Neuer Film von Roy Andersson : Gelächter in der Hölle

In seinem neuen Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ entwirft Roy Andersson eine skurrile Zwischenwelt. Es geht um unglückliche Scherzartikelverkäufer, einen Seniorchef mit Selbstmordpistole und eine Flamenco-Lehrerin, die nicht genug bekommen kann von ihrem Schüler.

von
Unglückliche Scherzartikelhandelsreisende.
Foto: Neue Visionen Filmverleih

Wenn es denn eine Handlung gibt in dieser Akkumulation grotesker Szenen, dann ist es, immerhin, die Rahmenhandlung. Getragen wird sie von zwei todtraurigen fahrenden Scherzartikelhändlern, die in allerlei Interieurs allerlei potenziellen Kunden ihre immerselben drei Waren in immerselber Reihenfolge anbieten: einen Lachsack, ein paar Dracula-Zähne und eine glibberige, übers ewige Graugesicht zu ziehende Monstermaske. Das ist beim ersten Mal komisch, beim zweiten traurig, und beim dritten?

Wenn es denn ein, ja, akustisches Leitmotiv gibt in dieser hoch diszipliniert komponierten Kakofonie menschlichen Leidens, dann ist es wohl jener Satz: „Ich freue mich zu hören, dass es dir gut geht.“ Stets am Telefon gesprochen, fühlen sich mal eine Putzfrau, mal ein Seniorchef mit Selbstmordpistole in der Hand, mal eine Tierversuchslaborantin stets in aller Feierlichkeit zu dieser Mitteilung an stets unbekannt bleibende Gegenüber veranlasst. Beim ersten Mal ist das, wie sagt man so schön hässlich, skurril, beim zweiten Mal, wie sagt man noch schöner, schräg, und beim dritten?

„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ beendet, in aller rekordverdächtigen Titellänge, eine Trilogie des schwedischen Bilder- und Szenenaustüftlers Roy Andersson. Jahrelang bastelt er in seinem „Studio 24“ in Stockholm an den Sets, in denen sich dann die Menschlein vor starrer Kamera hampelnd, strampelnd, stammelnd artikulieren. Alle sieben Jahre schaut dann dabei ein fertiger, immer sehr (alb-)traumverlorener Film heraus – 2000 war das „Songs from the Second Floor“, 2007 „Das jüngste Gewitter“ und soeben hat der 71-jährige Andersson für die „Taube“ den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen. Die Ehrung lässt sich getrost auch als Preis für die gesamte Trilogie, wenn nicht – bei überhaupt nur fünf Spielfilmen in 45 Jahren – gar fürs Lebenswerk verstehen.

Es ist eine fraglos faszinierende Welt, in die der Schwede, der ein Vierteljahrhundert vom Werbefilm lebte, den Zuschauer entführt. Der betritt eher eine Ausstellung, als dass er sich in eine Geschichte hinein- und von ihr davonziehen lässt. Dabei scheinen die Grundfarben Rot, Gelb und Blau in Anderssons filmischem Kleine-Leute-Universum vollends zugunsten eines Blassgrüngraus getilgt. Und die armseligen Menschlein stehen mal vereinzelt herum (wie bei Edward Hopper) oder in Häuflein umeinander (wie bei Pieter Bruegel) und machen sich das Dasein in aller Ruhe zur Hölle.

Manchmal rührt das an, etwa wenn eine kräftig gebaute Flamenco-Lehrerin sich vor ihrer Klasse an ihrem verschwitzten tanzwütigen Musterschüler zu schaffen macht. Manchmal lockt das mit Lärm und Pracht, etwa wenn sich, wir sind plötzlich im 18. Jahrhundert und in der Gegenwart zugleich, der Schwedenkönig Karl XII. vor seinem russischen Schlachtendesaster mitsamt Gefolge bei einer Limo stärkt. Manchmal auch ist das fragwürdig, wenn eindeutig britische Kolonialoffiziere schwarze Sklaven in einer Kupfertrommel vergasen, der die Todesschreie dann als liebliche Musik entströmen.

Aber wenn doch alles Traum ist und Fantasie, vielleicht nur die Fantasie eines tumben Scherzartikelverkäufers? Wenn alles handfest vor aller Augen geschieht und zugleich sorgfältig erfunden scheint? Dann bleibt dem Betrachter, nur mehr im Seriellen voranschreitend, bloß die aleatorisch metaphorische Interpretation. Etwa so: Sieht das hier alles nicht so aus, als sähen wir frisch Gestorbene aus dem sauren Jenseits zurück auf der Erde? Oder: Sind alle Figuren hier selber schon Bewohner eines Totenreichs, mit fest zugewiesenen Reflexen, die bei Besichtigung folgsam angeknipst werden?

Nicht dass hier Antworten gefragt wären. Jeder mag für sich durch die Andersson-Räume gehen und sich hier unbehaglich zu Hause fühlen und dort absolut fremd. Eine kleine, feine Langeweile aber kriecht dann doch ins Bild und ein nicht gar so kleiner, unfeiner Manierismusverdacht, in Szene 17 oder 21 von den 39 insgesamt. „Es freut mich zu hören, dass es Ihnen gut geht“, sagt dann jemand tieftraurig, und der Lachsack lacht dazu.

Ab Donnerstag im Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater Friedrichshain, International, Kant, Kulturbrauerei, Moviemento, Passage; OmU: Babylon Kreuzberg, Hackesche Höfe, Moviemento

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben