Kultur : Lyrics vs. Lyrik

„Songtexte als Dichtung“ beenden das Poesiefestival

Martin Ernst

Die Frage, die das Poesiefestival zum Abschluss in die Runde wirft, ist in eigener Sache natürlich eine substanzielle: Sind Lyrics Lyrik? Kann man Songtexte von Blumfeld oder F.S.K. neben die Gedichte Paul Celans stellen? Und: hätte der letzte Nobelpreis an Bob Dylan gehen sollen?

Auch in diesem Jahr soll die Grenze des traditionellen Lyrik-Begriffs wieder ein bisschen erweitert werden. Die These, die das Kolloquium verfolgt, gibt sich radikal, ist aber eigentlich nicht überraschend: Songtexte seien der „eigentliche Energiekern der Gegenwartslyrik“. Manch hartgesottenem Moderne-Verfechter mögen da die Haare zu Berge stehen, das Berliner Publikum ist damit kaum noch zu schocken.

Dennoch, der historische Abriss des Potsdamer Kulturwissenschaftlers Lars Eckstein lohnt sich. Denn, Lyrik und Musik, das war vor Urzeiten schon mal eins. Im 16. Jahrhundert trennt sich dann das Gedicht vom Gesang: Es schüttelt den Performance-Charakter ab und vermählt sich mit dem Papier. Im Buch wird es zum Ort der inneren Stimme. Wieso aber soll der Gedichtband heute poetischer sein als der Popsong?

Die Anwälte der Popkultur sind prominent und es hat etwas von einer Heimführung, wie sie das Thema angehen, Songtexte auf ihre Poetizität hin abklopfen und Schnittmengen von Lyrics und Lyrik aufzeigen. Der legendäre Labelbetreiber Alfred Hilsberg zeigt an Songs der Fehlfarben und der Hamburger Schule, dass Vieldeutigkeit kein Alleinstellungsmerkmal des gedruckten Worts mehr ist. Für die Berliner Lyrikerin Uljana Wolf birgt sowieso jeder gute Popsong potenziell ein Gedicht und der Ex-Spex-Redakteur Max Dax untersuchte schon vor Jahren die „Kunstsprache“ der Popmusik.

Fazit: Ja, natürlich sind Songtexte auch Dichtung, zumindest die guten. Etwas unbeantwortet bleibt am Ende die Frage nach „Qualitätsstandards“ – aber nach fast drei Stunden Theorie stört sich daran keiner mehr. Damit das Festival nicht ausklingt wie ein Freitagabend-Seminar, gibt es noch mal Anschauungsunterricht in Sachen Übergang: von der Lesung zum Konzert. „Nimm dir einen Redekreis und tu dich mittenrein“, sprech-singt der unverwüstliche Thomas Meinecke in liturgischem Tonfall. Weitaus charmanter performt die Wienerin Eva Jantschisch aka Gustav: Gehauchter Sprechgesang wird zum tänzelnden Trällern und mutiert in „Rettet die Wale“ zum verspielten Elektro-Chanson. Martin Ernst

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