Vietnam : Das Abschlachtfeld

40 Jahre 1968 sind auch 40 Jahre Vietnam: Bernd Greiner blickt zurück auf einen "Krieg ohne Fronten".

Ingo Way

Im vierzigsten Jahr nach 1968 überbieten sich Zeitungen und Buchverlage mit Rückschauen und Zeitzeugenberichten, mit mal eher nostalgischen, mal eher verdammenden Bilanzen der großen Zeit der Sit-Ins und Großdemonstrationen. Und nie fehlt der Hinweis, dass sich die Studentenrevolte nicht zuletzt am Vietnamkrieg entzündete, der als amerikanische Aggression gegen eine legitime nationale Befreiungsbewegung gedeutet wurde. Kurioserweise verband sich der verständliche Protest gegen die amerikanische Kriegführung mit der Bewunderung für Massenmörder wie Mao Tse Tung und Ho Chi Minh.

Dies ist aber nicht das Thema von Ulrich Greiners großer Studie über den Vietnamkrieg „Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam“. In der Einleitung beklagt der Autor, dass zwar viel über die Rezeption des Konflikts im Westen, über seine kulturelle, psychologische und diskursive Verarbeitung geschrieben wurde und wird; wenig jedoch über den Krieg selbst. Diese Lücke will Greiner schließen.

Nicht dass er sensationell neue Erkenntnisse zutage fördert, die eine Umschreibung der Geschichte nötig machen. Wohl aber gelingt es ihm, durch die Auswertung bislang ungenutzter Quellen den Verlauf dieses Krieges in einem neuen Licht erscheinen zu lassen – eines, das unvorstellbare Gräueltaten illuminiert, von denen man im Prinzip weiß, die man in solcher Dichte und Intensität jedoch noch kaum in einer historischen Darstellung beschrieben gefunden hat.

Dazu hat Greiner das umfangreichste Archiv über US-Kriegsverbrechen in Vietnam gesichtet, das von der „Vietnam War Crimes Working Group“ der US-Armee zwischen 1970 und 1974 angelegt wurde, um für Diskussionen mit der Öffentlichkeit gewappnet zu sein. Nach Ablauf der 20-jährigen Sperrfrist ist dieses Archiv seit 1994 für die Forschung zugänglich. Greiner kann für sich beanspruchen, die weltweit erste Buchpublikation vorgelegt zu haben, die auf diesem Material beruht. Ergänzend stützt sich Greiner auf die Akten der Peers-Kommission, ebenfalls ein Untersuchungsausschuss der Armee, der unter dem Eindruck des Massakers von My Lai gebildet wurde.

Diese Quellen sind über den Verdacht erhaben, antiamerikanische Propaganda zu enthalten. Greiner schildert die Kriegsverbrechen der US-Bodentruppen anhand von drei Fallstudien: über die Spezialeinheiten, die 1967 die Aufgabe hatten, die nördlichen Provinzen Südvietnams von Vietcong-Kämpfern zu „säubern“; die „Task Force Baker“, die 1968 im Gefolge der nordvietnamesischen Tet-Offensive gebildet wurde und für das Massaker in My Lai verantwortlich war, bei dem 500 Zivilisten ermordet wurden; und schließlich die Operation „Speedy Express“, bei der zwischen November 1968 und April 1969 im Mekongdelta 11 000 tote Vietnamesen gezählt, aber nur 700 Waffen erbeutet wurden. Diese Kapitel sind, um es gelinde auszudrücken, erschütternd.

Die häufig vorgebrachte Deutung, der Krieg hätte von den USA gewonnen werden können, wenn die heimische Antikriegsbewegung der Armee nicht in den Rücken gefallen wäre, wird von Greiner verworfen. Die in Vietnam verübten Grausamkeiten ließen sich durch kein noch so hehres politisches Ziel rechtfertigen. Dagegen zu protestieren, war legitim. Massaker, systematische und massenhafte Folterungen, Vergewaltigungen, herausgebrochenes Zahngold, das Abschneiden von Ohren und Geschlechtsteilen als Trophäen, nicht zuletzt die Zwangsumsiedelung von Millionen Menschen, um dem Vietcong seine dörfliche Rückzugsbasis abzuschneiden – das alles waren keine Exzesse Einzelner, sondern eine bis hinauf ins Pentagon gewollte Taktik.

Wie es zu einer derartigen Eskalation kommen konnte, erklärt sich für Greiner durch die Natur des asymmetrischen Krieges. Wo es keinen sichtbaren Feind gibt, verschwimmt die Grenze zwischen Kämpfern und Zivilisten. Einziges Erfolgskriterium war die Zahl getöteter Vietcong. So wurde zunächst jeder tote Vietnamese als feindlicher Kämpfer gezählt und schließlich auf alles geschossen, was sich bewegt, um die Tötungsquote zu erhöhen. Aus Angst vor Überfällen aus dem Hinterhalt töteten US-Soldaten oft allein deshalb, um sich ihrer eigenen Handlungsfähigkeit zu vergewissern. Nicht zu leugnen ist aber auch, dass vielen das Töten Spaß machte und als regelrechter Sport betreiben wurde, weil keine Sanktionen zu befürchten waren. Statt eines Kampfes um die „hearts and minds“ der Vietnamesen wurde ein gnadenloser Krieg gegen die Zivilbevölkerung geführt, der jede freiheitliche Rhetorik konterkarierte. Dabei verschweigt Greiner nicht, dass er nur eine Hälfte der Geschichte erzählt, weil die Kriegsverbrechen des Vietcong und Nordvietnams schlicht nicht dokumentiert sind. Er verschweigt auch nicht, dass sich der Vietcong systematisch hinter der Zivilbevölkerung versteckte und sie terrorisierte. Auch weist er darauf hin, dass nur ein kleiner Teil der US-Soldaten an Verbrechen beteiligt war. Nur zehn Prozent der in Vietnam eingesetzten Soldaten haben überhaupt an Kampfeinsätzen teilgenommen, insgesamt etwa 260 000 Mann. Gräueltaten wurden vor allem durch die „Special forces“ für Aufstandsbekämpfung begangen. Nicht zuletzt gibt es zahlreiche Beispiele für Zivilcourage; Soldaten, die Menschenrechtsverletzungen meldeten oder persönlich Zivilisten schützten, wie der Pilot Hugh Thompson, der einen Teil der Einwohner von My Lai während des Massakers evakuierte.

Ein fragwürdiger Aspekt der Studie ist, dass Greiner darauf insistiert, die USA hätten sich durch die Dominotheorie – wird ein Land in Südostasien kommunistisch, würden weitere nachziehen – zu einem sinnlosen Krieg verleiten lassen. Der verheerende Verlauf des Krieges bedeutet aber nicht, dass es nicht gute Gründe gab, das Vordringen des Kommunismus in Asien aufzuhalten. Immerhin hatten die Sowjetunion und China ihre Figuren im Spiel. Sie unterstützen Nordvietnam mit Geld und Militärberatern, im Falle Chinas auch mit Soldaten. Ein Sieg Nordvietnams wäre ein Triumph für beide Diktaturen mit erheblicher Signalwirkung gewesen. Für Greiner jedoch zogen sich die USA jedoch allein deswegen nicht aus einem ungewinnbaren Krieg zurück, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren.

Weiter bleibt ungeklärt, inwieweit die Gewaltexzesse der US-Armee von nordvietnamesischer Seite provoziert und gewollt waren, um die US–Öffentlichkeit gegen den Krieg aufzubringen. Das entbindet die Täter allerdings nicht von ihrer Verantwortung und darf nicht vergessen machen, dass das ius in bello und der Schutz von Zivilisten niemals disponierbare Güter sein dürfen.


Bernd Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam., Hamburger Edition, Hamburg 2007, 595 Seiten, 35 Euro.

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