Nachruf auf Tomas Tranströmer : Mein Gedicht wächst, ich selber schrumpfe

In der Zone zwischen Träumen und Wachen: zum Tod des schwedischen Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer.

von
Konzerte mit der linken Hand. Tomas Tranströmer (15.4.1931 bis 26.3.2015) im Jahr 1999.
Konzerte mit der linken Hand. Tomas Tranströmer (15.4.1931 bis 26.3.2015) im Jahr 1999.Foto: imago

Er war ein Spezialist für Übergänge. Tomas Tranströmer hielt sich am liebsten an den Grenzen auf, dort, wo Träumen und Wachen, Innerliches und Äußerliches, Sprechen und Schweigen sich berühren, wo der Sommer zum Herbst wird und die Adoleszenz zum Erwachsenenleben. Seine Kunst bestand darin, die Erfahrung all der Aufwachräume, Zwischenzonen und Dämmerbereiche, die er durchquerte, in äußerster Klarheit und sinnlicher Konkretion festzuhalten.

Anders als bei Symbolisten und Surrealisten rangierte bei Tranströmer das Unbewusste nicht über dem Bewussten. Während sich Saint-Pol-Roux einst mit dem Schild „Le poète travaille“ zum Schlummern zurückgezogen haben soll, neigte Tranströmer eher zu einem schlaftrunkenen Hyperrealismus, der sich von seiner empirischen Verankerung in frei imaginierten Bildern löst. „Männer in Overalls von der gleichen Farbe wie der Boden kommen / aus einem Graben heraus“, heißt es in „Randgebiet“. „Es ist ein Übergangsgebiet, toter Punkt, weder Stadt noch Land. / Die Baukräne am Horizont wollen den großen Sprung tun, die Uhren / aber wollen nicht.“

Daran hat sich, seitdem der 33-Jährige die schwedische Literatur 1954 mit dem subtilen Paukenschlag der „17 Gedichte“ eroberte, wenig geändert. Gleich das eröffnende „Präludium“ nimmt die Spur auf, die sein gesamtes Werk durchzieht: „Das Erwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum. / Frei vom erstickenden Wirbel, sinkt / der Reisende der grünen Zone des Morgens entgegen. / Die Dinge flammen auf. In der zitternden Position der Lerche / nimmt er die unterirdisch schwingenden Lampen / der mächtigen Baumwurzelsysteme wahr.“

Alles andere als ein Idylliker

Solche Verse wirkten auch deshalb befreiend, weil sie der Literatur einen Weg aus der politischen Selbstverpflichtung nach dem Zweiten Weltkrieg wiesen und aus dem Auftrag zum engagierten Schreiben, das viele daraus ableiteten. Dabei war Tranströmer alles andere als ein Idylliker. So wenig er Krieg, Hunger oder individuelles Unglück verarbeitete, so sehr versuchte er, die Sprache vor denen zu schützen, die sie für gleich welche Interessen instrumentalisieren wollten.

Das Gedicht war für ihn kein Werkzeug weltanschaulicher Bekenntnisse. Sein Begriff von literarischer Verantwortung setzte eine Stufe tiefer an. Gedichte schafften, wie er 1968 im Literarischen Colloquium Berlin erklärte, erst die Voraussetzung, die Dinge jenseits ihrer unmittelbaren Verwertbarkeit zu betrachten: „Wie an einem Bahnknotenpunkt, wo sich die Züge aus allen Richtungen treffen, gibt ein Gedicht plötzlich einen neuen Kommunikationsknotenpunkt, von dem aus die Wirklichkeit zwar nicht erklärt, aber in einer neuen Beobachtung gezeigt wird.“ Er suchte nach einem Punkt, an dem die Spannung zwischen Sprache und Gegenstand in einer fast mystischen Schau zusammenbricht.

Das schloss eine generelle politische und kulturelle Neugier, die Tranströmer in den sechziger Jahren auf Reisen durch Afrika und die USA befriedigte, nicht aus. Was er von ihnen auf die Schäreninsel Runmarö mitbrachte, auf die er sich oft zum Schreiben in die großväterliche Hütte zurückzog, verlangte nur nicht nach einer unmittelbar literarischen Verarbeitung. Schließlich bewohnte er durch seine bürgerlichen Berufe als Gefängnispsychologe und später als Berufsberater eine Welt, in der er sich dem Realitätsprinzip mit Haut und Haar unterwerfen musste.

Es gibt viel autobiografisches Material in dem schmalen, in seiner Komprimiertheit unerschöpflichen Werk des 1931 in Stockholm geborenen Dichters, das in der Übersetzung von Hanns Grössel unter dem Titel „In meinem Schatten werde ich getragen“ in einem Band als Fischer-Taschenbuch vorliegt. Doch es handelt sich nicht um autobiografische Dichtung. Die Momente, die dem Ich dieser Texte zustoßen, haben sich vermutlich alle ereignet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar