Moritz Kirsch über seine Mutter Sarah : Magie und kuhwarme Milch

Die Dichterin Sarah Kirsch wäre am Donnerstag 80 Jahre alt geworden. Ihr Sohn Moritz liest am Geburtstag im Literaturhaus Berlin aus ihrem Nachlass. Ein Gespräch in Tielenhemme.

Heiner Egge
Moritz Kirsch in der Küche des ehemaligen Schulhauses in Tielenhemme.
Moritz Kirsch in der Küche des ehemaligen Schulhauses in Tielenhemme.Foto: Werner Lauf

Das schleswig-holsteinische Tielenhemme besteht aus einer einzigen Straße und ist zehn Kilometer lang, auf die sich 144 Einwohner verteilen. Es gibt zwei ehemalige Schulen. In einer von ihnen lebt der 1969 geborene Moritz Kirsch. Es ist ein verwunschenes, oft bedichtetes Haus. 30 Jahre lang wohnte er hier mit seiner Mutter Sarah Kirsch. Er hat ihr Erbe angetreten. hütet Haus, Garten und Bücher, verwaltet den Nachlass und schreibt einen Roman. Am 5. Mai 2013 ist seine Mutter gestorben, am 16. April dieses Jahres wäre sie 80 geworden.

Herr Kirsch, ist es schwer, der Sohn einer Dichterin zu sein?
Nö. Ich bin da reingeboren, ich habe es immer als Selbstverständlichkeit erlebt. Und Sarah war eine angenehme Mutter, eine Künstlerin ohne Allüren. Sie hat mich nie in eine Richtung drücken wollen. Kind zu sein, das hängt ja immer auch von den Eltern ab.

Seit wann leben Sie in diesem Haus?
Seit dem 5. Mai 1983. Da war ich 14. Von einigen Unterbrechungen, meinen Wohnungen in Kiel abgesehen, im Prinzip durchgehend.

Und wie sind Sie aufgewachsen?
Die ersten sieben, acht Jahre in Ost-Berlin. Zuletzt in der Fischerinsel, im 17. Stock eines 20-stöckigen Hochhauses. Die Fenster konnte man nur nach außen öffnen, gut zum Fensterputzen, und die Heizung konnte man nicht selber regulieren, das machten andere für einen, wie fast alles in der DDR. Die beiden Nachbarwohnungen waren, wie sich dann viel später herausstellen sollte, konspirative Wohnungen. Die überwachten sich gegenseitig, ob sie uns auch richtig überwachten ...

Ihre Mutter hat, nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann, einen Ausreiseantrag gestellt.
Ja, sie hat direkt an Honecker geschrieben. 1977 kamen wir dann in West-Berlin an, Ende September. Wohnten bei Freunden in Charlottenburg. Ich kam in die 3. Klasse der Grundschule am Lietzensee.

Ihr Vater, der Lyriker Karl Mickel, blieb im Osten.
Ja, ich hatte aber sowieso kaum Kontakt zu ihm, meine Mutter hat mich allein erzogen. Nach unserer Ausreise habe ich ihn 1987 zum ersten Mal wieder gesehen, da war ich 18. Wir hatten uns nichts zu sagen, keinen gemeinsamen Horizont. Keine Verbindung, kein Hass. Man kann nur etwas vermissen, was man kennt.

Schon Anfang 1978 sind Sie von West-Berlin nach Rom gezogen.
Ja. Sarah hatte ein Stipendium der Villa Massimo erhalten. Das konnte man nicht ausschlagen. Rom war ein großes Glück für uns. Wir kamen aus der DDR. Schon die Fahrt vom Flughafen zur Villa Massimo: Ich sah die ersten Palmen meines Lebens. Wenn ich jemals Heimweh gehabt habe, dann war es Heimweh nach Rom.

Sie sind auf die deutsche Schule gegangen.
Ja. Schulhofsprache war Italienisch. Und ich lernte die italienische Küche kennen und liebe sie heute noch. Und das Gemüse: Brokkoli sah aus wie die Pinien. Sarah lernte in der Massimo Wolfgang von Schweinitz kennen, der war Komponist und ebenfalls Stipendiat. Sie blieben dann zusammen, 14 Jahre lang. In Italien wurde ich als Kind ernst genommen: Sie freuten sich mich zu sehen. Das tat gut. Die West-Berliner waren ja genauso muffelig gewesen wie die Ost-Berliner. Wir verlängerten, blieben ein ganzes Jahr in Rom. Glückliche Zeiten!

1983 sind Sie dann im flachen Dithmarschen gelandet.
Günter Kunert hatte uns eine Zeitungsanzeige geschickt. Da gab es ein Haus, eine ehemalige Schule, die stand zum Verkauf. Wir wussten gar nicht, wo das lag: Tielenhemme. Als wir es dann zu dritt besichtigten, wussten wir gleich: Da wollen wir wohnen. Die Eider so direkt am Haus, die kam uns gerade recht. Schwimmen und Bootfahren habe ich immer geliebt. Egal wo ich später auch war, immer sagte ich: Hier ist es schön, aber nicht so schön wie in Tielenhemme.

Wie war denn die Jugend hier am Deich?
Nachbarskinder gab es wenige, die gingen auch auf andere Schulen. Ich holte zwar im Dorf die kuhwarme Milch, blieb aber eher für mich. Der Weg zum Werner-Heisenberg-Gymnasium in Heide war weit, und da ich morgens immer sehr lange brauche, musste ich um 5 Uhr 20 aufstehen. Die Rückfahrten nach Tielenhemme habe ich stets genossen.

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