Siegfried Jägendorf : Der Feind war der Tod

Da glaubt man, genügend Kenntnisse über den Holocaust erworben zu haben – und wird immer wieder neu belehrt., wie von Siegfried Jägendorfs "Wunder von Moghilew".

Wilfried F. Schöller

Im Einzelfall liegt das Geheimnis, kann das ganze Panorama entstehen. „Das Wunder von Moghilew“ ist so ein Zeugnis: Bericht und Rechenschaft eines Einzelnen, aber es weitet sich zum Dokument jüdischen Widerstands. Der Fall trägt sich in Transnistrien zu, zwischen Rumänien und der West-Ukraine, von deutschen und rumänischen Truppen 1941 besetzt, zuvor von der Roten Armee ausgeplündert. Im Mittelpunkt: der Habsburger Jude Siegfried Jägendorf, einstiger Siemens-Direktor, einer von 150 000, die der rumänische Diktator und Hitler-Verbündete Antonescu 1941 nach Transnistrien deportieren ließ. Antonescu schickte die Juden nicht in die Gaskammer, sondern vernichtete sie auf Arbeit.

Jägendorf kam ins Getto von Moghilew-Podolski in Anzug und Krawatte. Als gelernter Ingenieur gelang es ihm, bis zum Präfekten vorzudringen. Er erbot sich, mit Fachkräften das zerstörte Elektrizitätswerk in Gang zu bringen, baute mit einem immer größer werdenden Trupp von Arbeitern eine Gießerei und eine Fabrik wieder auf und kurbelte die Produktion an. Zeitweilig übernahm er auch die Leitung des Jüdischen Komitees und steuerte seine Leute mit drakonischem Regiment durch Hunger, Todesangst, Korruption und Verrat. So rettete er in Moghilew 10 000 Juden. Später wurde er mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei einen Teufelspakt eingegangen. Er antwortete: „Der Feind war einzig und allein der Tod, und unsere einzige Aufgabe bestand darin, zu überleben.“ Jägendorf schrieb diesen Bericht, nachdem er 1946 mit seiner Familie in die USA emigriert war. Zehn Jahre lang grübelte er an seinen Memoiren, 1970 starb er.

1986 recherchierte Aron Hirt-Manheimer seine Geschichte nach. Das Buch besteht aus dem Wechselspiel von autobiographischer Darstellung und nacherzählendem, berichtigendem Kommentar. Der Überlebende und der Forscher liefern ihre Version. Daraus ergibt sich ein Duell über das erinnerte und das historisch nachprüfbare Material. Siegfried Jägendorf dürfte künftig in einem Atemzug mit Raoul Wallenberg und Oskar Schindler genannt werden.

Siegfried Jägendorf: Das Wunder von Moghilev. Hrsg. und kommentiert von Aron Hirt-Manheimer. Übersetzt von Ulrike Döpfer. Transit Verlag, Berlin 2010. 220 S., zahlreiche Abb., 18,80 €.

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