Natascha Kampusch : Fünf Quadratmeter Österreich

Bernd Eichingers letztes Kinoprojekt: „3096 Tage“ will das Martyrium der Natascha Kampusch nachempfinden. Regisseurin Sherry Hormann setzt auf die Mittel des klassischen Erzählkinos und eine internationale Schauspielerriege.

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Terror. Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) bestraft Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) mit Essensentzug. Foto: Constantin
Terror. Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) bestraft Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) mit Essensentzug....

Die Kamera zoomt auf ihr Gesicht, immer wieder, das macht sie bei den anderen Gästen von Günter Jauch nicht. Natascha Kampusch spricht leise, wie immer, klug, eloquent und ein wenig beflissen, als sei die Talkshow eine Prüfung. Sie nickt zustimmend zu dem, was sie sagt, und bei diesem Nicken kommt einem der Gedanke, dass sie noch sechs Jahre nach ihrer Selbstbefreiung aus achtjähriger Gefangenschaft womöglich mit sich allein ist. Dass Kampusch nur sich selbst als Gegenüber hat. Sie ist beides in einem, Talkmoderatorin und Gast, Medienstar und Öffentlichkeit. Sie will es recht machen und sich dabei nicht vereinnahmen lassen.

Es ist Sonntag, der 17. Februar 2013, Kampuschs 25. Geburtstag. Wenn sie zögert, schweigt oder „ich weiß es nicht“ sagt, bekommt die Talkroutine feine Risse. Sofort serviert Jauch Antworten an Kampuschs Stelle, und man erschrickt über den eigenen Voyeurismus, der noch im Ärger über die voyeuristische Kamera mitschwingt. Selbst der Respekt vor dieser jungen Frau, die mit zarter Stimme den Opferstatus verweigert und auf der Deutungshoheit über ihr Leben beharrt, hat auch etwas Übergriffiges.

Natascha Kampusch - Der Film in Bildern
3096 Tage lang war die echte Natascha Kampusch in Gefangenschaft. Nun wurde ihr Leben verfilmt.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dpa
26.02.2013 14:383096 Tage lang war die echte Natascha Kampusch in Gefangenschaft. Nun wurde ihr Leben verfilmt.

15 Jahre ist es her, dass Natascha Kampusch entführt wurde. Am 2. März 1998 hatte der Fernmeldetechniker Wolfgang Priklopil das Mädchen auf dem Schulweg in einen weißen Lieferwagen gezerrt und sie von ihrem 10. bis zum 18. Lebensjahr in einem Fünf-Quadratmeter-Kellerverlies in Wien-Strasshof eingesperrt, hatte sie misshandelt, missbraucht und an den Rand des Hungertods gebracht, bis ihr im August 2006 die Flucht gelang. Sie tritt im Fernsehen auf, schließt die Schule ab, beginnt eine Goldschmiedelehre, sieht sich Gerüchten über weitere Mittäter, Hasstiraden im Internet und wüsten Unterstellungen ausgesetzt, veröffentlicht ein Buch über ihr Martyrium und trifft sich mit Produzent Bernd Eichinger, der ihre Geschichte verfilmen will.

Aber Eichinger stirbt Anfang 2011, Ruth Thoma beendet sein Drehbuch, sein letztes Projekt. Unter Regie von Sherry Hormann („Wüstenblume“) wird es mit Kampuschs Zustimmung realisiert. Auf Englisch mit britischen und dänischen Schauspielern. Michael Ballhaus, der mit Hormann verheiratet ist, kehrt noch einmal an die Kamera zurück. Ausgerechnet Ballhaus und sein fliegendes, schwebendes Kameraauge: Eingepfercht in einen winzigen Raum tief unter der Erde, wird auch die Kamera der Freiheit beraubt.

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