Literatur : Wolles und Burgers Sibylle Krause-Burgers Familiengeschichte

Michael Wolffsohn

Noch ein Buch über deutsch-jüdische Geschichte vor, während und nach der NS-Zeit? Gibt es nicht schon mehr – und zu viel? Das könnte man meinen. Irrtum, denn jede Geschichte ist anders und neu. Jede ist ergreifend, erschütternd und lässt einen auch Tage nach der Lektüre nicht los. Der Länge und Höhe nach sind meine Bücherregale mit Büchern dieser Art vollgestopft. Fast jedes liefert mir, obwohl schon vorher wohl gut informiert, neue Lehren und Einsichten. Je mehr ich lese und über die NS-Zeit weiß, desto weniger verstehe ich, was geschah und wie es geschehen konnte: dass „Menschen wie du und ich“ zu Mördern, Mitmachern oder nur (nur?) Mitläufern wurden, teilweise in ein und derselben Familie.

Ich gestehe: So ist es mir mit Sibylle Krause-Burgers Buch gegangen. Vor der Lektüre dachte auch ich: Schon wieder und noch mehr? Während und nach der Lektüre war ich gefesselt.

Sibylle Krause-Burger kennt jeder, der die deutsche Medienlandschaft auch nur oberflächlich kennt. Sie ist eine bedeutende Journalisten, gehört also einer oft geschwätzigen Zunft an, ohne dass sie jede zu den Schwätzern gehörte. Informiert sein und informieren, das dürfte ihre Devise gewesen sein. Manche werden ihre Bücher über Joschka Fischer oder Gerhard Schröder gelesen haben. Kurzum, eine Frau von intellektuellem, publizistischem und politischem Gewicht.

Die beschriebenen Qualitäten treffen auch auf ihr neuestes Buch zu. Hier erzählt sie bewegt, bewegend und dennoch meistens sachlich (nur selten einem schnippisch überlegenem politisch korrekten Jargon verfallend) die tragische Geschichte einer, ihrer Familie, in der es Juden und Nichtjuden, Opfer, Täter und Mitläufer gab. Die „Mischung“, die „Mischehe“ ihrer jüdischen Mutter und ihres nichtjüdischen Vaters macht den „Reiz“ dieses Buches aus. Hier gibt es nicht nur Schwarz (genauer: Braun) oder Weiß (genauer: das den Juden verordnete Gelb), sondern viele Zwischentöne, denn die Welt der Wolles (das ist die Mutterfamilie) und der Burgers (der Vaterfamilie) ist eine Zwischenwelt mit Zwischentönen – ebenso wie eindeutigen.

Da ist die kränkliche Mutter. Das Judentum bedeutete ihr und den meisten der Ihren nichts mehr. Und doch wurden sie als Juden verfolgt, ihre Mutter und ihr Bruder ermordet. Im Mikrokosmos dieser Familie erleben wir die Doppeltragödie des deutschen Judentums. Tragödie eins: Die Ermordung der deutschen Juden. Tragödie zwei: Die Ermordung wegen eines Judentums, das ihnen nichts mehr wirklich bedeutete.

Anders als viele andere deutsche und westeuropäische, auch amerikanische Juden hat Sibylle Krause-Burgers Mutter nach 1945 kein trotziges und nicht immer religiös oder historisch fundiertes Jetzt-erst-recht-Judentum entwickelt. Sie empfand – man versteht es gar nicht – ihr Judentum auch „nach Auschwitz“ als Makel. Was für eine Situation: Weil sie mit einem „Arier“ verheiratet war, wurde die Mutter nicht deportiert. Als es dennoch lebensgefährlich wurde, fand sie mit ihren zwei Kindern Unterschlupf in einem schwäbischen Dorf bei ihrem antisemitischen, aber nicht nazistischen und schon gar nicht zum Judenmord bereiten Schwiegervater und ihrer auch nach 1945 obernazistischen Schwägerin, die mit einem im „Dritten Reich“ wilden SS-Mann verheiratet war, der in der Bundesrepublik zum Männlein mutierte.

Der Vater der Autorin: Was für eine Persönlichkeit! Sibylle Krause-Burger ist professionell genug, um nicht in töchterliches Schwärmen zu verfallen; sie beschreibt schlicht die Lebenssituationen und -stationen ihres Vaters. So können die Leser sich ihr eigenes Bild von diesem Mann formen. Es ist dem Vater von Joachim Fest durchaus vergleichbar, wenngleich ganz anders. Eindrucksvoll, wie er trotz geradezu übermenschlicher Erschwernisse Mensch und seiner Jüdin ein liebender Ehemann blieb. Ganz ohne Rührseligkeit ist das eine eindrucksvolle Liebes- und Lebensgeschichte.

Wer könnte unbeeindruckt bleiben vom „Clash und Crash der Zivilisationen“ in einer Doppelfamilie, der deutsch- christlichen Familie Burger und der deutsch-jüdischen Familie Wolle?

Ich will das Buch nicht nacherzählen, rezensieren im engeren Sinne kann man es nicht, wohl aber nachdrücklich empfehlen. Mich hat Sibylle Krause-Burgers Buch beeindruckt.



– Sibylle Krause-Burger:
Herr Wolle lässt noch einmal grüßen. Geschichte meiner deutsch-jüdischen Familie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 255 Seiten, 19,95 Euro

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