Musikfestspiele Potsdam Sanssouci : Vive Voltaire!

Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci feiern in diesem Jahr Frankreichs musikalische Vielfalt. Zur Eröffnung spielen "Les Ambassadeurs".

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Das Ensemble "Les Ambassadeurs"
Das Ensemble "Les Ambassadeurs"Foto: promo

„Allez les bleus!“, ruft Philippe Etienne, Frankreichs Botschafter in Deutschland, dem Publikum in der Potsdamer Friedenskirche zu – und eröffnet elegant gleich zwei Ereignisse auf einmal: die Fußball- Europameisterschaft und die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci.

Im Sport ist Frankreich Gastgeber, bei der Kultur ist die Grande Nation zu Gast. Der reichen, hierzulande immer noch viel zu wenig bekannten Musikwelt unserer Nachbarn sind die diesjährigen Festspiele gewidmet, von Guillaume de Machauts „Messe de Notre Dame“ aus dem 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu Henri Dutilleux, vom Barocktanz bis zum Jazz. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs erweitert „Festspiele“ und „Fußball“ um den Begriff der „Freundschaft“ zum Dreiklang des Abends. Er erinnert daran, dass das Edikt von Potsdam ab 1685 viele Hugenotten nach Potsdam führte. Am Samstag wurde die neue Städtepartnerschaft mit Versailles in der ehemaligen französischen Königsresidenz besiegelt. Für Philippe Etienne ebenso Ausdruck der Solidarität mit Frankreich wie das Festivalprogramm.

Es beginnt im Zeichen der Toleranz und macht sie als ein aktives Bemühen erlebbar, dessen Erfolg an die Fähigkeit zur Selbstkritik geknüpft ist. Voltaire steht Pate für den Abend. Sein „Traktat über die Toleranz“ hatte sich nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ vor eineinhalb Jahren zu einem Bestseller in Frankreich entwickelt. Auch, weil der Philosoph schmerzhaft aktuelle Fragen stellt: „Was soll man einem Menschen antworten, der sagt, dass er lieber Gott als den Menschen gehorchen will und dass er, als Konsequenz, sicher ist, den Himmel zu verdienen, wenn er sie umbringt.“ Für Voltaire gibt es darauf nur die Antwort, sich jedem religiösen Fanatismus radikal entgegenzustellen. Diese Haltung ist alles andere als bequem, weil sie die eigene Geschichte reflektieren muss. Folglich galten Voltaire, der gegen die Willkürjustiz von Katholiken gegenüber Protestanten kämpfte, die Christen als am wenigsten tolerant.

Aus der Musik von Voltaires Zeitalter kreieren Alexis Kossenko und sein beherztes Ensemble „Les Ambassadeurs“ ein Toleranz-Pasticcio, das mit Ouvertüren, Ballettmusiken und Arien die einende Liebe beschwört, die Zuhörer aber auch durch die Abgründe von Neid und Hass führt.

Ohne Pausen reihen sich die Werke aneinander, prominent vertreten die prachtvollen Kompositionen von Jean-Philippe Rameau, der einst mit Voltaire zusammenarbeitete. Seine Ouvertüre zur Oper „Zoroaster“ durchbebt exemplarisch den Kampf zwischen Licht und Finsternis, den die Aufklärung letztlich für sich entscheidet. Es wird getrunken und getanzt, der Natur werden die Gesetze der idealen Herrschaft abgelauscht. Vogelgesang als Schule des Lebens, gefolgt von einem einträchtigen Ballett der Nationen. Doch Schlachtenlärm und aufziehender Hass beenden die schöne Sorglosigkeit.

Der Sopranistin Katherine Watson gelingt eine dämonische Anrufung des Bösen, die Tenor Anders J. Dahlin in ebenso zarte wie tiefe Verzweiflung stürzen lässt. Begleitet von schnarrenden Fagotten lebt Bariton Aimery Lefèvre in der „Arie des Neides“ lustvoll seine Abscheu vor den Glücklichen aus. Es ist kein leichter Weg zur Versöhnung, bis am Ende Apoll mit Rameaus „Tempel des Ruhms“ fordert, die Welt zu bilden, die Menschen zu begeistern.

Über dem Park von Sanssouci ist derweil ein romantisch durch die Wolken äugender Mond aufgezogen. Im Arkadengang bezeugt ein kleiner Fernseher beiläufig, wie les bleus sich in Paris zum Sieg kämpfen. Etwas abseits steht Alexander Gauland und blickt auf seine Schuhspitzen. Man trinkt sächsischen Goldriesling zur Quiche Lorraine und Potsdamer Bier zum Baguette mit Tapenade. Aus „Erbfeindschaft“ wurde Freundschaft. Es bleibt noch viel tun.

Das Festival läuft bis zum bis 26. Juni, Infos: www.musikfestspiele-potsdam.de

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