften“). Sie alle lassen ihre giftigen Rückstände in Kalabrien Tag für Tag preisgünstig entsorgen. Inzwischen stinkt diese Hölle buchstäblich bis Neapel, das in diesem Jahr am eigenen Abfall zu ersticken droht.

Dort spielt das Lied von der Stadt, dem Müll und dem Mord immer lauter. Nach Polizeiermittlungen arbeiten 15 von 18 Müllentsorgungsfirmen in der Provinz Neapel „direkt mit den camorristischen Clans“ zusammen. Und weil die Deponien Kampaniens von allem auswärtigen Abfall so lukrativ überfüllt sind, wurde in den letzten Jahren der einheimische kampanische Müll „zu einem Preis, der fünfzigmal höher lag als der, den die Camorra von ihren Kunden verlangte“, von Neapel nach Deutschland gebracht! So wird der Albtraum zum Irrwitz.

Saviano schildert eindrücklich auch die fast surreal grausigen Folter- und Tötungsmethoden der Mafiosi. Ein Kapitel ist zudem Don Peppino gewidmet, dem Pfarrer von Casal di Principe, den die Camorra ermorden lässt nach seinen Predigten gegen die örtlichen Clans und der Androhung, den Familien nicht mehr die kirchlichen Sakramente zu gewähren. Das wirkt als Fallstudie menschlich anrührend, aber man wundert sich, warum Saviano an diesem Punkt nicht weiterfragt: nach der möglichen Macht oder Ohnmacht der Kirche im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Verhängte der Vatikan einen allgemein verbindlichen Kirchenbann gegen die Mafia, wäre dies ja weit mehr als nur eine symbolische Geste.

Am eindrucksvollsten liest sich „Gomorrha“, wo das Buch aus nächstem Erleben ganz Wirtschaftskrimi ist. Saviano sucht sich einen Job im Hafen von Neapel und gerät in ein Viertel scheinbar verrottender Wohn- und Lagerhäuser, die unterirdisch miteinander verbunden sind und in denen chinesische Reedereien und Zulieferer ihre schier unvorstellbaren, unkontrollierten Warenmengen für die Märkte Europas zwischenlagern. Afrikaner, Albaner, Italiener, Chinesen wohnen und werken wie menschliche Termiten in diesen Häusern, versetzen in ihnen über Nacht Räume und Wände, im immergleichen Wechsel von laden, lagern, liefern. Einmal mehr: eine reale Geisterwelt.

Noch toller, gespenstischer, handfester wird das im Norden Neapels, in der „Las Vegas“ genannten Gegend um das Kaff Secondigliano. Hier arbeiten, ohne Tarifverträge und Versicherungen, die besten Näherinnen und Schneider Italiens – laut Saviano vermutlich: die besten der Welt. Sie schneidern von den Chinesen und ihrer Mafia, den Triaden, gelieferte Stoffe, nach Entwürfen der Topdesigner aus Mailand und Turin. Denen geht es nicht um die mindere Qualität in Asien gefertigter Textilien, sondern um die billige Produktion erstklassiger Wertarbeit. Saviano nennt Namen, etwa Armani und Versace. Und schildert, wie einer der neapolitanischen Schneider sein für einen Dumping-Lohn gefertigtes Kleid, ein Einzelstück, im Fernsehen wiedererkennt: am Körper von Angelina Jolie, in der Oscar-Nacht. Übrigens hat keines der Mode-Weltunternehmen die Angaben von „Gomorrha“ bisher bestritten.

Die Haute Couture versteigert ihre neuen Modelle jeweils unter den Camorra-nahen Unternehmern des süditalienischen Las Vegas. Das preiswerteste Angebot erhält den Zuschlag, manchmal konkurrieren auch mehrere Schneider um denselben Entwurf. Wer am Ende nicht auf dem Laufsteg landet, bedient mit dem stillen Einverständnis der Modehäuser den zweiten Markt der Outlets: mit echten Kopien, mit autorisierten Fälschungen. Das hat man bisher kaum gewusst.

Ralph Salerno, ein New Yorker Kripo-Mann, hatte Ende der 60er Jahre in den USA mit seiner Studie über „Das organisierte Verbrechen“ wohl erstmals darauf hingewiesen, dass es nicht mehr nur um Glücksspiel, Schmuggel und Schutzgelder geht; er schrieb, dass die amerikanische Cosa Nostra im Jahr mehr Umsatz mache als General Motors, Ford, Standard Oil und alle US-Stahlwerke zusammen. Inzwischen ist die Mafia längst ein globales Phänomen. Roberto Savianos neoveristischer Tatsachenroman bringt das am Beispiel von Sodom und Camorra auf den wunden, dunkelsten Punkt. So reicht sein Buch in den besten Passagen heran an Truman Capotes Essay-Bericht „Kaltblütig“ oder die Afrika-Reportagen eines Ryszard Kapuczinski.

– Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra. Aus dem Italienischen von Friedrike Hausmann und Rita Seuß. Carl Hanser Verlag, München 2007. 367 Seiten, 21,50 Euro.

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