• Neuer Intendant am Berliner Ensemble: Oliver Reese startet mit drei Premieren an drei Tagen

Neuer Intendant am Berliner Ensemble : Oliver Reese startet mit drei Premieren an drei Tagen

Viel Ensemble, viel Berlin. Und viele neue Stücke: Der neue BE-Intendant Oliver Reese präsentiert seine Pläne für die Saison 2017/18.

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Oliver Reese startet im September mit drei Premieren an drei Tagen.
Oliver Reese startet im September mit drei Premieren an drei Tagen.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Ungeheure Dinge gehen am Berliner Ensemble vor sich. Das Theater wird gerade neu erfunden. Es soll ein richtiges Ensemble mit 28 fest engagierten Schauspielerinnen und Schauspielern geben, keine Ensemble-Mogelpackung, verspricht Oliver Reese, der kommende Intendant. Und dabei soll es sich, wie Moritz Rinke, der Leiter des BE-Autorenprogramms, erklärt, gar um Menschendarsteller handeln. Sie wollen neue Stücke pflegen, Geschichten erzählen. Am BE müsse man sich für Drama und Dramatiker nicht entschuldigen!

Das ist wirklich unerhört. Die trauen sich was. So kann es gehen, wenn ein Theater einen Leitungswechsel bekommt. Es kann ein Geschenk sein. Nach Reeses Auftritt am Dienstag im BE-Rangfoyer ist klar: Da kommt etwas auf Berlin zu. Gleich um die Ecke, beim Deutschen Theater, hat sich Kultursenator Klaus Lederer für Kontinuität entschieden, im Guten wie im Schlechten. Der 66-jährige Ulrich Khuon bleibt DT-Intendant bis zum Jahr 2022. Auch das wurde am Dienstagvormittag bekannt, das Timing war kein Zufall. Das DT versucht, sich zu behaupten. Wie schön, wenn die neuen Nachbarn vom Schiffbauerdamm auch Khuons Haus frische Impulse geben könnten.

Reese hat viele tolle Darstellerinnen und Darsteller neu engagiert

Claus Peymann geht nach 18 Jahren in den längst verdienten Theaterdirektorenruhestand und wird in Kürze 80 Jahre alt; inszenieren wird er weiterhin. Oliver Reese, geboren 1964, geht durch Berlin und kauft groß ein. Mit viel Geschick. Man schaue sich diese Liste an: Constanze Becker, Judith Engel, Corinna Kirchhoff, Bettina Hoppe, Josefin Platt, Stefanie Reinsperger, Annika Meier. Andreas Döhler, Ingo Hülsmann, Peter Moltzen, Tilo Nest, Wolfgang Michael. Darunter sind etliche Berlin-Rückkehrer und Abgänger vom DT und der Schaubühne. Es steckt viel Berlin in diesem Ensemble.

Vor seiner Zeit in Frankfurt am Main war Reese sieben Jahre am Maxim Gorki Theater und acht Jahre am Deutschen Theater. Er weiß, wie man hier durchkommt. Er sieht die riesige Lücke, die in der Theaterlandschaft der Hauptstadt klafft, trotz Thomas Ostermeiers Schaubühnenerfolgen, trotz der Bemühungen des DT um zeitgenössische Dramatik. Es fehlt an durchschlagskräftigen neuen Stücken. An prominenten Schauspielern und Regisseuren, die das zum Programm erheben: aktuelle Stoffe und Stücke lebender Autoren. Und so richtig gespielt!

Fünf Stücke übernimmt Reese von Peymann

Reese hat – natürlich erst einmal auf dem Papier – einen klug zusammengestellten, vielfältigen Spielplan präsentiert. Dazu gehören fünf Stücke, die er von seinem Vorgänger übernimmt: Peymanns „Prinz Friedrich von Homburg“, „Der Gott des Gemetzels“ in der Regie von Jürgen Gosch, Robert Wilsons „Dreigroschenoper“ und „Endspiel“ und den Super-Klassiker „Arturo Ui“. Dazu kommt eine Reihe von Übernahmen vom Schauspiel Frankfurt, darunter Michael Thalheimers „Medea“ und „Penthesilea“ und einige Inszenierungen von Reese selbst.

Am Wochenende der Bundestagswahl legt das BE mit drei Premieren los. Antú Romero Nunes inszeniert Albert Camus’ „Caligula“ (21. September) und Michael Thalheimer Brechts „Kreidekreis“ (23. September), beide auf der großen Bühne. Michael Thalheimer gehört als Hausregisseur zur Künstlerischen Leitung. Dazwischen liegt im Kleinen Haus, auf der Probebühne, „Nichts von mir“, ein Stück des hier noch unbekannten Norwegers Arne Lygre, in der Regie von Mateja Koleznik.

Blick aufs Berliner Ensemble.
Blick aufs Berliner Ensemble.Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Ur- und Erstaufführungen sind in der Überzahl. Als ein Schwerpunkt wird die neue angloamerikanische Dramatik erkennbar, mit Tracy Letts, Dennis Kelly, Duncan MacMillan. Es gibt ein Wiedersehen mit Wallace Shawn und auch mit Rainald Goetz. Dessen Riesenwerk „Krieg“ aus dem Jahr 1988 bringt Robert Borgmann endlich in Berlin auf die Bühne.

Reese betont Teamgeist und Treue. Ersan Mondtag hat bei Reese in Frankfurt schon einiges inszeniert. Am BE entwickelt er ein Stück über das Seniorensein, „Die letzte Station“. Und f alls sich jemand um Frank Castorf Sorgen macht: Der scheidende Volksbühnen-Intendant bringt am 1. Dezember am BE seine Fassung von Victor Hugos „Les Misérables“ heraus. Da trifft er seinen alten Freund André Schmitz wieder, den früheren Kulturstaatssekretär und Verwaltungschef der Volksbühne. Schmitz ist Vorsitzender des neuen BE-Freundeskreises. Castorf wird ein Stück pro Jahr hier machen.

Auf Peymanns Trotz folgt Reeses Selbstbewusstsein

Anders als Chris Dercon für die zukünftige Volksbühne konnte Reese seine Pressekonferenz in aller Ruhe durchziehen. Ein neues Kraftfeld entsteht, vieles spricht jetzt für das BE. Die Heinz- und Heide-Dürr-Stiftung wird ihm bei der Autorenförderung helfen. Interessant sind auch zwei Personalien aus der Dramaturgie: Sabrina Zwach geht zu Reese, nach vielen Jahren bei Herbert Fritsch, der mit den Vorbereitungen für sein erstes Stück an der Schaubühne beginnt. Auch Bernd Stegemann und Frank Raddatz werden für die BE-Dramaturgie arbeiten, die jetzt Sibylle Baschung leitet. Raddatz stellt die Verbindung zum Werk von Heiner Müller dar, der dem BE in schwerer Zeit nach der Wende Geist einhauchte.

Reese setzt auf etwas, das man als zeitgenössische Tradition bezeichnen kann – die notwendige Erfindung des Selbstverständlichen. Er strahlt ein Selbstbewusstsein aus, das sich von Peymanns bitterem Trotz angenehm unterscheidet. Doch so ganz will Reese nicht auf die kuratierten Formate verzichten, die das Theater heute oft dominieren. Dafür ist in seinem Team Clara Topic-Matutin zuständig. Und wie es sich gehört, hat das BE eine Gesprächsreihe mit Michel Friedman als Moderator. Joschka Fischer und Timothy Garton Ash werden die ersten Gäste sein.

Seltsam: BE wie DT kündigen ein „Decamerone“ nach Boccaccio an. Geschichten aus dem 14. Jahrhundert, aus einem von der Pest bedrohten Europa.

Der Vorverkauf beginnt am 10. Juli.

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