Nachruf Odo Marquard : Im Exil der Heiterkeit

Philosophie gegen die ewigen Wahrheiten: Zum Tod des großen Skeptikers Odo Marquard.

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Odo Marquard an seinem Arbeitsplatz, 2005.
Odo Marquard an seinem Arbeitsplatz, 2005.Foto: Imago

Nur die Nächsten werden sagen können, ob er sich bis in die Stunde seines Todes jenen Humor bewahren konnte, mit dem er die Endlichkeit des Menschen betrachtete. Wenn es Odo Marquard aber ernst damit war, die „Leichtigkeit als Form“ anzusehen, die „Menschen brauchen, um sich selber auszuhalten“, darf man getrost noch einmal seine Anekdote von dem chinesischen Henkerwettstreit erzählen, in der nach einer ersten, perfekt anmutenden Enthauptung der zweite Finalist antritt. „Es herrschte Spannung, Mit scharfer Klinge führte er seinen Streich. Jedoch der Kopf des zu Enthauptenden fiel nicht, und der also scheinbar noch nicht enthauptete Delinquent blickte den Henker erstaunt und fragend an. Drauf dieser zu ihm: Nicken Sie mal.“ Marquard interessierte, „was dieser Kopf denkt, bevor er nickt; denn das müsste doch Ähnlichkeit haben mit Gedanken der Philosophie über sich selbst“.

In seinem Fall war es zuletzt wohl ein zähes, mühsames Nicken. Doch auch dessen unvermeidliche Folge bekräftigt, dass die „Inkompetenzkompensationskompetenz“, die er seinem Metier als letztem „Exil der Heiterkeit“ gegenüber der „traurigen Wissenschaft“ bescheinigte, sich aus dieser Welt so wenig wegdenken lässt, wie sie ihr eigenes Versiegen im Lauf einer begrenzten Lebenszeit akzeptieren muss.

Eine ganze Reihe von Philosophen hat die Sterblichkeit des Menschen in den Mittelpunkt des eigenen Denkens gerückt. Zu ihnen gehörte natürlich auch der von Marquard geschätzte Michel de Montaigne, der unter Berufung auf Cicero gleich das erste Kapitel seiner „Essais“ mit dem sprichwörtlich gewordenen „Philosophieren heißt sterben lernen“ überschrieb. Kaum einer aber hat aus dem Argument dieses Seins zum Tode so viel Widerstand gegen seine emanzipatorisch gesonnenen Zeitgenossen geschlagen wie Marquard.

Odo Marquard, 1928 im pommerschen Stolp geboren und am letzten Samstag im Alter von 87 Jahren gestorben, war ein modernitätsskeptischer Liberalkonservativer. Als Schüler von Joachim Ritter, dessen Assistent er in Münster von 1955 bis 1963 war, hing er einer Idee bürgerlichen Lebens an, das für ihn die Voraussetzung von Individualität bildete. Ohne zwischen dem Citoyen und dem Bourgeois unterscheiden zu wollen, da dieser die Mittel erwirtschafte, ohne die jener nicht leben könne, plädierte er für ein Festhalten an „Üblichkeiten“. Diese seien in einer Epoche postkonventioneller Vereinbarungen in Misskredit geraten.

Damit wurde er zum prominenten Gegner der Diskursethik von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas. Die Vorstellung, freie Sprecher könnten unter idealen Kommunikationsbedingungen Werte und Entscheidungen so lange mit Vernunftgründen aushandeln, bis ein Konsens erreicht ist, erschien ihm als Schreckbild linken Ausdiskutierens. Die Vergänglichkeit des Lebens legte für ihn auch hier Abkürzungen nahe. Das Habermas-Modell widersprach überdies seiner Überzeugung, dass Menschen sehr viel mehr ihre Zufälle seien als ihre Wahl.

Spöttische Toleranz und demütige Selbstironie

Marquard hat da, in einer Wendung des verstorbenen Frankfurter Philosophen Alfred Schmidt, der über Denker, die ihm fernstanden, deren Thesen er aber eine gewisse Plausibilität nicht absprechen mochte, zu sagen pflegte, „zweifellos etwas gesehen“. Zugleich muss man ihm entgegenhalten, dass Gespräche, die nicht mit einem Machtwort enden, auch etwas für sich haben. Hätte Marquard nicht spöttische Toleranz und demütige Selbstironie im Überfluss besessen, seine „Apologie des Zufälligen“ ließe sich auch in etwas politisch Unheimliches verwandeln.

Es ist aufregend zu sehen, dass der amerikanische Pragmatist Richard Rorty aus vergleichbaren Voraussetzungen entgegengesetzte Schlüsse gezogen hat. Die Einsicht in die Kontingenz der menschlichen Verhältnisse, also in all das, was nicht notwendig und auch anders möglich ist, führte ihn gerade nicht zum fröhlichen Einverstandensein mit dem Status quo. Wo er theoretisch, ähnlich wie Marquard, der einen „Abschied vom Prinzipiellen“ forderte, den Kopf über die vermeintlich ewigen Wahrheiten der Philosophie schüttelte, verstand er sich praktisch als entschieden Linksliberaler.

Es war aber nicht nur Odo Marquards Konservatismus, der ihn daran hinderte, zu einem philosophischen Idol für Jüngere heranzuwachsen. Es war die Gießener Randlage, von der aus er zwischen 1965 und 1983 sein Fach als ordentlicher Professor bewirtschaftete. Und: Sein Denken war nicht dafür eingerichtet, Schule zu machen. Dafür war er als der brillanteste und verständlichste philosophische Autor seiner Generation anerkannt. Das Genre der „Transzendentalbelletristik“, in dem er als gelernter Kantianer die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis erkundete, favorisierte den Essay als Form und stellte die Pointe über die Position. Das Elend seiner aus Schreibunfähigkeit im Ghetto verbliebenen Kollegen gab ihm recht. Er wusste: „Auch in der Philosophie sind Fachflüchter wichtiger als Fachhocker; und am wichtigsten sind die, die zugleich hocken und flüchten.“ In dieser Tugend war er überraschend fortschrittlich.

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