Thomas Stangl : In den Labyrinthen wohnen die Gespenster

Ach, die Wirklichkeit: Der Wiener Schriftsteller Thomas Stangl entgrenzt Zeit und Raum. Und endlich haben die Österreicher wieder Glück mit ihrer Literatur.

Olga Martynova

"Er kennt diesen Ort, warum kommt er nie von Wien“ – dieses „Nicht-von-Wien-Kommen“ ist ein wiederkehrendes Motiv im neuen Roman von Thomas Stangl, dem Wiener Autor, der mehrere Auszeichnungen und viel Kritikerlob geerntet hat, seit er 2004 mit dem Roman „Der einzige Ort“ debütierte. Wien ist so oft und von so vielen Seiten dargestellt worden, dass man jedes neue Werk, das in Wien und mit Wien spielt, neugierig beäugt: Was kommt nun? Es kommt – „Was kommt“. Darin entfalten sich zwei parallele Geschichten, die miteinander verbunden sind, eine Konstruktion, die fast schon eine Art Markenzeichen von Thomas Stangl geworden ist. Wie sie miteinander zusammenhängen, ist die Frage, die Stangls Bücher so spannend macht.

In seinem Debütroman begeben sich ein Engländer und ein Franzose auf die Suche nach der sagenhaften afrikanischen Stadt Timbuktu und werden dort in staubigen Gassen zu Gespenstern, die nichts voneinander wissen. In „Ihre Musik“ (2006) sind das zwei Wienerinnen, Mutter und Tochter, die parallel auf eine Katastrophe, den Tod der Tochter, zusteuern. Sie werden dabei von jemandem beobachtet: Ist es der Erzähler? Ein allgegenwärtiges Gespenst? Im neuen Roman scheint dieser Jemand reale Gestalt angenommen zu haben, in dem Maße, in dem bei Stangl überhaupt etwas real sein kann. Diese Gestalt ist der einsame Teenager Andreas Bichler, der sich im Wien der 70er Jahre der Welt dermaßen fremd fühlt, dass er lieber auf seinen Körper verzichten und durch Wände laufen würde.

Er ist ein von den Mitschülern gequältes Waisenkind, das sich ins Lesen vertieft, das von seiner unglücklichen, kranken Großmutter ein kleines Repertoire von Lebensweisheiten mit auf den Weg bekommt, die ihm seine einzige Chance rauben, in der Welt draußen anzukommen. Als er, bloß um etwas zu sagen, den zum politischen Gespräch einladenden Mitschülern sagt, ihn störe die jüdische Nase von Bruno Kreisky und er mit Verachtung zurückgefragt wird, wem er einen solchen Dreck nachplappert, ist er endgültig alleine.

Die Parallelität des Erzählens verläuft diesmal in unterschiedlichen historischen Zeiten. Die zweite Hauptfigur, Emilia Degen (die Mutter aus dem zweiten Roman), auch sie einsam und mit ihrer Großmutter lebend, findet in Wien 1937 als Backfisch ihre einzige Liebe, die sie sehr bald verliert. „Sind in Dachau“ liest sie irgendwann an der Tür der Eltern ihres Geliebten. Am Ende des Buches treffen sich beide Schicksalslinien, die Zeit wird aufgehoben. Andreas Bichler, nach dem Tod seiner Großmutter zu einem einsamen Verrückten geworden, wird zum Mörder von Emilia Degen, der sich aus der Welt der Lebenden immer weiter entfernenden alten Frau.

Die zeitliche Verankerung gerät aus den Fugen. Andreas Bichler geht am Ufer des Kanals an einem Pärchen vorbei, „um das sich die Lichter drehen, ein langer Rock und lange Haare“. Wir erkennen darin Emilia Degen und ihren Geliebten. Emilia Degen wiederum begegnet einer alten Frau, die Andreas Bichlers Großmutter verdächtig ähnlich ist. Zugleich kann man diese Großmutter als das ehemalige Dienstmädchen in Emilias Haus identifizieren. Stangl streut überall gut dosiert Indizien, dass die Welten und Zeiten ineinanderfließen.

Die 70er Jahre, die Zeit der tristen Kindheit und Jugend von Andreas Bichler, ist auch die Zeit von Peter Handke und Thomas Bernhard. Der junge Bichler liest irgendwann, als er aus dem Alter der Science-Fiction heraus ist, Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Viele Erzählstränge in „Was kommt“ kann man auch als eine Replik auf diese Erzählung sehen, denn Andy Bichler wird nicht nur zu einem Gespenst, sondern auch zu einem geistesgestörten Mörder. Aber statt der Knappheit und punktuellen Verfremdung, mit denen Handke Generationen von Lesern hypnotisierte (und die er irgendwann links liegen ließ), spricht Stangl aus der inneren Perspektive, aus den Labyrinthen seiner Figuren heraus. Und wo Bernhard artifiziell und wohlberechnet mit Hass und Ekel spielt, behandelt Stangl seinen Stoff mit Mitleid und Empathie. Dieses Mitleid ist genauso unpersönlich wie Bernhards Hass, und genau so überzeugend und stark. Das ist Mitleid mit allem, was geboren wird und schon deshalb bemitleidenswert ist.

Virtuos vermischt und verschiebt Thomas Stangl unterschiedliche Realitäten, bis zu ihrem Verschwinden und Wiedererscheinen in einer anderen, neuen Realität. Diese Realität ist bei ihm die Botschaft, und diese Botschaft lautet: Alles Gewesene bleibt. Nichts geht endgültig verloren. Zugleich ist nichts wirklich vorhanden.

Die Österreicher haben wieder Glück mit ihrer Literatur: Sie mag zwar wohl nie weg von Österreich kommen. Aber sie kann dieses Österreich in alle Orte der Welt verwandeln.

Thomas Stangl: Was kommt. Roman. Literaturverlag Droschl. Graz 2009. 183 Seiten, 19 €.

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