Marina Weisband im Interview : "Bild-Leser können auch lesen!"

Lange zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Jetzt hat Marina Weisband ein Buch geschrieben, in dem sie den Politikansatz der Piraten als allgemeines Zukunftsmodell anpreist. Im Interview erklärt sie, warum das wichtig ist - und Parteien und Presse einem leuchtenden Morgen im Weg stehen.

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Piratin Marina Weisband
Piratin Marina WeisbandFoto: dpa

Frau Weisband. Gleich auf dem Einband Ihres Buches "Wir nennen es Politik"  steht der Satz: „Politik hat das Ziel, alle Menschen möglichst glücklich zu machen.“ Wie ist man denn glücklich?

Niemand weiß, wie Menschen mit ihrem Leben am zufriedensten sind, außer den Menschen selbst. Es gibt keine Regierung der Welt, die eine Politik machen kann, die gut für alle ist. Denn Bedürfnisse und Potenziale sind sehr individuell. Das heißt, für mich ist Politik der Diskurs zwischen Menschen, um die Balance zu finden zwischen Regeln für ein friedliches Zusammenleben und größtmöglicher Freiheit.

Reicht es als Partei diese Frage nach dem Glücklichsein aufzuwerfen?

Ich werfe diese Frage ja nicht innerhalb der Parteien auf, sondern ich gehe ganz viele Schritte zurück, wo ich noch gar nicht bei Parteiendemokratie bin, noch gar nicht bei repräsentativer Demokratie. Sondern ich bin erstmal bei der Frage, wofür haben wir so etwas wie Politik? Wofür brauchen wir das? Was ist das Ziel von Politik?

In Ihrem Buch sind diese Fragen eng verknüpft mit Forderungen nach neuen Partizipationsmöglichkeiten, liquider, netzbasierter Demokratie, in der sich alle permanent an Entscheidungsprozessen beteiligen. Die klassische repräsentative Demokratie mit Parteien und Abgeordneten ist das Gestern, das nicht mehr genügt. Das klingt nach Umsturz.

Halt. Ich verachte die repräsentative Demokratie nicht und sie ist auch nicht schlecht. Sie war das Optimalste, was wir lange Zeit hatten. Nur jetzt ist der Diskurs zwischen Politik und Bevölkerung erweiterbar. Durch zusätzliche neue, technische Möglichkeiten, die vor zehn Jahren noch nicht da waren. Und dieser Diskurs muss individueller laufen, weil niemand allein klug genug ist, um zu sagen, wie es allen besser gehen kann.

Diskutieren die Piraten deshalb statt über konkrete Inhalte am liebsten über Kommunikations- und Partiziaptionsformen im digitalen Zeitalter. Ist das der Kern Ihrer Partei?

Nein. Kern der Piraten ist ein Menschenbild. Davon bin ich überzeugt. Der Mensch ist selbstständig. Wenn ihm seine Existenzangst genommen wird und er mitreden darf, können Menschen sinnvoll Gesellschaft gestalten.

Sie sprechen schon wieder von Beteiligung. Was ist für das Wesen der Piraten denn nun wichtiger: das sozialliberale Menschen- und Gesellschaftsbild, das Sie grad angedeutet haben, oder der innerparteiliche Prozess, aus dem es hervorgegangen ist?

Beides! Ganz klar! Ich bin Psychologin, wir fragen uns immer: Genetik oder Umwelt? Und stellen dann fest, dass alles einander bedingt. Wir brauchen die Netzwerke, damit unsere Mitglieder eigenständig denken können. Aber wir brauchen auch eigenständig denkende Mitglieder, um die Netzwerke zu beleben.

Aus Diskurs wird Beschluss wird Menschenbild: Lässt sich das aber nun auf eine Gesellschaft von 80 Millionen übertragen?

Ich bedanke mich für diese Frage.

Ohgott, dann war sie schlecht.

Nein, es ist DIE Frage, um die es geht, und die im Buch auch noch zu kurz kommt: Nein, kann man nicht! Weil wir hier in Deutschland eine repräsentative Demokratie haben. Und deren Mechanismen sind wichtig! Aber liquide Demokratie, wie wir sie in der Piratenpartei probieren, ist gut als Informationsverarbeitungsding, als Meinungsfindungsmaschine. Wir können sie parallel laufen lassen, sogar global, auch dezentral. Es ist erst einmal etwas, womit sich Mehrheiten finden lassen. Und die können Volksvertreter nicht kalt lassen.

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