Walser-Roman "Ein liebender Mann" : Letztes Jahr in Marienbad

Martin Walser erzählt in seinem neuen Roman von Johann Wolfgang von Goethe. Nicht aber vom Dichter, wie man ihn kennt, sondern von all der Nacktheit großer Gefühle eines liebenden und deshalb arg leidenden, alten Mannes.

Gerrit Bartels

Doch, doch, dieser Mann mag sich und insbesondere seinen Körper noch ganz gern, das hohe Alter von fast 74 Jahren hin oder her. Prüfend steht er da in einer schlaflosen Nacht vor dem Spiegel seines Ankleidezimmers und „konnte sich nicht wehren gegen eine Art Zärtlichkeitsempfindung, die er diesem Nackten gegenüber empfand. Und die Empfindung galt kein bisschen der Person, sondern allein der Nacktheit.“ Nun ist dieser alte, mit seiner Nacktheit ganz zufriedene Mann nicht irgendein Mann, sondern der deutsche Großdichter Johann Wolfgang von Goethe. Und dieser Goethe ist wiederum nicht der von der Literaturwissenschaft und seinen Biografen bis ins kleinste Detail erforschte Goethe, sondern ein liebender und deshalb arg leidender, alter Mann und als solcher die Hauptfigur in Martin Walsers neuem Roman „Ein liebender Mann“.

Walsers Goethe ist der des Jahres 1823, da dieser wie in den Jahren zuvor in den Sommermonaten in dem böhmischen Kurbad Marienbad weilt und einmal mehr auf Amalie von Levetzow und ihre drei Töchter Bertha, Amalie und Ulrike trifft. Die 19-jährige Ulrike von Levetzow ist Goethes letzte Liebe gewesen, „keine Liebschaft war es nicht“ soll sie am Ende ihres Lebens 1898 als unverheiratet gebliebene Baronin und greise Stiftsdame umständlich beteuert haben. Walser beginnt seinen Roman mit dem Blick, den sie ihm zuwirft. Dieser macht aus dem ihm schon bekannten Mädchen plötzlich eine begehrenswerte und, wie es scheint, an ihm gleichfalls sehr interessierte Frau: „Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen“. Und weiter: „Einem Sommergeplänkel ließ sich entgegensehen. Dann dieser Blick, der alles veränderte“, „diese nichts verbergen könnenden Augen“, „diese nie müden, nie matten, diese immerzu blau und leuchtenden Augen“.

Da hat man sie also wieder, die Figurenkonstellation und das Thema, die zu den liebsten von Martin Walser in den vergangenen Jahren gehören: Alter Mann liebt junges Mädchen. Das ist in Walsers letzten Romanen „Angstblüte“ und „Der Augenblick der Liebe“ so, während in dem 2001 veröffentlichten Roman „Der Lebenslauf der Liebe“ die Geschlechterrollen vertauscht sind: Susi Gern verguckt sich hier in einen dreißig Jahre jüngeren Mann.

Walser und Goethe: ein gespaltenes Verhältnis

Trotzdem ist in diesem neuen Walser-Roman auch einiges anders, was zuvorderst an Goethe liegt. Zu diesem hatte Walser lange ein zwiegespaltenes, sozusagen politisches Verhältnis: zu konservativ, zu wenig Schiller, Kleist und Hölderlin für den damals wild linken Walser. Das entspannte sich für Walser erst zu Beginn der achtziger Jahre, zunächst in dem Eckermann-Stück „In Goethes Hand“ und einer Liebeserklärung („Goethes Anziehungskraft“), später dann durch gänzlich unbeirrbare Zustimmung, wie Walser erst neulich bei einem Vortrag in Berlin bekannte: „Inzwischen ist in mir ein Verständnis für den ganzen Goethe gewachsen, das ich nur noch als Zustimmung erlebe. Als Zustimmung zu allem. Zu jedem Satz, jeder Nuance, zu jeder seiner mir bekannt gewordenen Empfindungen.“ Diese Zustimmung lässt sich nun aus jeder Zeile seines Romans herauslesen. Ja, es ist eine große Zärtlichkeit, mit der Walser seinen Goethe durch dessen Liebeswirren gehen lässt. Peinlich könnte so ein typischerweise ungleichgewichtiges Liebesverhältnis sein, doch Peinlichkeiten sind kaum zu entdecken. Über diese ist der erst liebestrunkene, dann realistische, schließlich sich immer wieder ins Schreiben flüchtende Goethe („Nur schreiben hilft“) weit erhaben, selbst wenn er darüber räsoniert, warum das männliche Geschlechtsteil „in der Sprache nicht erscheinen darf, es sei denn lateinisch oder verballhornt“. Und diese Peinlichkeiten umkurvt auch Walser: Im Gegensatz zu „Angstblüte“, der mitunter recht altherrenhaft zotig geriet, ist „Ein liebender Mann“ geradezu keusch-züchtig. Das liegt selbstredend auch an der bis auf einen einzigen Kuss sehr keuschen Goethe-Ulrike-Beziehung, die später, nach der Abreise der Levetzows aus Marienbad, nur noch eine Goethe-Beziehung ist.

Und im Vergleich mit den vergangenen Romanen ist „Ein liebender Mann“ auch viel straffer, stringenter organisiert und erzählt, mit all den Liebestrunkenheiten- und -nöten, die Walser wie kein Zweiter in immer wieder neue und noch schönere Wendungen zu kleiden versteht. So wird dann aus dem Goethe-Roman ein Walser-Roman, aus Goethe mehr und mehr eine Walser-Figur, die auch Halm oder Zürn heißen könnte. Und so stehen in dem Roman, den Goethe hier gleich nach der ersten Begegnung mit Ulrike beschwingt beginnt und „Ein liebender Mann“ nennt, und in seinen vielen späteren, von Walser ebenfalls imaginierten Briefen, reine Walser-Sätze: „Meine Liebe hat auf Dich gewartet. Wenn du sie nicht willst, vernichtet sie mich. Und ich wehre mich nicht. Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin. Ich weiß es auch nicht“.

Zeugnis von Goethes letzter, unerfüllter Liebe

Vollständig in seinen Roman übernommen aber hat Walser die „Marienbader Elegie“, das berühmte lange Sehnsuchtsgedicht, das Goethe in der Kutsche auf der Rückfahrt nach Weimar, im September 1823, beginnt. Und das ist bei aller Anverwandlung und Unkorrektheit der Fiktion nur konsequent, ist dieses Gedicht doch Resultat und beredtes Zeugnis von Goethes letzter, unerfüllter Liebe: höhere poetische Wahrheit und tiefe Sublimation. Goethe ist – typisch für eine Walser-Figur – ein Abhängigkeitssehnsüchtiger und Schmerzensmann, den eine Tragik umweht, die er immer wieder abzuwenden und durchaus auch mal ins Komische zu wenden weiß, von Walser in einer fast heiteren Prosa durchgängig transportiert. Am Ende gerät die Heiterkeit zwar einmal doch nah an die Grenze der Peinlichkeit, als Goethe nach dem Aufwachen „sein Teil in der Hand“ hatte, „und das war steif. Da wusste er, von wem er geträumt hatte“. Doch muss das auch so: Einen Ausweg aus dem Ulrike-Liebesunglücksglück, damit beschließt Walser seinen feinen Roman, gibt es für Goethe, „Marienbader Elegie“ hin, der zweite Teil von Faust her, vorerst nicht.

Martin Walser:
Ein liebender Mann. Roman. Rowohlt
Verlag, Reinbek 2008. 288 Seiten, 19,90 €

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