• Michael Naumann zur US-Wahl: Die Kunst des Populisten: Ängste wecken und Sündenböcke erfinden

Michael Naumann zur US-Wahl : Die Kunst des Populisten: Ängste wecken und Sündenböcke erfinden

Donald Trump hat mit pseudokonservativen Argumenten und der Sprache eines Schauermanns die Wahl gewonnen. Dass er tatsächlich die Folgen der Globalisierung abfedern kann, wird er selbst kaum glauben. Ein Kommentar.

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Nicht unser Präsident. Demonstranten vor dem New Yorker Trump Tower in der 5th Avenue am Tag nach der Wahl. Foto: AFP
Nicht unser Präsident. Demonstranten vor dem New Yorker Trump Tower in der 5th Avenue am Tag nach der Wahl. Foto: AFPFoto: AFP

Demokratische Gesellschaften kennen am Tag nach der Wahl verschiedene Formen von Katzenjammer, je nach politischer Ausrichtung der Verlierer. Konservative Parteien lassen nach kurzer Trauer die sieglosen Spitzenkandidaten erbarmungslos fallen und suchen sich sofort neue Führungsgestalten. Das reicht. Der liberale oder linke Katzenjammer ist analytisch anspruchsvoller, langatmiger, schmerzhafter und meistens auch noch politisch folgenlos – auf Jahre hinaus.

Warum also, fragen sich die amerikanischen Kommentatoren und demokratischen Parteistrategen, die ein gutes Jahr lang auf Hillary Clinton gesetzt hatten, warum also sind sie alle einem bodenlosen Irrtum über die Mehrheit der Amerikaner, die Donald Trump zuneigten, aufgesessen? War es Selbst-Hypnose? Wie konnten sie nur glauben, dass eine Wählermelange aus Lesben, Schwulen, Latinos und Afroamerikanern, aus College- Kids und urbanen Hipstern wahlentscheidend sei?

Clinton redete nur zu auf die ohnehin Überzeugten ein

Warum hatte Hillary Clinton die Millionen Verlierer in den verödeten Industriestädten des Mittelwestens aus den Augen verloren – bloß, weil sie in der Vergangenheit treue Wähler ihrer Partei waren? Heute wissen wir mehr: Ihr Wahlkampf ruhte auf ebenso teuren wie kalten Analysen von Wählerverhalten in der Vergangenheit. Nur dort zog sie in den politischen Nahkampf um die Wählergunst, wo eine klare Siegchance existierte. So redete sie auf die Überzeugten ein, preaching to the converted. Jedes einzelne Argument ihrer Reden hatte Hand und Fuß, allein, es fehlte ihnen die überzeugende Melodie. Ihr Mann konnte einst nicht genug vom Bad in der Menge haben, sie wirkte stets, als stünde sie hinter einer Glaswand. No baby kissing!

Ihr gegenüber agierte ein erfolgreicher Star aus dem Universum des Reality-TV, also jener Massenunterhaltung, die das Publikum in eine zweite Wirklichkeit entführt, in der Tatsachen nicht zählen, sondern die Art, wie sie verbogen werden. So viel gelogen wie Trump hat noch kein amerikanischer Präsidentschaftskandidat in jüngster Geschichte.

Doch in den nächsten Wochen, nachdem sich die ersten Schockwellen der sieglosen Demokraten verlaufen und die Republikaner sich von ihrer eigenen Überraschung erholt haben, werden die kulturhistorischen und soziologischen Erklärungen für den Siegeszug eines zweifellos rassistischen und außerordentlich ungebildeten Immobilien-Moguls die Seiten der letzten Qualitätszeitungen und Magazine der USA füllen.

Trump gehört zu den Gewinnern von Ronald Reagans Politik

Ein Hinweis auf den parteipolitischen Ursprung der gigantischen amerikanischen Vermögensumverteilung von unten nach oben wird nicht fehlen: Ronald Reagans „Trickle-down“-Ökonomie der achtziger Jahre hob mit einem Steuernachlass von 30 Prozent für die oberen und höchsten Einkommensklassen an. Die Reichen und Superreichen verschwanden für immer aus dem Sichtkreis der normalen Bürger.

Dass nun die düpierten Wähler einen der Nutznießer dieser Entwicklung wählten, gehört zur Dialektik von Trumps Auftreten: Er kenne ja schließlich „das System“ von innen, sagte er, und nur er könne es ändern. Dass er zugleich die vulgäre, sexistische Sprache eines Schauermanns der fünfziger Jahre pflegte, schien seine Wähler nicht abzuschrecken. Im Gegenteil, wahrscheinlich glaubten sie, dass man mit dem Jargon der Gosse den feinen Leute „da oben“ einen Schreck einjagen kann. Trump, der imaginierte Prolet aus dem Marmorpalast in New York: Der amerikanischen männlichen Unterschicht muss er vorgekommen sein wie ein Revolutionär, der die Seiten gewechselt hat.

Ein Hinweis auf die totale Militarisierung des US-Haushalts – mehr als 600 Milliarden Dollar pro Jahr für die Streitkräfte – wird in den Wahlanalysen auch nicht fehlen, lauter Geld, das der Reparatur von verkommenen Straßen, Schulen und Brücken fehlt. Aber warum wurden die Demokraten vom Wähler dafür haftbar gemacht? Für den gewaltigen Pentagon-Etatschub in Billionen-Höhe (wirklich Billionen!) mitsamt den dazugehörigen Kriegen seit den achtziger Jahren waren die Republikaner verantwortlich.

Warum kam Trump gerade im ländlichen Raum so gut an?

In keiner Wahl-Analyse der amerikanischen Gesellschaft werden die Klagen über Ghetto-Kriminalität, urbane Verödung und urban sprawl fehlen. Doch warum Donald Trump mit seinem übertriebenen Schauerbild Amerikas gerade dort Stimmen gewinnen konnte, wo diese Symptome eigentlich unbekannt sind, nämlich in den ländlichen Regionen, wird wohl ein Rätsel bleiben. Es ist das Rätsel aller Populisten: Warum gelingt es ihnen immer wieder, Ängste zu wecken und Sündenböcke zu erfinden?

Der Verlust von Arbeitsplätzen im Gefolge der Deindustrialisierung und der Verlagerung großer Produktionseinheiten ins Ausland – all das sind Gemeinplätze bei der Suche nach den Gründen von Trumps Wahlsieg. Doch auf diesen Gemeinplätzen hatte er sein wackliges Wahlpodium aufgebaut. Dass er die unmittelbaren Folgen der kapitalistischen Globalisierung auf dem Arbeitsmarkt kohlefördernder US-Staaten revidieren kann, wird er selbst nicht glauben.

Trump steht auch in der Nachfolge von Arnold Schwarzenegger

In Wirklichkeit steht Donald Trump in unmittelbarer Nachfolge jener Außenseiter wie Arnold Schwarzenegger, die es immer wieder einmal in die große Politik Amerikas zog, weil sie feste Ansichten über dies oder jenes hegten, vor allem aber, weil sie mit pseudokonservativen Argumenten die Schuldzuweisungen der objektiven Verlierer in Wirtschaft und Gesellschaft fokussieren und auf das ferne „Washington“ lenken konnten.

Der Prototyp dieses populistischen Wahlkämpfers war zweifellos Reagan. Als der ehemalige Schauspieler 1981 im Weißen Haus antrat, um die Schuldenmacherei des Kongresses zu beenden, verantwortete er dann allerdings das genaue Gegenteil. Auf Auslandsreisen wurde er mit 20 Minuten langen Filmen der CIA vorbereitet. Trump wird es wahrscheinlich vorziehen, erst einmal nicht ins Ausland zu fliegen, es sei denn nach Moskau, wo er einen Gesinnungsgenossen in Fragen politischer Führungsmethoden vermutet. Und vielleicht kehrt er mit neuen Erkenntnissen zurück: Wie man seine Wiederwahl garantieren kann, ohne dass die Wähler merken, wen sie eigentlich gewählt haben.

Michael Naumann ist Gründungsdirektor der Barenboim-Said Akademie in Berlin. Von 1995 bis zu seiner Berufung zum Kulturstaatsminister durch Gerhard Schröder hat Naumann als Verleger in New York gelebt.

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