Nachruf Jacques Le Goff : Der Alteuropäer

Zwischen Karneval und Fußballfeld: Zum Tod des großen französischen Historikers Jacques Le Goff, der die "Annales"-Schule mitprägte.

Wolfram Eilenberger
Zwischen den Disziplinen. Jacques Le Goff.
Zwischen den Disziplinen. Jacques Le Goff.Foto: R/D

Stellen wir uns vor, sämtliche Bücher, Dokumente, Inschriften und Datenbanken des Abendlandes würden auf einen Schlag ausgelöscht. Dem alten Europa blieben nur seine Sprachen und Gewohnheiten als Erinnerung. Die Menschen würden umgehend mit dem Erzählen von Geschichten über ihr Erbe beginnen. Nur eine kleine Schar von Spezialisten aber wäre in der Lage, der Rede vom „alten Europa“ einen wirklichen Sinn zu verleihen. Unter den Historikern hätte diese Aufgabe niemand besser gelöst als der französische Historiker Jacques Le Goff, der nun im Alter von 90 Jahren in Paris gestorben ist.

Le Goff, 1924 in Toulon geboren, stellte in seinen Forschungen nicht große Staatsmänner und ihre Taten in den Vordergrund, auch nicht Kriege oder die Entwicklung einzelner Staaten. In der Tradition von Marc Bloch, Lucien Febvre und Fernand Braude, seiner Vorgänger in der nach der gleichnamigen Zeitschrift benannten Schule der „Annales“, konzentrierte er sich auf mittelalterliche Wirtschafts- und Sozialstrukturen, auf tradierte Denkgewohnheiten, Feste und volkstümliche Bräuche.

Le Goffs Geschichte einer europäischen Mentalität, deren Wurzeln er im christlichen Mittelalter ausmacht, bewegte sich zwischen den Disziplinen. Sprachwissenschaft und Soziologie finden sich ebenso eingebunden wie Psychoanalyse, Wirtschaftswissenschaft und Biologie. So verband er Innovationen der Geldwirtschaft mit der kirchlichen Erfindung des Fegefeuers im 12. Jahrhundert. Oder er erzeugte eine Kontinuität von der Gestalt des Heiligen zum Ritter, vom Höfling bis zum rechtschaffenen Bürger oder vom Ideal städtischer Höflichkeit zur postmodernen Coolness. Vom mittelalterlichen Karneval führt Le Goffs informierter Einfallsreichtum ungebrochen zur Feierkultur in Fußballstadien und der Körperlichkeit der Loveparade.

Es war nicht nur diese Fähigkeit zur produktiven Synthese, die Le Goff in den letzten 40 Jahren zum bedeutendsten französichen Historiker werden ließ. Immer deutlicher formulierte er dabei das übergreifende Forschungsprogramm einer historischen Anthropologie: Sie untersucht die Geschichtlichkeit des Menschen, seine Selbstbeschreibungen und Handlungsdispositionen vor dem Hintergrund seiner biologischen, zivilisatorischen und nicht zuletzt medientheoretischen Voraussetzungen. Le Goffs entschlossene Abwendung von großen politischen Ereignissen, seine Konzentration auf den Alltag, auf die Formen mündlicher Überlieferungen, auf die Geschichte der Körperlichkeit, des Festes und der Küche öffneten nicht nur der Mediävistik neue Wege, sondern bildeten auch erste Schritte zur Überwindung des Ethnozentrismus in der Geschichtswissenschaft.

Trotz aller Dämonen und Besessenheiten, die das mittelalterliche Europa hervorbrachte, betrachtete er den Traum eines politisch geeinten europäischen Kulturraums als fortsetzungswürdiges Projekt. Neben dem Antijudentum, den Ideologien des reinen Blutes, der sündhaften Sexualität und unbewältigter Nationalismen erkannte Le Goff vor allem das Bild des Orients als eine der verheerendsten Fixierungen europäischer Mentalität.

In der alten europäischen Vorstellungswelt war der Orient nicht nur ein Ort der Wunder und des Mysteriums, sondern vor allem ein Ort „aller Bedrohungen: Epidemien kommen von dort, und wenn es auch ganz am Ende, im äußersten Orient, hinter Indien, ein irdisches Paradies gibt, so leben hinter den Mauern die Völker der Apokalypse, und ein Tag wird kommen, an dem sie den Anti-Christ herbeibringen, die Mauern niederreißen und Europa erstürmen“, so schrieb Le Goff 1996 in seiner Schrift „Das mittelalterliche Europa und das Europa von morgen“. Und auch wenn, wie Le Goff dann fortfährt, der „Orient des Erdöls heute eine Obsession ganz anderen Inhalts ist, so steht sie doch in einer Linie mit dieser mittelalterlichen Fixierung“.

Ein wirksamer Selbstschutz besteht für Le Goff in der entschlossenen Kultivierung von wissenschaftlichen Tugenden, die bereits das alte Europa hervorbrachte. Zu diesen Kernerrungenschaften zählt nicht zuletzt „die historische Forschung, die den kritischen Umgang mit Quellen einschließt“. „Unsere Medien“, so Le Goff, „täten gut daran, die Erfordernisse des kritischen Umgangs mit Zeugnissen nicht zu vergessen, anstatt uns mit gewalttätigen, wenn nicht sogar manipulierten Bildern zu erschlagen.“ Die monumentalen, in alle großen europäischen Sprachen übersetzten Werke des Historikers bilden in dieser Hinsicht einen Standard, der auch hierzulande anerkannt wurde: 1993 erhielt er den Historikerpreis der Stadt Münster, im Jahr darauf den Stuttgarter Hegel-Preis.

0 Kommentare

Neuester Kommentar