"Mikro&Sprit" von Michel Gondry : Wer braucht ein Navi, wenn es Landkarten gibt?

Freaks auf Reisen: Michel Gondry feiert in „Mikro & Sprit“ die Fantasie und eine Freundschaft an der Grenze zum Erwachsenwerden.

Julia Dettke
Mikro alias Daniel (Ange Dargent, rechts) und Sprit alias Théo (Théophile Baquet).
Mikro alias Daniel (Ange Dargent, rechts) und Sprit alias Théo (Théophile Baquet).Foto: studiocanal

Michel Gondry ist der Träumer unter den Regisseuren. Die Orte seiner Träume sind der Schlaf und die Kindheit: Orte, an denen Fakten und Fantasie ineinander übergehen, sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig ergänzen und bestärken. An denen alles möglich scheint, weil man sich eine eigene Welt innerhalb der großen Welt baut. Eigene Regeln innerhalb fremder Regeln. Oder warum nicht gleich ein fahrbares Haus – auch wenn man noch viel zu jung ist für den Führerschein.

Den Schlaf hat Gondry in „Science of Sleep“ so artistisch wie akribisch (2006) untersucht, in „Mikro&Sprit“ nun geht es um die Kindheit. Um eine große Freundschaft an der Grenze zum Erwachsenwerden. Um das Duo Daniel (Ange Dargent) und Théo (Théophile Baquet), genannt Mikro und Sprit, beide 14 Jahre alt. Daniel heißt „Mikro“, weil er für sein Alter so klein ist, Théo „Sprit“, weil er meistens nach dem Benzin aus der Werkstatt seines Vaters riecht. Daniel kann famos zeichnen, ist sehr schüchtern und kommt aus einem liebevoll-schrulligen Elternhaus (Audrey Tautou spielt die theatralische Mutter). Théo ist rhetorisch versiert und selbstbewusst, muss sich aber um seine kranke Mutter kümmern und für seinen Vater arbeiten, wobei ihn die Eltern auch noch permanent beschimpfen.

...und eines Tages bauen sie sich ein Auto. Das Abenteuer beginnt.

Ziemlich unterschiedlich sind die beiden, aber eng verwandt im Anderssein. „Das ist nicht für Leute wie uns gemacht“, stellt Théo mit Blick auf das iPhone in seiner Hand fest, und greift lieber zur Landkarte. Leute wie sie, das sind auch welche, die sich gern die Finger schmutzig machen, das Analoge weitaus mehr als das Digitale lieben. Ein bisschen sind sie Freaks. Fantasiebegabte Freaks. Freundschaftsbegabte Freaks.

Ihr Leben ist dennoch erst einmal nicht besonders aufregend. Es dreht sich, wie bei 14-Jährigen nicht unüblich, um Schule, Hausaufgaben, Musik und Mädchen – bis zu dem Tag, als die zwei sich ein Auto bauen. Und das echte Abenteuer beginnt. Von ihrer Heimat Versailles aus fahren sie los in die Ferien mit dem selbst gebastelten Gefährt. Es ist eine Art Reihenhaus auf Rädern, sehr bieder, Gardine und Blumentopf inklusive. Théo hat den Motor gebaut, Daniel die Dekoration entworfen. Die Tarnung ist nicht nur praktisch, weil das Freundespaar seine Übernachtungsmöglichkeit immer gleich dabeihat, wie bei einem Wohnmobil; sondern auch, weil das ungewöhnliche Fahrzeug keine Lizenz hat. So klappen Théo und Daniel, sollte die Polizei vorbeikommen, schnell eine Abdeckung vor die Räder – und schon denken die Ordnungshüter, das Gefährt sei ein ordnungsgemäßes Reihenhaus. Erst als Daniel und Théo ihr Fahrzeug einmal neben einer Roma-Siedlung abstellen, um im nahe gelegenen See zu baden, wird die Polizei zur Gefahr: Weil die Polizisten vermuten, das Wohnmobil gehöre zur Siedlung, fackeln sie es kurzerhand mit ab.

Magie durch Erfindungslust und Realismus

Zu träumen, das heißt bei Michel Gondry nicht etwa, vor der Realität zu fliehen. Das Raue und das Prosaische sind Teil seiner Welt, in der das Fantasiegefährt und die politische Wirklichkeit sich abrupt begegnen können. Damit erinnert er auch an Wolfgang Herrndorfs großen Roman „Tschick“, diese großartige Geschichte über Freundschaft und Fantasie und Vertrauen, über die Weite und die Nähe und vor allem das Abenteuer des Reisens.

Gerade die Kombination aus fantastischer Erfindungslust und Realismus macht die Magie dieses Films aus. Vielleicht fühlt man sich den beiden Hauptfiguren deshalb so nah. Und vielleicht sehnt man sich deshalb, nach dem Abspann, schon verzaubert zurück. In diese Welt, in der so vieles möglich scheint. Alles, nur dies kaum: ein schönerer Film über die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein als „Mikro & Sprit“ von Michel Gondry.
b-ware!, Filmkunst 66, FaF, Kant und Kulturbrauerei

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