Kultur : Pause vom Leben

„Sound It Out“ porträtiert den letzten Plattenladen in Nordostengland.

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„Sehen wir so aus, wie ein Laden, der Sachen wie ’I just called to say I love you’ verkauft? Gehen Sie in die Mall“, faucht der Plattenverkäufer und macht eine scheuchende Handbewegung. Es ist zwölf Jahre her, dass Jack Black diesen ätzenden Popsnob in Stephen Frears „High Fidelity“-Adaption verkörperte. Im Download-Zeitalter muss diese Geschichte bereits ins Genre Historienfilm einsortiert werden.

Ähnlich nostalgische Gefühle erzeugt Jeanie Finlays Dokumentation „Sound It Out“, die den gleichnamigen letzten Plattenladen im englischen Nordosten vorstellt. Auf 115 Quadratmetern quetschen sich 50 000 Schallplatten und CDs. Chef Tom Butchart weiß trotzdem genau, wo er nach einer Nancy-Sinatra-Platte oder einem raren Free-Jazz-Album suchen muss. Aber er würde nie einen Kunden ins Einkaufszentrum schicken: „Ich rede mit jedem“. Die Regisseurin ist mit Butchart zur Schule gegangen. Sie verdankt dem Laden ihre Liebe zum Vinyl. Diese Liebe ist nun in ihren Film geflossen, den sie über Crowdfunding finanzierte und bei dem sie selbst die Kamera führte. Die daraus resultierende Low-Budget-Ästhetik passt zum Ort der Handlung: Stockton-on-Tees war einst eine stolze Industriestadt. Jetzt ist sie geprägt vom Niedergang der Stahlwerke und Werften. Billigshops dominieren die lange Einkaufsstraße.

Einige Stammkunden von Sound It Out stellt Finlay genauer vor. Status-Quo-Fan Shane, der die Band schon über 300-mal live gesehen hat, breitet stolz seine Memorabilia-Sammlung aus. Oder Chris: Immer zu Monatsbeginn hinterlegt er 100 Pfund im Laden – damit seine Ausgaben nicht explodieren. Tagsüber arbeitet er als Buchprüfer und ist damit einer der wenigen Kunden mit einem etwas besseren Job. Die jüngeren Vinyl-Freaks sind fast alle arbeitslos. Aber durch die Musik kommen sie von der Straße weg. Der Laden ist für sie ein Zufluchtsort, der ihnen „einige Stunden Pause vom Leben“ gibt, sagt Tom Butchart. So ist Sound it Out auch eine Art Nachbarschaftsheim. Welcher Onlineshop kann das schon von sich behaupten? Nadine Lange

Central Hackescher Markt, Lichtblick Kino, Moviemento, Zukunft

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