Nachlass-Roman von Hermann Burger : Das posierende Leben

„Lokalbericht“ aus dem Nachlass von Hermann Burger ist Schriftsteller-, Kleinstadtroman und Autofiktion - vor allem aber: Wörterspaß, der sich noch heute verblüffend frisch liest.

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Kleinstadtleben
Vom Leben in der Kleinstadt erzählt Hermann Burgers "Lokalbericht"Foto: dpa / picture alliance

Es gibt von dem 1989 verstorbenen Schweizer Schriftsteller Hermann Burger einen kleinen Essay mit dem Titel „Der Mann, der nur aus Wörtern besteht“. Darin beschreibt Burger, wie ihn zwar nicht so regelmäßig wie der Stromableser, aber doch ab und an eben jener Mann aus Wörtern besucht, und zwar immer dann, „wenn ich im Wörterbuch lese. Wie andere Telefonbücher studieren vor dem Einschlafen, um sich mit Zahlen und Adressen zu betäuben, vertiefe ich mich in den Wahrig, den Dornseiff, den Duden, denn nichts ist so anregend wie nackte Wörter, wenn man sie mit den Fingerspitzen fassen und mitsamt ihren Wurzeln ausziehen kann.“

Hermann Burger beschreibt in diesem Text sich selbst, wobei er voller zwiespältiger Gefühle ist: Er fürchtet sich, von unangenehmer „Gänsehaut“ ist die Rede, von einem nicht menschenähnlichen Wesen, das wie eine „Vogelscheuche“ aussieht. Aber Burger ist genauso glücklich, wieder einmal ultimativ ins „Reich der Wörter“ geführt zu werden, sich selbst und das unheimliche andere Ich vergessen könnend:  „Dieses Vergessen, man könnte es Schreiben nennen.“

Man muss bei der Lektüre von Burgers Roman „Lokalbericht“ unweigerlich an diesen Wörtermann denken. 1970 von Burger geschrieben und jetzt erstmals überhaupt veröffentlicht, aus Burgers, wie es heißt, enorm „umfangreichem“ Nachlass, hebt der Erzähler des „Lokalbericht“ an, dass der Titel ja lange gefunden sei, jetzt nur der Roman fehle; einen Roman übrigens, den er, der angehende Literaturwissenschaftler und Deutsch-Aushilfslehrer Günter Frischknecht gern auch schon interpretieren könne, wie er seinem Doktorvater vorschlägt: „Erlauben Sie mir, meine Doktorwürde mit der Interpretation eines erfundenen Romans zu erlangen.“ Was nicht so viel Anklang findet bei Professor Kleinert: „Zügeln Sie Ihre zu Ausgeburten neigende Phantasie und arbeiten Sie mit vor wissenschaftlichen Eifer klappernden Zähnen weiter an Ihrem Zettelkasten, die Nachwelt wird es Ihnen zu danken wissen.“

Wörterspaß, Wörtersport

Das tut sie, die Nachwelt. Denn Burgers früher Roman ist ein einziger Spaß: Wörterspaß, Wortsport, Intertext, Semifiktion. Vor allem im ersten Teil, da es um nichts anderes als die Welt auf dem Papier geht. Um die Sprache, mit der in ihrer unterschiedlichsten Ausprägung Schriftsteller, Kritiker, Germanisten, Buchhändler und Leser gemeinhin umgehen – und die natürlich nie unschuldig, sondern immer codiert oder abgeleitet ist. Allein der Name des Heldens und „Lokalbericht“-Erzählers: Günter Frischknecht. Der verweist gleichermaßen auf Günter Grass, Max Frisch und den Helden des Hesse-Romans „Glasperlenspiel“. Oder der Kritiker Felix Neidthammer. Der hat einst ein Buch mit dem Titel „Literarische Todesurteile“ veröffentlicht und ähnelt ein bisschen Marcel Reich-Ranicki („Lauter Verrisse“), vor allem aber dem Schweizer Literaturkritiker und Burger-Förderer Anton Krättli.

Von Geschichten, die das Leben schreibt, kann hier erst einmal keine Rede sein, das Lokale hin oder her, angesiedelt ist der Roman in Aarau. Denn klar ist doch: „Das Leben schreibt nicht, liest und korrigiert nicht, es posiert.“ Auch die Wirklichkeit hat es nicht leicht. Frischknecht/Burger überspielen, unterspielen, überhöhen sie. Ist sie überhaupt existent? „Lokalbericht“ erzählt, wie hier einer versucht, eine Dissertation über Günter Grass und einen Roman zu schreiben, und erst im zweiten Teil steht ein Jugendfest im turbulenten Mittelpunkt, auf verschiedenen Ebenen, mit zahlreichen Perspektivwechseln. Ein Turm lässt sich seine Geschichte durch den Kopf gehen, Giebel beklagen sich, aber auch ein Ich gibt es, dann wieder einen 18-jährigen verliebten Knaben.

Hier ist Burgers gesamte Poetik angelegt

Trotz der ganzen Papierwelt, trotz aller Wörtergläubigkeit, aller Artyness ist der „Lokalbericht“ gleichermaßen Schriftsteller- wie Kleinstadtroman, auch die Verhältnisse an Schule und Universität schlenkert Burger mit rein. Vor allem aber ist er eine Autofiktion: Hermann Burger war Ende der sechziger Jahre mit seiner Ehefrau zurück in seine Geburtsstadt Aarau gekommen, er hatte sein Germanistikstudium beendet, arbeitete als Hilfslehrer für Deutsch an der Kantonsschule Aarau, schrieb Gedichte, erste kurze Prosa und zudem für das Aarauer Tagblatt Literaturrezensionen. Als angehender Romanautor war er ein Bürger vieler Sprachwelten, ein Autor, der trotz Germanistikstudium und Lehrertätigkeit versuchte, erzählende Prosa zu schreiben. Wer seine späteren Großromane „Schilten“ oder „Brenner“ kennt, weiß, dass Burger es mit übergroßer Lebensnähe oder der gern eingeforderten Welthaltigkeitswirklichkeit nicht so hatte. Seine Literatur ist eine der Literatur selbst entnommene, oft komische, oft circensische Literaturliteratur, in der sich eher zufällig ein paar Wirklichkeitspartikel und autobiografische Spuren finden.

„Lokalbericht“ verblüfft, weil es sich fast fünfzig Jahre später noch frisch und ja, auch wahrhaftig liest – und zudem darin schon Hermann Burgers gesamte Poetik angelegt ist

Hermann Burger: Lokalbericht. Aus dem Nachlass herausgegeben von Simon Zumsteg Edition Voldemeer, De Gruyter, Zürich 2016. 314 Seiten, 29,95 €.

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