Mary Ocher : Die Freiheit der Andersfühlenden

Kein Gott, keine Nation, keine Angst: Die Berliner Songwriterin Mary Ocher und ihr Lo-Fi-Album „Eden“. Eine Begegnung

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Querschlägerin. Mary Ocher, 26, Musikerin aus Friedrichshain.
Querschlägerin. Mary Ocher, 26, Musikerin aus Friedrichshain.Foto: Copyright - Christoph Neumann

Auf kleinen Füßen wandert der Buchstabe A über das rechte Handgelenk von Mary Ocher. Sie hat das Tattoo selbst entworfen und es sich vor einigen Jahren in Berlin stechen lassen. Wird sie nach der Bedeutung gefragt, gibt sie gerne mal Quatsch-Antworten und behauptet, das A stehe für „Anything“ oder „Arsehole“. Heute ist sie gnädig und verrät, dass es für Anarchie und Anarchismus steht.

„Mit 16 oder 17 Jahren habe ich gemerkt, dass das die Ideologie ist, mit der ich mich am meisten identifiziere“, erklärt Ocher, die sich mit ihren wasserstoffblonden Haaren, der riesigen Brille und ihrer Achtzigerjahre-Lederjacke deutlich vom handelsüblichen Anarcho-Punk abhebt. Nicht minder ernst ist es ihr allerdings mit der Anarchie. Sitzt man der 26-Jährigen eine Stunde lang gegenüber, in der sie keinen einzigen Schluck trinkt und stets aufrecht auf der Stuhlkante hockt, versteht man, dass ihre Interpretation des Begriffs sich weniger um Zügellosigkeit oder die Abschaffung staatlicher Institutionen dreht, als vielmehr um individuelle, gelebte Freiheit. Die Freiheit von Konventionen und die Freiheit zur Selbstbestimmung, was immer auch die Freiheit der anderen mit einschließt. „Ich möchte hierarchische Strukturen nicht als gegeben nehmen. Wenn ich mit anderen zusammenarbeite, versuche ich nicht zu viel Kontrolle zu übernehmen, sondern ihnen die Freiheit zu geben sich auszudrücken“.

Eine sehr harmonische Zusammenarbeit hat sie gerade hinter sich: Ihr zweites, Ende nächster Woche erscheinendes Solo-Album „Eden“ hat sie mit dem kanadischen Produzenten King Khan in dessen Berliner Heimstudio aufgenommen. Es ging quasi wie von selbst, erzählt Mary Ocher. Schicht für Schicht arbeiteten sich die beiden vor, grübelten über die beste Instrumentierung, luden Gastmusiker ein. Das Ergebnis ist eine schillernde Lo-Fi- Singer-Songwriter-Platte, deren Spektrum von fragilen Pianoballaden über rumpelige Rocksongs bis hin zu einem epischen Synthesizer-Experiment reicht. Genauso unberechenbar wie das Soundkonzept ist auch Ochers Gesang, der aus grollenden Tiefen plötzlich in kreischige Höhen schießen kann, um im nächsten Song wieder sanft wispernd daherzukommen.

„Als Kind habe ich billige MTV-Musik gehört. Ich mochte R’n’B-Sängerinnen wie Whitney Houston und Mariah Carey – die Ladys mit den großen Lungen. Heute finde ich Yoko Ono und Meredith Monk interessanter“, sagt Ocher. Sie betont, dass sie nie gleich klingen wolle und immer den bestmöglichen Ausdruck für den jeweiligen Text suche. Worum es darin geht, ist oftmals nicht sofort ersichtlich, denn sie tendiert zu assoziativ-poetischen Lyrics. „The android sea/Knows not to beg for anything/ Like humans do/ Don’t punish me for what I want“, heißt es etwa in „Android Sea“. Vielleicht geht es darin um die Verlorenheit des Menschen, vielleicht aber auch nur um Albträume.

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