• Narren, Spieler, Diktatoren Sreten Ugricic erfindet seinem Heimatland Serbien eine finster labyrinthische Zukunft

Kultur : Narren, Spieler, Diktatoren Sreten Ugricic erfindet seinem Heimatland Serbien eine finster labyrinthische Zukunft

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Am Ende ist auch der serbische Diktator besiegt, bleibt aber dennoch ein unberechenbares Tier. Deshalb muss er für immer auf der „Kleinen Kriegsinsel“ bleiben. Dort weilt er in bester Gesellschaft, zusammen mit anderen „genetisch und politisch modifizierten“ Monstern – es bleibt offen, aus welchen Ländern diese vielen gezähmten Diktatoren stammen. Die „Kleine Kriegsinsel“ gibt es nicht und doch liegt sie mitten im Herzen Belgrads: am Zusammenfluss von Save und Donau, entstanden aus deren Sandablagerungen, befindet sie sich unterhalb der Tvrdjava-Festung. Wegen seiner Aussicht nannten die Türken diesen Ort den „Hügel zum Nachdenken“.

In seinem Roman „An den unbekannten Helden“ benutzt Sreten Ugricic Bestandteile der Realität wie einen Steinbruch. Der 1961 geborene serbische Schriftsteller, vom ermordeten Ministerpräsidenten Zoran Djindjic vor zehn Jahren zum Leiter der serbischen Nationalbibliothek berufen, will serbische Mythen und Legenden dekonstruieren, nationale Symbole werden zum Spielmaterial: So auch das vom kroatischen Bildhauer Ivan Meštrovic, einem Schüler Auguste Rodins, Mitte der dreißiger Jahren errichtete „Denkmal für den unbekannten Soldaten“ – der Autor stellt es einfach an einen anderen Ort.

Auf dieses Momument aus Granit bezieht sich auch der Titel des Romans, den Ugricic in der Unterzeile listig „Nichtfiktion“ nennt. Ohnehin muss man auf der Hut sein vor diesem Autor. Als Erzähler tritt er stets in anderer Gestalt auf: Mal als sachlicher Berichterstatter in dritter Person, mal als höchst subjektives „ich“, mal als kumpelhaftes „du“ im Sinne einer rätselhaften Komplizenschaft. „Das hier ist nicht geschrieben, du liest es nicht“, lautet eine dieser Botschaften. Gleichwohl haben wir offenbar doch ein gedrucktes Buch vor Augen.

Es spielt im Jahre 2014. Mit pompösen Inszenierungen wird das 100-jährige Jubiläum des Attentats von Sarajevo begangen. Serbien ist ein repressiver Überwachungsstaat, regiert von einem selbstverliebten Diktator, dem in der Gestalt eines Hofnarren ein genialer Wortspieler zur Seite steht – im Verlauf des Buches tauschen sie des Öfteren ihre Rollen.Ihre Dialoge sind Glanzstücke des absurden Theaters. Narr und Diktator reden auch über Dinge, die sonst kein Mensch im Land ohne Todesgefahr aussprechen darf: „Die Serben leben in einem reversiblen Koma. Sie respektieren die Wahrheit nicht – sagt der Narr zu seinem Diktator. – Es ist, so denkt man hier, naiv, dumm und ohnmächtig, wenn man sich auf die Wahrheit stützt und wenn man von der Wahrheit abhängig ist.“ Es geht, ohne dass es erwähnt wird, um die jüngste Kriegsvergangenheit, um mangelnde Aufarbeitung und allzu schnelle Verdrängung, um die Krankheit des Nationalismus. Das las man in rechtsnationalen Kreisen des Landes nicht gern: Der Roman wurde als „skandalös und antiserbisch“ bezeichnet. In den wichtigsten Printmedien erschien keine Rezension.

Um der allgegenwärtigen Bespitzelung und Zensur zu entkommen, verständigen sich die Menschen in der Form der Gedankenübertragung: „Die Telepathie ist unsere Übereinstimmung und unsere Komplizenschaft. Die Telepathie ist unsere Geheimsprache in der feindlichen Umgebung und Zeit, im eigenen Land. Die Telepathie ist unser Gehör und unsere Stimme, bei jeder Gelegenheit erkennen wir die Melodie und singen. (…) Ohne die Telepathie gäbe es uns nicht.“

Aus dieser Konstellation ergibt sich die formale Anlage: Lässt sich ein Buch vorwiegend als Innenansicht eines Gehirns erzählen, das mit einem anderen Gehirn kommunizieren will? Das ist das mit vielen Literaturgattungen spielende Experiment – und über weite Strecken ist es geglückt, auch wenn man als Leser ein Höchstmaß an Konzentration braucht. Eine traditionelle Handlung gibt es nicht, aus assoziativen Versatzstücken entsteht ein vieldeutiges, oft ironisch gebrochenes Anspielungslabyrinth.

Zentrale Figur ist eine namenlose Heldin, die in der zweiten Person erzählt. Sie ist verliebt in den „unbekannten Helden“ – einer charismatischen Gestalt, von der sich ganz Serbien die Befreiung vom Joch der Unterdrückung erhofft. Beide gehören einer Widerstandsgruppe an, sind somit Gegenspieler des Diktators und des Narren. Was passiert mit dem Charakter der Menschen, wenn sie in einer von Terror und Angst beherrschten Gesellschaft leben müssen?

Im Serbien des Romans gibt es keinen Freiraum mehr für das Individuum: Sie werden von bizarren Überwachungseinrichtungen bis in den letzten privaten Winkel verfolgt. Als die namenlose Heldin Belgrad verlässt, beginnt eine Art Roadmovie durch bizarre Traumwelten des Grauens. Sie nimmt einen Anhalter mit, später werden beide in einem Hotel ermordet. Die „Superfrauen“ Serbiens allerdings haben die Gabe der Wiederauferstehung, und so muss sie sich auf den Weg zum „Nationalen Zentrum für Irreversible Reanimation“ begeben.

Der Kulturkritiker Ugricic garniert den Wahnsinn noch mit skurrilen Figuren, bei dem einem das erste Lachen schnell vergeht: Etwa bei der jungen, unwiderstehlichen Blondine Drina, dem Liebling des Diktators und Star der politischen und medialen Szene. Regelmäßig lässt sie ihr Blut auf konsequente nationalistische Gesinnung testen – wegen der vielen Feinde Serbiens, die mit hinterhältigen Technologien strukturelle Veränderungen im Blutplasma vornehmen könnten.

Die negativen Reaktionen bestimmter Kreise auf sein Buch hat der Schriftsteller im Schlusskapitel schon ironisch vorweggenommen: „Du liest das hier nicht. Es ist nicht geschrieben“, steht dort. Denn die gesamte Auflage des Werkes ist von der Zensur als „gefährlich für das Gemeinwohl“ beschlagnahmt und der Nationalbibliothek zur Aufbewahrung übergeben worden. So kann sich deren Archiv irgendwie doch gegen den berühmten Slogan der Zensurbehörde behaupten. Er lautet: „Literatur ist Desinformation.“

Sreten Ugricic:

An den unbekannten Helden. Roman. Dittrich Verlag, Berlin 2011. 370 S., 17,80 €.

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