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Nachruf auf Manfred Wekwerth : Der Brecht-Bewahrer

Er war ein Schüler des großen Bertolt Brecht, Intendant des Berliner Ensembles, ein bedeutender, aber auch bis zur Unverständlichkeit starrsinniger Theatermann: Zum Tod des Regisseurs Manfred Wekwerth.

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Intendant Manfred Wekwerth probt mit Gisela May Brechts "Mutter Courage" 1978 am Berliner Ensemble.
Intendant Manfred Wekwerth probt mit Gisela May Brechts "Mutter Courage" 1978 am Berliner Ensemble.Foto: ZB/dpa

Was man einem wirkungsmächtigen Künstler bei dessen Tod nachruft, verlangt gemeinhin einen sachlichen Ton. Oder doch nicht? Über Manfred Wekwerth kann ich nicht abgeklärt berichten. Einige Jahrzehnte lang waren wir, der Intendant und der Kritiker, durch das unerschütterliche Bekenntnis zu Brecht und zum Berliner Ensemble eng miteinander verbunden. Wekwerth bedankte sich für die „große kritische Hilfe“ des Rezensenten, und der Rezensent versuchte, die theatergeschichtlich bedeutsamen Inszenierungen des Regisseurs analytisch zu erschließen. Eine solche Art der Theaterkritik ist heute nicht mehr üblich, nicht mehr möglich. Und doch hat die Freundschaft zwischen dem Theatermacher und dem Theaterchronisten die Zeiten nicht überdauert. War sie nur eine schöne Vision?

Nach einem Zerwürfnis mit Helene Weigel gastierte er am Deutschen Theater

Manfred Wekwerths Theaterarbeit ist vielfach dokumentiert, deshalb können hier Stichworte genügen. 1929 in Köthen geboren, arbeitete er als einer der vielen Brecht-Schüler seit 1951 am Berliner Ensemble im engen Kontakt mit dem Meister. 1953 kam in Wien seine erste Inszenierung heraus, von 1960 bis 1969 war er Chefregisseur am BE. Nach einem Zerwürfnis mit Helene Weigel arbeitete er als Gast am Deutschen Theater, von 1974 bis 1977 als Direktor des von ihm gegründeten Instituts für Schauspielregie in Berlin.
1977 folgte er Ruth Berghaus als Intendant des Berliner Ensembles nach und blieb dort bis 1991.Danach arbeitete er als Regisseur in Halle, Meiningen, Wien und am Theater des Ostens. In allen diesen Jahrzehnten war seine Tätigkeit breit gefächert; der promovierte Theaterwissenschaftler und einige Jahre auch Präsident der Akademie der Künste der DDR veröffentlichte zahlreiche Bücher, hielt Vorträge, versuchte, in politische Prozesse einzugreifen. Mit der SED war er eng verbandelt, von 1986 bis 1989 auch als Mitglied des Zentralkomitees. Danach wurden ihm immer wieder vorgeworfen, er habe auch der Stasi zugearbeitet - was Wekwerth zeitlebens vehement bestritt.

In seinen besten Regiearbeiten entdeckte Manfred Wekwerth das Spielerische an Brecht

Wo nun liegen die künstlerischen Konfliktpunkte? Wekwerth gab sich Brecht mit geradezu religiöser Inbrunst hin. 1967 schrieb er: „In nie gekanntem Maße hat hier ein Schriftsteller in die Weltgeschichte eingegriffen.“ Genau das wollte er auch mit seinem Theater, in seinen besten Arbeiten ist ihm dies auch gelungen. Die glanzvollen Inszenierungen in der Blütezeit des Berliner Ensembles in den Sechzigerjahren, teils mit Partnern wie Peter Palitzsch und Joachim Tenschert, werden unvergessen bleiben. Mit „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, „Coriolan“, „Die Tage der Commune“, um nur diese drei Arbeiten zu nennen, machte er Brecht wahrhaftig zum Theatergott. Wekwerth ging mit den didaktisch beladenen Texten souverän um, mit Leichtigkeit und Humor, er entdeckte in den Brecht-Texten eine spielerische Unterhaltsamkeit. Merkwürdig eben nur, dass diese auf Klugheit und Neugier gebaute theatralische Brecht-Neuschöpfung im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte verloren ging.

Später entwickelte Wekwerth Starrsinn: Brecht durfte nicht in Frage gestellt werden

Aus den vielfältigen kulturpolitischen Auseinandersetzungen um den „richtigen“ Brecht, geführt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, entwickelte Wekwerth mehr und mehr einen Starrsinn, der Brecht zum Maßstab aller Dinge machte. Inszenierungen wie „Richard III.“ am Deutschen Theater Berlin und am Schauspielhaus Zürich oder auch „Der gute Mensch von Sezuan“, 1975 ebenfalls in Zürich, knüpften noch an die großen Erfolge an. Aber schon die mit „Leben des Galilei“ begonnene zweite Arbeitsphase am Berliner Ensemble zeigte Verschleißerscheinungen. Wekwerth sah sich jetzt offenbar als Bewahrer, als Hüter eines Erbes, das nicht in Frage gestellt werden durfte.
Der im Gespräch so bestechend kluge Mann, mit seiner einzigartigen, dialektisch geschulten Argumentationskunst schien vergessen zu haben, dass gerade Brecht ein alles Endgültige in Frage stellender, sich an Widersprüchen berauschender Dichter war. Das Probieren, das Suchen und Verwerfen des Gefundenen ging ihm über alles. Und anstatt auf die geistige Beweglichkeit dieses Meisters zu verweisen, auch im großen gesellschaftlichen Umbruch nach 1989, igelte Wekwerth sich ein: Brecht ist gültig, Brecht hat auf alles eine Antwort, wer ihn nicht fragt, ist selber schuld.

Da trennten sich unsere Wege. Dass die Berliner Theater offensichtlich keine Versuche machten, Wekwerth zurück zu gewinnen, war allerdings ebenso töricht. Es mag dieser Haltung des Desinteresses geschuldet sein, dass sich der Regisseur zuletzt in sehr linke politische Positionen abdrängen ließ.
Auf ein Talent zu verzichten, ist aber immer ein Verlust. Die Hochachtung vor einem eigenwilligen, anregenden, einflussreichen Regisseur unserer Zeit muss bleiben. Nicht zuletzt ist sie auch an die Leistungen großer Schauspieler gebunden (Helene Weigel, Ekkehard Schall, Hilmar Thate, Traugott Buhre und viele andere), an die beispielhafte Zusammenarbeit mit Bühnenbildnern und Musikern.
Manfred Wekwerth ist am Mittwoch mit 84 Jahren im Krankenhaus Hedwigshöhe in Bohnsdorf gestorben:ein Regisseur, dem in seinen besten Arbeiten das ersehnte „Gesamtkunstwerk“ gelungen war. Die Theaterwelt sollte es in ihrer Erinnerung bewahren, heute, in einer völlig anderen Zeit.

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