Nachtzug nach Lissabon : Herz über Kopf

Bille Augusts Romanverfilmung „Night Train to Lisbon“ wartet mit europäischen Stars auf, bleibt hinter der Buchvorlage aber zurück.

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Abschied und Anfang. Jeromy Irons als Lehrer, der in Portugal einer Optikerin (Martina Gedeck) begegnet – und in Berlin.
Abschied und Anfang. Jeromy Irons als Lehrer, der in Portugal einer Optikerin (Martina Gedeck) begegnet – und in Berlin.Berlinale

Jeremy Irons, Charlotte Rampling, Christopher Lee, Mélanie Laurent, Martina Gedeck, Tom Courtenay, August Diehl, Bruno Ganz, Jack Huston, Lena Olin, Burghardt Klaußner. Das ist ein Auszug aus der Besetzungsliste, und nach solcher Papierform müsste Bille Augusts „Night Train to Lisbon“ bei dieser Berlinale eigentlich unschlagbar sein.

Das Wort Papierform klingt allerdings mehrdeutig. Denn der „Nachtzug nach Lissabon“ ist eine Literaturverfilmung. Es geht um die Geschichte des Schweizer Gymnasiallehrers Raimund Gregorius, die der Schweizer Philosophieprofessor Pascal Mercier (einst an der FU Berlin) vor einem Jahrzehnt für seinen Roman-Bestseller erfunden hat. Mit einem Buch im Buch und weit schweifenden philosophisch-poetischen Exkursen.

Bille Augusts Film hat die 500-seitige Vorlage nun kräftig gerafft, und anfangs denkt man: Oh, ja, hier könnte was Eigenes draus werden! Wie im Buch geht Gregorius morgens zu seiner Schule in Bern über die hohe Brücke, die das Tal der Aare inmitten der Schweizer Hauptstadt überspannt. Es regnet, Gregorius sieht eine junge Frau auf der Brückenbrüstung, stürzt los und packt sie vor dem Sprung hinab. Dabei ergreift ein Windstoß seinen Regenschirm, scheint ihn erst zu zerfetzen, dann weht es ihn übers Geländer. Wie ein herrenloser Fallschirm segelt er über dem dunklen Fluss in die Tiefe. So wird der Abgrund sofort zum Bild.

In diesem kurzen Moment hat der Film seine eigene Sprache. Sonst aber wird hier fruchtbar viel geredet, zitiert, erinnert. Im On und im Off. Doch schon die Exposition wird schnell vergeigt. Der Altsprachler Gregorius ist nämlich ein Vielsprachler, und die junge Fastselbstmörderin spricht (bei Mercier) auf der Berner Brücke Französisch, aber das mit einem fremden, ferneren Akzent. Ihre Muttersprache ist „Portugues“. Später findet Gregorius im zurückgelassenen Mantel der Frau ein Buch, das er mithilfe eines Portugiesisch-Wörterbuchs entziffert, und dessen Weisheit und Wohlklang ihn so fasziniert, dass er herzüberkopf mit dem Zug nach Lissabon reist.

Bei Bille Augusts aber wird der ganze Coup de foudre nur zur überhasteten Abreise, und alle reden in diesem Panoptikum der Euro-Stars Englisch. Schon die Schwyzerdütsche Schulklasse von Herrn Gregorius tönt so unfreiwillig komisch, die Reise von Bern nach Lissabon wirkt nur wie ein Wetterwechsel, es gibt keinerlei kulturelle Differenz, Befremdung – oder auch Attraktion der Fremde.

Das macht’s auch der Hauptrolle schwer. Jeremy Irons als Gregorius ist so anziehend präsent wie immer und bleibt doch völlig wesenlos. Auf den Spuren und Geheimnissen des (erfundenen) Lissabonner Buchautors Amadeu de Prado öffnet ihm jede portugiesische Dienstmagd, jeder Klosterbruder, jeder Friedhofwächter sofort und fließend englisch alle Türen und Erinnerungen. Keine Hindernisse, alle scheinen nur auf ihn gewartet zu haben, obwohl Gregorius unverhofft in die Abgründe der jüngeren portugiesischen Geschichte dringt: in eine Familiengeschichte vor und nach dem Sturz der Salazar-Diktatur im Nelkenrevolutionsjahr 1974. Gezeichnet von Widerstand, Terror, Folter, Liebe, Täuschung und Verrat.

Ein trockene Bücherkopf wird durch ein Buch und eine Frau plötzlich ins fremde Leben gerissen, das die eigene Existenz ins Offene verändert. Jeremy Irons mit seinem dunklen Blick hätte diesen späten Romantiker gut spielen können – wenn er nur selber auch Widerstände hätte überwinden dürfen, auf einer weniger glatten Oberfläche. In der schematischen Rückblende-Dramaturgie und auf schmalzigem Musikteppich entfacht einzig Martina Gedeck so etwas wie dramatische Reibung. Sie setzt dem britisch-prüden Berner einen Hauch deutsch-romanischer Anfechtung entgegen, ein anderes Lächeln und Begehren. Peter von Becker

14. 2., 15 Uhr (Friedrichstadtpalast), 18 Uhr 30 (Thalia Programm Kinos Potsdam)

Auf gewisse Fragen gibt es nur eine Antwort. Die Schlussszene am Bahnsteig – wie würde er sich entscheiden: Zurück nach Bern? In Lissabon bleiben? Für Jeremy Irons ein klarer Fall: „Wenn Martina einen fragt, ob man bleiben möchte ...“ So spricht ein Gentleman.

Dem Kompliment war eine Liebeserklärung vorausgegangen – an Lissabon, wo er bereits vor 20 Jahren einmal gedreht habe, schon damals begeistert, aber die Fado-Bars habe er ausgelassen, glaubte, das sei nur was für Touristen. Ein Irrtum, wie Irons jetzt erkannt hat, der schon deswegen auf einen Erfolg des Filmes hofft, damit er bald zurückkehren könne: zum Dreh von „Night Train to Lisbon II“.

Vielleicht ja dann wieder Martina Gedeck und ihrem portugiesisch eingefärbtem Englisch, das der Schauspielerin besonders entgegenkam und einen Teil der Rolle ausmachte: „Es gibt einen Ton von Unsicherheit, von Anfängertum, was ich persönlich sehr mag.“ Dadurch entstehe ein Zwischenraum zwischen den Figuren, etwas Schwebendes, das man nicht ausspricht.

Besonders die Altstadt habe es ihm angetan, erklärte Bille August bei der Pressekonferenz im Hyatt, zu der er am Mittwochnachmittag neben Irons und Gedeck auch Mélanie Laurent und Jack Huston, Sohn des großen John, sowie gleich drei Produzenten mitgebracht hatte. Dieser Teil der Stadt schien ihm das Geheimnisvolle der Geschichte und der Charaktere am besten zu reflektieren.

Ein politischer Film sei es übrigens nicht, auch wenn man eine ganze Menge über die jüngere Geschichte Portugals erfahre. Für August ist es vor allem „die Geschichte eines Mannes mit einem langweiligen Leben, der plötzlich zu der Suche nach seiner eigenen Identität aufbricht“. Und damit scheint er auch die Intention des Autors der Romanvorlage getroffen zu haben. Man habe Pascal Mercier das Drehbuch gezeigt, auch am Set sei er gewesen, und eine private Vorführung habe es ebenfalls gegeben. In einem langen Brief habe Mercier sich bedankt. Und gefragt, wann er denn den Film wieder sehen könne.Andreas Conrad

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