Lyrikband von Tom Schulz : Mein Freund, der Esperant

Bewusstseinsinventur auf Weltreise: Der Lyrikband „Die Verlegung der Stolpersteine“ von Tom Schulz vereint Sprachschöpfungen und Gesellschaftskritik.

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Von Mexiko, über die Krim an den Strand von St. Peter Ording (Foto). Der Lyriker Tom Schulz ist Weltreisender.
Von Mexiko, über die Krim an den Strand von St. Peter Ording (Foto). Der Lyriker Tom Schulz ist Weltreisender.Foto: dpa / picture-alliance

Seine Expeditionen führen ihn nach Litauen und auf die Krim, zur russischen Halbinsel Kamtschatka, nach Griechenland, ins rheinland-pfälzische Edenkoben, in den Hamburger Stadtteil Sasel und nach Mexiko. Der jüngste Lyrikband des einst aus der Oberlausitzer Provinz nach Berlin aufgebrochenen Tom Schulz ist das Buch eines Weltreisenden.

Das Repertoire des 1970 geborenen Autors ist vielgestaltig. Er operiert sowohl mit Sprachschöpfungen wie „Baumapotheke“, „Schmerzmaschine“ und „Reaktorsonne“ wie mit der Klartext-Tradition politischer Poesie. Ob in Strophen, in Prosa oder in Kurzform – alle Gedichte leben vom Sehen und Erinnern und vom Sprechen gegen das Vergessen.

Darin berühren sich seine „Stolperstein“-Gedichte mit den Gedenktafeln des Projektkünstlers Gunter Demnig, der 1992 begann, mit in Gehwege eingelassenen Messingtafeln an vom NS-Regime verfolgte und ermordete Menschen zu erinnern. Thematisch sind die Gedichte weiter gefasst. Auch wird das Muster der Schulz’schen „Stolpersteine“ durchbrochen. Es tun sich Lücken auf. Auf Irritation ist die gesamte Struktur angelegt.

Ungeheuerliches wird nur in den Dingen angedeutet

Im titelgebenden „Stolperstein“-Kapitel folgt auf den „nullten bis fünfundvierzigsten“ Stolperstein etwa der „dreihundertachtundneunzigste bis erste Stolperstein“. So ruckelt es vorwärts und rückwärts und fügt sich doch überraschend zusammen. Bloße Spielerei ist das nicht, Schulz entwirft eine Art „Schöpfung rückwärts“. Vom Prolog bis zu Kapitel VII geht es in rasanten Schnitten und Überblendungen voran, dann aber fehlt zumindest in der Nummerierung etliches– ein Signal für Vergessenes oder Verdrängtes? Schließlich ertönt am Ende der Paukenschlag eines politischen Manifestes.

In Anlehnung an Emily Dickinsons „Haus der Poesie“, das die Dichterin 1862 als ein Haus der Möglichkeiten beschrieb, das man auf vielen Wegen betreten kann, verweisen die „Stolpersteine“ des zweiten Kapitels auf ein Haus der Gefangenschaft und der Menschenvernichtung. Je karger die Beschreibung dieses dunklen Ortes ist, umso mehr sprechen die Dinge: ein Raum ohne Fenster, aber mit einem Strang. Eine Tür ohne Klinke, Fenster ohne Haltegriffe. Von Waggons und Gleisen ist die Rede und von Klage.

Selten tritt ein lyrisches Ich auf

„Celan auf Esperanto“ ist ein Gedicht überschrieben, das auf Paul Celans „Todesfuge“ assoziiert. Es führt das Motiv des Sprachhauses weiter, variiert es, fragt nach Kellern, schallschluckenden Wänden und einem verwilderten Garten. „Mein Freund, der Esperant, babelt und sammelt die Toten“, heißt es, und „Mein Freund spricht im Schlaf oder Tod“. Dass Ungeheuerliches nur in den Dingen angedeutet wird, macht die Stärke der Stolperstein-Gedichte aus. Der Wanderer kommt nach „Buchenweimar“ – eine Wortkombination, die Kulturerbe und Verbrechen zusammendenkt.

Bei allem Furor im Formalen geht es ansonsten um große Themen, die seit jeher die Dichtung bewegen: um die Schöpfung, die Zeit, die Liebe, den Krieg, das Verhältnis von Mensch und Natur – und letztlich um die Sprache selbst.

Der Autor und Übersetzer Tom Schulz, Jahrgang 1970.
Der Autor und Übersetzer Tom Schulz, Jahrgang 1970.Foto: Daniel Hengst

Im Auftakt-Gedicht „Prager Straße“ spricht ein „SmartphoneMensch“, der Dresdner Familiengeschichte als Teil der deutschen Geschichte erfasst. Selten tritt ein lyrisches Ich auf. Stattdessen artikuliert sich mit den „Dagebliebenen“ ein Wir, das mehrere Generationen einschließt: Überlebende von Krieg und Feuersturm, Menschen mit Nachkriegs- und DDR-Erfahrungen, schließlich Gegenwartsfiguren mit „Stimmen, deutsch und heil“.

Von der vagen Antiidylle „Nemunas" bis zu den „Kühen am Atomkraftwerk“ vollzieht sich ein Perspektivwechsel vom Lokalen zum Globalen: „Auch wir sind Teile eines Sterns, der den Vertrag / mit allen Arten aufgekündigt hat“. Ob urzeitliches Mammut, Bären auf Kamtschatka oder Labormaus – allerlei Fauna streift durch die Seiten dieses Buches. Es wirkt wie eine Bewusstseinsinventur mit sowohl umgangssprachlichen Wendungen wie zahlreichen literarischen Zitate und Assoziationen.

Teils harsche Gesellschaftskritik

Manchmal verrät sich im sprechenden Wir auch der allzu unbesorgte Bürger: „Wenn der Pegel steigt, nehmen wir / den Kahn nach St. Peter-Ording und kaufen uns ein Los der Fernsehlotterie“. Der Zyklus „Die Kühe am Atomkraftwerk“ widmet sich einer Gesellschaft, die Manipulationen von Pharmaindustrie und Gentechnik ausgesetzt ist. Im Griechenland-Kapitel „Heraklits Tablet" ist von verlorenen Werten die Rede: „… mythisch sind wir nicht länger, doch schnell entflammbar / vom Funkenflug einer Reaktorsonne“, sagen die Argonauten.

Die teils harsche Gesellschaftskritik steigert sich im Schlussgedicht „Die Rodung eines Parks“ ins Proklamatorische. Ein Wir verkündet eine Art Manifest: „Wir brauchen keine Menschen an der Schnittstelle / von Missbrauch und Gewalt“. Mehr noch: „Wir brauchen keine Menschen an der Schnittstelle / von Profitmaximierung und Geldvernichtung, wir brauchen keine Konzerne, die den Garten Eden auf Erden zerstören.“ Wer hätte bei der Sprachbesessenheit dieses Autors mit so viel revolutionärem Pathos gerechnet?

Tom Schulz: Die Verlegung der Stolpersteine. Gedichte. Hanser, Berlin 2017. 128 S., 18 €.

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