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Lob der Fiktion : Leben spielen

28.11.2012 14:27 Uhrvon
Der Roman aller Romane. Keira Knightley als Anna Karenina. Eine Neuverfilmung des Meisterwerks von Leo Tolstoi kommt am 6. Dezember in die Kinos. Foto: Focus FeaturesBild vergrößern
Der Roman aller Romane. Keira Knightley als Anna Karenina. Eine Neuverfilmung des Meisterwerks von Leo Tolstoi kommt am 6. Dezember in die Kinos. - Foto: Focus Features

Der Roman ist tot, hieß es in diesem Bücherherbst. Aber was wäre der Mensch, könnte er sich nicht neu erfinden?

Die Neuigkeit erreichte mich im Auto. Ich saß vor der Schule meiner Tochter im Auto und las – anstatt loszufahren – in Tolstois Roman „Familienglück“. Ich hatte zu tun, aber ich konnte nicht aufhören. Leo Tolstoi ist der Autor, der gewissermaßen den Roman aller Romane geschrieben hat, „Anna Karenina“, mit dem berühmtesten Romananfang der Literaturgeschichte, über die glücklichen Familien, die einander ähneln, während jede unglückliche Familie auf ihre Weise unglücklich ist.

Ich las also „Familienglück“, den Tolstoi vor „Anna Karenina“ schrieb, ein schmales Werk, in dem es naturgemäß ebenfalls mehr um das Unglück geht als um das Glück, obwohl der Anbahnung des Glücks viel Platz eingeräumt wird.

Ein nicht mehr ganz so junger Mann verliebt sich in eine junge Frau, deren Vormund er nach dem Tod ihrer Mutter ist. Die langsame Annäherung der beiden, den Übertritt der Gefühle vom geschützten Raum der Freundschaft aufs ungeschützte Feld der Liebe, den Affentanz der Offenbarung (zwei Schritte vor, einen zurück), aber vor allem die Verwunderung der Figuren über die Verwandlung ihrer selbst – all das beschreibt Tolstoi so leichthändig präzise, so gemächlich und dabei mit unerwarteten Wendungen in jedem Absatz, dass ich nach 80 Seiten und so viel zauberischem Gelingen eine Pause brauchte.

Ich griff nach dem Smartphone und blätterte online durch die Zeitungen. Ein Nachrichtenmagazin brachte eine Eilmeldung: Der Roman ist tot, stand da. Ich war geschockt. Die anderen brachten die Meldung auch. Der Roman, diese epische Großform in Prosa, spät entwickelte Gattung, seit dem 19. Jahrhundert die Gattung der Literatur schlechthin – gestorben im Bücherherbst 2012.

Krieg, Finanzkrise, Wahnsinn

Nach dem ersten Schreck fiel mir ein, dass dieser Tod (wie im klassischen Roman) nicht ganz ohne Vorzeichen gekommen war. Jonathan Franzen hatte sein Ende schon vor über zehn Jahren prophezeit, der geheimnisvolle Thomas Pynchon und der hochgeschätzte Don DeLillo hatten Ähnliches geschrieben. Und hat Philip Roth inzwischen nicht angekündigt, nie wieder einen Roman schreiben zu wollen und in der „New York Times“ behauptet, Fiktion sei vorbei? Internet, Twitter, Blogs, Digitalisierung der Verlage. Die komplexer gewordene Welt einerseits, die Verfügbarkeit des Weltwissens auf Knopfdruck andererseits. All das hat den Roman in letzter Zeit wie einen steinalten Waldzausel aussehen lassen.

Als ich die Todesanzeigen genauer las, musste ich erstaunt erfahren, dass der Roman gar nicht dem Siegeszug des Internets erlegen war – sondern dem Narzissmus und der Erfahrungslosigkeit der Autoren, die angeblich immer nur den eigenen Bauchnabel umkreisen und deswegen nichts vom echten Leben und der echten Welt mitbekommen. Die Welt sei so groß, so Krieg, so Finanzkrise, so der totale Wahnsinn, dass alles Erfundene, alles aus einem kleinen Schriftstellerhirn hervorfantasierte ohnehin nur läppisch sein könne. Pah, stöhnte es aus einer der Todesanzeigen verächtlich: Fiktion ist ja so was von over. Der Roman ist an seiner Fiktionalität gestorben ! Interessant.

Andere diagnostizierten, der Roman habe verenden müssen, weil er so allgegenwärtig sei. Jeder Politiker, Schlagersänger oder Polizist, so die These, veröffentlicht Romane, die den Namen freilich nicht verdienen, weil sie aus Fertigbauteilen des realistischen Erzählens, aus stupider Kulissenschieberei bestehen, runtergetippt nach Wie-schreibe-ich-einenKrimi-Anleitungen. Romanschreiben als Hobby, zur Entspannung. Wie Malen nach Zahlen. Der Roman, las ich, sei an seiner auf pure Unterhaltung getrimmten Formelhaftigkeit erstickt.

Es lebe die literarische Reportage!

Wie die meisten Nachrufe versuchten auch diese, Trost zu verbreiten. Die Fiktion ist tot, aber der literarische Geist ist noch da! Er sei aus dem faulenden Romanleib in ein anderes Genre, die literarische Reportage gewechselt und dort quicklebendig. Es lebe die literarische Reportage! Die Kriegsreportage, Bankenkrisenreportage, Dritte-Welt-Reportage. Schriftstellerreporter, die dorthin reisen, wo es wirklich wehtut, um dem Weltwahnsinn den panischen, techno-archaischen, den wahren Herzschlag der Gegenwart abzulauschen: Dies seien die Tolstois von heute. Fakten, Geschichte, rohe Wirklichkeit.

Ich blickte auf. Noch immer saß ich im Auto vor einer Berliner Schule. Der Verkehr rauschte vorbei, Menschen warteten an der Bushaltestelle. Obwohl die Bäume in herrlichem Herbstgold leuchteten, schien der Rest von einem Grauschleier überzogen. Ich nahm den Tolstoi zur Hand, vorsichtig, als sei er plötzlich wertvoll wie eine Bibel aus dem Mittelalter. „Tage, Wochen, zwei Monate abgeschiedenen Landlebens vergingen unmerklich, wie es damals schien, indes hätten die Gefühle, die Aufregungen und die Glücksmomente dieser zwei Monate für ein ganzes Leben gereicht.“

Ich blätterte.

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