Kultur : Mythos Metropolitan

New Yorks Universalmuseum ist eine ewige Baustelle – nun kommen die Impressionisten nach Berlin

Bernhard Schulz

Wer die New Yorker Fifth Avenue hinaufläuft, den Central Park zur Linken, die vornehmen Apartmentblocks zur Rechten, kommt in der Gegend der Achtziger-Querstraßen zu dem einzigen Gebäude im Park: dem riesigen, über 300 Meter langen Metropolitan Museum of Art. Eine Ehrfurcht gebietende Treppenanlage führt von der Straße hinauf zum säulenflankierten Eingang. Dahinter öffnet sich eine dreifach überkuppelte Eingangshalle, eine mächtige Treppe führt ins Obergeschoss, links und rechts verzweigen sich großzügige Galerieflügel.

Nichts an dieser wahrhaft imperialen Begrüßung, deren Wucht nur durch das Herumschlendern der zahllosen Touristen abgemildert wird, deutet auf die verwirrende Entstehungsgeschichte des Gebäudes. Mit dem Louvre, dem British Museum, der Eremitage und der Berliner Museumsinsel zählt das Metropolitan zu den großen Universalmuseen der Welt. Fünf Masterpläne haben das New Yorker Haus zu strukturieren gesucht, mehr als ein halbes Dutzend Chefarchitekten haben sich mit teils völlig konträren Planungen verewigt. Wer sich auf die Suche nach einer bestimmten Abteilung macht, staunt über die Vielzahl unterschiedlicher Grundrisse, über schmale Durchgänge und daneben weite Innenhöfe – Ergebnis einer mittlerweile 137-jährigen Planungs- und Baugeschichte. Und staunt über die Vielfalt der Sammlungen, von denen nur ein kleiner, aber höchst exquisiter Ausschnitt ab 1. Juni vier Monate lang in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen sein wird: 150 Meisterwerke, vor allem des Impressionismus.

Als 1869 die ersten Überlegungen zu einem „Museum in the Park“ publiziert wurden, gab es nichts – keine Sammlung, kein Budget und natürlich kein Haus. New York war damals noch kaum in den Norden hinaufgewachsen. Die eleganten Viertel, aus denen die künftigen Besucher erwartet werden durften, lagen viel weiter südlich, etwa rings um den Washington Square. Doch die Parkversion setzte sich durch. Nur eines blieb stets unbestritten: dass das Metropolitan Museum eine städtische Einrichtung ist, die von der Stadt betrieben wird, während die Sammlungen der Stiftungsbereitschaft wohlhabender Bürger entspringen. Jedenfalls hat es drei Jahrzehnte von der Gründung des Museums 1870 bis zur Jahrhundertwende gedauert, bis der grandiose Eingangsbau an der mittlerweile schon dicht besiedelten Fifth Avenue entstand und das Museum eindeutig auf den Nobelboulevard ausrichtete.

Der Ursprungsbau des Museums, heute eingekeilt zwischen immer neuen Zubauten, lag abseits der Avenue und war auf den Park ausgerichtet. Eine weitere Bauphase legte den Haupteingang dann auf die Südseite, also zwischen Park und Straße, und erst der Entwurf von Richard Morris Hunt, bis zu seinem plötzlichen Tod 1895 der führende amerikanische Architekt überhaupt, verschaffte dem Museum die Grandeur, die nunmehr die Leitlinie öffentlicher Bauten bildete. Hunt hatte in Paris studiert, und die souveräne Kombination klassischer Elemente wie der großen Frontsäulen und der streng symmetrische Plan verraten den perfekten Beaux-Arts-Schüler. Es war zugleich die Zeit, da der französische Impressionismus an der Ostküste seinen Siegeszug angetreten hatte, seit Paul Durand-Ruel, der Händler der zu Hause so übel beleumundeten Neuerer, im Frühjahr 1886 mit 300 Werken nach New York reiste und ungeahnten Erfolg hatte.

Wie selbstverständlich fügen sich die beiden Seitenflügel an das Eingangsgebäude an, die die führenden Neoklassizisten McKim, Mead and White nach 1904 planten, Teil von insgesamt fünf Ausstellungsflügeln, die doch wieder nur einen Teil eines umfassenden Masterplans bilden. Denn mit dem Engagement schwerreicher Sammler wie J. Pierpont Morgan und der Anlage eines hoch dotierten Ankaufsetats benötigte das Museum Platz und nochmals Platz. Die Sammlungen, die 1870 mit dem Ankauf von 200 europäischen Altmeisterwerken begonnen hatten, weiteten sich auf allen Gebieten aus. Das spätere Motto „5000 Jahre Kunst“ nahm Gestalt an. Aber auch der Nationalstolz kam nicht zu kurz: Der damalige Museumspräsident de Forest spendierte 1922 einen neuen Bauteil für Architektur und Kunsthandwerk der USA. So kam die Fassade der Staatsbank aus der Wall Street von 1824 ins Haus, die heute, integriert in einen wintergartenartigen Anbau des American Wing von 1980, die Blicke auf sich zieht.

Pläne wurden erstellt und verworfen, selbst mitten im Zweiten Weltkrieg. Doch eine wirklich neue Ära brach erst mit der Wahl von Thomas Hoving zum Museumsdirektor Ende 1966 an. Hoving machte das Metropolitan in dem Jahrzehnt seines Direktorats zum Prototypen des erfolgsfixierten Großmuseums. Es war die Zeit, als die Rockefellers Politik und Kultureinrichtungen in New York dominierten und John V. Lindsay als Bürgermeister Kennedy-Flair verbreitete. Alles war auf den „großen Maßstab“ zugeschnitten. 1965 erhielten die USA von Ägypten den Tempel von Dendur als Geschenk. Das „Dendur-Rennen“ entschied das Metropolitan gegen 20 Konkurrenten mit dem Argument der größten ägyptischen Sammlung der USA – und dem Versprechen, einen gläsernen Flügel für das Architekturmonument anzubauen.

Nun gab es kein Zurück – und Hoving, der die Klaviatur der politischen wie persönlichen Einflussnahme perfekt zu bedienen wusste, brachte mehrere Erweiterungswünsche unter einen Hut. So hatte er die 200-Jahr-Feier der USA 1976 im Blick, um den Amerikanischen Flügel auszubauen. Und den neuen Stiftungsratspräsidenten und Großsammler Robert Lehman köderte er mit der Errichtung eines „Lehman-Flügels“. Hoving gilt als der geniale Meister der blockbuster-Ausstellungen, der Millionen-Zuschauer-Events, wie er sie mit der ägyptischen Kunst rings um „King Tut“ inszenierte. Hoving setzte auf den Erwerb von „Weltklasse-Kunst“, mit der er mehrfach seinen Ankaufsetat sprengte. Auch die charakteristischen Fahnen an der Fassade als Hinweis auf die Sonderausstellungen sind Hovings Erbe.

Mit dem Beginn seiner Amtszeit musste auch ein namhaftes Architekturbüro her, und Ende der sechziger Jahre stand keines höher im Kurs als Kevin Roche John Dinkeloo and Associates, die gerade erst mit dem spektakulären Bau der Ford Foundation an der 42. Straße aufgefallen waren, dem ersten jener glasgedeckten Riesenatrien, wie sie auf Jahrzehnte hinaus für ambitionierte Verwaltungssitze beispielgebend wurden.

Wieder gab es einen neuen Masterplan. Private Schenkungen erbrachten die notwendigen Mittel, so dass in dichter Folge bis 1990 zunächst die Komplettrenovierung der großartigen Eingangshalle von Hunt sowie anschließend sechs neue Bauteile ausgeführt werden konnten. Die emsige Bautätigkeit, die wegen der Erweiterung des Ensembles in den Central Park hinein erhebliche Widerstände zu überwinden hatte, hielt kaum mit der Menge der Kunstwerke Schritt, die dem Museum gestiftet wurden, so Gouverneur Nelson Rockefellers riesige Sammlung außereuropäischer Kunst.

Architektonisch hielten sich Roche und Dinkeloo an die Sprache der internationalen Moderne Ende der sechziger Jahre. Also kein Weiterbau des Neoklassizismus, sondern strikt akzentuierte Stilsprünge hin zu den glasverkleideten Neubauten. Der meisterlich beherrschte Kontrast von glatten Sandsteinwänden und üppigen Glasflächen steht an manchen Nahtstellen des Gebäudes in reizvollem Kontrast zu teilweise erhaltenen Dekorationen der Zeit vor und um 1900.

Wie weiter? Ein Ende der Sammlungstätigkeit ist nicht abzusehen, doch das Areal im Central Park ist restlos ausgeschöpft. So muss im Inneren umgebaut werden: Ende April eröffneten nach zwölf Jahren Bauzeit die neuen Galerien für Griechische und Römische Kunst, ein „Museum im Museum“, wie das Haus stolz verkündet. Zuvor befand sich hier – das Museumsrestaurant. In seiner wechselvollen Baugeschichte und dem nie versiegenden Strom an kleinen und großen Stiftungen ist das Metropolitan Museum of Art vielleicht das weltweit beste Beispiel eines Bürgermuseums – und damit des edlen Wettstreits der Spender, sich als Wohltäter zu präsentieren.

„Französische Meisterwerke aus dem Metropolitan Museum of Art New York“, Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, 1. Juni bis 7. Oktober. Alles über Eintrittspreise und -karten, über Earlybird-Tickets und VIP-Tickets auf www.metinberlin.org

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben