Neues Buch von Roman Ehrlich : Glück muss ein Gewehr sein

Bemerkenswert: Roman Ehrlichs „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ über die Produktion eines Horrorfilms liefert treffende Beschreibungen der Gegenwart.

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Kennt sich aus im Trash-, Splatter- und Horrorgenre. Der Schriftsteller Roman Ehrlich, 34.
Kennt sich aus im Trash-, Splatter- und Horrorgenre. Der Schriftsteller Roman Ehrlich, 34.Foto: Heike Steinweg/Verlag

In den Spuren, die „uns nachts von unseren Albträumen ins Bewusstsein gegraben werden“, sei mehr Wirklichkeit zu finden als in dem „aus Unwissen und Langeweile gemachten sogenannten alltäglichen Leben“ – das ist Devise eines Romans, der die Realität gerade in den surrealen Momenten einfängt. Schon der Titel trägt dick auf und bleibt zugleich dunkel-andeutungsvoll: „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“. Es ist das dritte und bisher umfangreichste Buch des 1983 in Aibach geborenen Roman Ehrlich, der vor vier Jahren mit seinem Debütroman „Das kalte Jahr“ sogleich viel Aufmerksamkeit erregte.

Hauptfigur ist Moritz, ein junger Mann, der die Orientierung im Leben verloren hat. Sein Job in einer Schwabinger Agentur für Musikmarketing ödet ihn an. Auch die Beziehung mit seiner Freundin, einer promovierenden Literaturwissenschaftlerin, ist zerbrochen. In dieser Leere ergibt sich für ihn die Gelegenheit, beim „Schrecklichen Grauen“ mitzumachen. Es handelt sich um das Filmprojekt seines Jugendfreundes Christoph Raub. Ein komplexer Horrorfilm soll es werden. Moritz bringt aber nur einen einfachen Wunsch mit in die Produktion: Einen möglichst grausamen Tod möchte er vor der Kamera sterben. Um ihn dann in aller Ruhe auf der Leinwand anzuschauen.

Bevor jedoch Kunstblut fließt, fließt ausgiebig die Rede. In Ulm trifft sich 2014 die wachsende Filmkommune zu Selbsterfahrungsrunden in den Hinterräumen des Café Porsche. Nicht über Drehbuch und Rollen wird jedoch gesprochen, vielmehr berichten die Teilnehmer zur Einstimmung von ihren Angsterlebnissen. Der charismatische Christoph, der sich vom Regisseur zum Sektenführer entwickelt, steuert die passende Philosophie bei: Die Angst sitze der Epoche im Nacken; der Normalzustand der Gegenwart sei der Horror, den es zu dokumentieren gelte. Angst und Grauen gelten diesem Regisseur also nicht als Würzmittel drastischer Filme, vielmehr durchdringen sie den Alltag, vorzugsweise in der Provinz. Im engeren Sinn, doziert er, sei Angst die Erwartung von Schmerz, und der Schmerz das „Andere“, durch das der eigene Körper zutiefst fremd werde.

Ein breites Spektrum des Verstörenden

Spannender als diese etwas plakativen Reflexionen sind die Erfahrungen, Erlebnisse und Zwangsvorstellungen, die in den Café-Sitzungen und Binnengeschichten zur Sprache kommen: etwa die Angst, im Schlaf etwas Schreckliches zu tun, Urlaube in Schweden oder Portugal, die in den Horror abdriften oder die Angst einer Soldatin in Afghanistan vor ihren eigenen trügerischen Wahrnehmungen und den daraus resultierenden Fehlhandlungen. Es geht um Begegnungen mit unheimlichen Menschen, um den Sadismus unter Schülern, um die Angst vor Folter, Rieseninsekten oder Zombies; es geht um grauenhafte Verwandlungen des eigenen Körpers oder um den Schrecken der postapokalyptischen Zustände nach einem Atomkrieg. Ein breites Spektrum des Verstörenden wird mit großer Erzählkraft und hintergründiger Komik vergegenwärtigt. Dem Angst-und-Schmerz-Guru Christoph gefallen nicht alle Geschichten. Bisweilen herrscht er einen Teilnehmer an: „Erzähl deinen Dreck woanders!“

Gekonnt verknüpft Roman Ehrlich die Ebenen, zu denen auch ein eigenwilliger Kanon von Trash-, Gore- und Splatter-Horrorfilmen gehört, die sich die Gruppe anschaut und deren zumeist abstruse Handlung mit einer schön kontrastierenden Sachlichkeit referiert wird, sodass man Lust bekommt, sich diese aberwitzigen Machwerke einmal anzusehen. Etwa jenen italienischen Film über einen teuflischen Olivenbauern, der seine Bäume mit einem Sud aus zerquetschten Menschen düngt. Ob die Originale – falls sie nicht von Ehrlich erfunden sind – mit den Nacherzählungen in diesem Roman mithalten können, ist die Frage.

Ehrlich hat einen melancholischen Roman geschrieben

Im zweiten Teil beginnen endlich die Dreharbeiten, und auch die gestalten sich eigenwillig. Ohne Drehbuch schickt Christoph seine zunehmend zerstrittenen und verwahrlosten Jünger mit Campingausrüstung auf eine strapaziöse Wanderung durch die verregnete deutsche Provinz, als wären sie Pfadfinder des Grauens. Es gilt, mit angstklugen Augen in die Vorgärten und Fenster, in die „Festungen der Normalität“ zu schauen. Die Kamera läuft nun mit: Horror-Aktionskunst, Happenings in der Natur, Flashmobs in öden Dörfern, eine brennende Scheune, ein abgerissener Finger. So hangelt sich das Projekt von einer Improvisation zur nächsten, und es ist schwer zu erkennen, ob es sich um einen buchstäblich blutigen Dilettantismus handelt, um überhebliche (und nicht gerade neue) Spießerkritik, um eine fiese Parodie auf die Hoffnung vieler Menschen, einmal „Teil von etwas Großem“ zu sein – oder ob nicht tatsächlich ein so verborgener wie ausgeklügelter Plan dahintersteht. Bisweilen scheint es, als wäre der Film nur Vorwand für einen spirituellen Trip.

Dass das Projekt des „schrecklichen Grauens“ bis zum Schluss rätselhaft und offen bleibt, ist allerdings Voraussetzung für diesen Roman, der auf seinem Weg viele ins Schwarze treffende Beschreibungen der Gegenwart liefert, die bei aller mitlaufenden Skurrilität so unversöhnlich sein wollen, wie es Christoph Raub für seinen Film formuliert: „Unser Film wird am Ende nicht einstimmen in die ewige Lüge, die sagt: So ist das Leben, so hart, aber darum auch so wundervoll.“ Ehrlich hat einen melancholischen Roman geschrieben, der Einspruch erhebt gegen die notorische Partylaune und das „ständige Herausbrüllen der eigenen gutaussehenden Happiness“, einen Roman, der weiß, dass unsere Alltagswelt ein simulierter Zustand der Sicherheiten ist, ein Netz über Abgründen. Es ist ein Buch, dessen anmaßende Länge – 640 Seiten! – durch viele starke Passagen und den souveränen Stil wettgemacht wird. Roman Ehrlich erweist sich als eines der bemerkenswertesten Erzähltalente seiner Generation.

Roman Ehrlich: Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2017, 640 Seiten, 24 €.

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