Philosophin Ágnes Heller : "Demokratie ist keine Diktatur der Mehrheit"

Zum Berliner Geschichtsforum: Philosophin Ágnes Heller über 1989 und die Mühen der Freiheit.

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„Gorbatschow, das war ein Zufall der Geschichte.“ Ágnes Heller in Berlin. Foto: Thilo Rückeis

Frau Heller, 1977 sind Sie als Philosophin und Dissidentin aus Ungarn nach Australien und später in die USA ausgewandert. Was bedeutete Freiheit für Sie?



Das ist ganz einfach. Freiheit hieß für mich, dass ich ein Manuskript nach Deutschland in den Briefkasten werfen konnte, und es kam ohne Problem und Zensur in Deutschland an. Freiheit bedeutete auch, dass ich in Melbourne, dem ersten Ort meiner akademischen Laufbahn außerhalb Ungarns, näher an Wien war als in Budapest.

Wie meinen Sie das?

Wer von Budapest aus ins Ausland reisen wollte, der musste bis zu sechs Monate auf ein Visum warten. Wir hatten zwar Reisepässe in der Tasche, aber paradoxerweise waren diese Pässe nicht zum Reisen gedacht. Wer aus dem Land heraus wollte, brauchte eine Reiseerlaubnis vom Innenministerium. In Melbourne war ich zwar auf der anderen Seite des Globus. Doch um nach Wien zu gelangen, musste ich nur in ein Flugzeug steigen. 24 Stunden später war ich dort – nicht sechs Monate später. In Ungarn wurde einmal mein Pass konfisziert, es hieß, meine Reise in den Westen könnte die Interessen des Staates stören.

Hatten Sie auch negative Eindrücke vom Westen?

Befremdliche manchmal. 1981 war ich auf der großen Friedensdemonstration in Bonn. Ein Redner nach dem anderen redete sich gegen Amerika in Rage, das eskalierte richtig. Am Ende blieb die Sowjetunion als das friedliebendste Land der Erde übrig – für kritische Osteuropäer war das mehr als erstaunlich. Europas Antiamerikanismus entspringt der Kränkung, von Amerika gerettet worden zu sein, aus dem I. Weltkrieg und vor Hitler. Viele verzeihen ihren Rettern nicht gerne, dass diese die Stärkeren waren.

1989 steht für eine Zeitenwende, den Auftakt einer immensen Transformation des ehemaligen Ostblocks …

… und dass der Sozialismus kollabierte, war ja notwendig. Es hätte 1945 passieren können, es hätte beim Ungarnaufstand 1956 passieren können. Der Zeitpunkt 1989, Gorbatschow, das war ein Zufall der Geschichte. Aber dass das System zusammenbrach, war kein Zufall. Es gab in ihm keine Freiheit, keine Rechte, nur Vorrechte und Privilegien. Man dachte sich: Staatseigentum gehört allen, wir können stehlen in den Fabriken, wir können lügen, Spielregeln gelten nur zuhause, nur das Privateigentum lassen wir in Ruhe. Wenn eine politische Herrschaft bei der Bevölkerung keine Legitimität besitzt, muss nur ein Element herausfallen, und es kommt zum Domino-Effekt. Dann bricht ein Teil nach dem anderen weg. Es hat sich dann außerdem gezeigt, dass künstlich zusammengehaltene Vielvölkerstaaten wie in der UdSSR keinen Bestand haben.

Denker wie Francis Fukuyama prognostizierten 1989 das „Ende der Geschichte“ mit einem weltweiten Sieg der Demokratie.

Es gibt kein Ende der Geschichte, schon gar kein Happy End der Geschichte, das ist eine Illusion. Erst einmal kam es im Osten zu einem Enthusiasmus für die Demokratie, für den Verfassungsstaat, die freien Märkte. Aber dreißig oder vierzig Jahre Kommunismus hatten die Geschichte ja nicht ausgelöscht. Große Teile der Vergangenheit waren noch unverarbeitet, und was in der Geschichte unverarbeitet ist, wird als Symptom wiederkehren, ganz wie in der individuellen Psyche. Ungarn zum Beispiel ...

… das einmal die lustigste Baracke im Ostblock war...

… ist heute so etwa die schlechteste Baracke im Osten. Das ungarische System ist immer noch ein habsburgisches System, während des Kommunismus wurde nur das Niveau gesenkt. Paternalistische Strukturen, eine formale Hochschätzung des Vaters, das ist als Attitüde aus der Kaiserzeit übrig geblieben, die auch unter Janos Kadar galt, den man mit ungarischem Nationalstolz gewissermaßen für den „besten Kaiser“ hielt. Auch in der UdSSR, unter dem Zaren genauso wie unter Stalin, hatte die Bevölkerung die Einstellung: Vater Staat soll uns etwas geben! Diese historische Haltung schleppen viele Leute weiter mit – liberale Demokratien entstehen nicht über Nacht.

Warum bricht Chinas Kommunismus nicht zusammen?

Da müssen wir unterscheiden: China, das mehr Dollars besitzt als die USA, praktiziert nur auf der politischen Ebene den totalen Staat, mit Bioterror – der Politik, dass eine Frau nur ein Kind haben darf – und dem Einparteiensystem, der totalen Partei ohne Opposition. Ökonomisch hat sich China aber im großen Stil dem Kapitalismus geöffnet. Diktaturen funktionieren auch mit einem freien Markt und erfassen nicht unbedingt jede Nische des Privatlebens. So war es etwa in Hitler-Deutschland, in Argentinien, in Griechenland oder im Irak, so verhält sich das heute im Iran oder in Syrien. Das totalitäre Nordkorea ist eine atypische Ausnahme. Diktaturen sind auf alle Fälle nichts Mittelalterliches, sondern Phänomene der Moderne.

Sie machen uns deutlich, wie kostbar Demokratie ist – wie bleiben Demokratien am Leben, wenn sie nun nicht das Happy End der Geschichte sind?

Es gibt keinen ewigen Frieden, keine ewige Demokratie, und es war lange ein Irrglaube der westeuropäischen Bürokratien, dass sie sich in einer privilegierten Position der Sicherheit befinden. Selbst wenn ein Europa ohne Kriege jetzt keine Utopie ist, sondern Wirklichkeit, Konfliktsituationen wird es weiter geben. Mein alter Lehrer George Lukacs meinte: Wenn du in eine neue Zeitperiode eintrittst, musst du so aufpassen, als ob du in Hundescheiße treten könntest.

Worauf muss man achtgeben in der Demokratie?

Eine Demokratie darf nie zur Diktatur der Mehrheit werden, und es ist enorm wichtig, dass sie immer eine liberale Demokratie bleibt. Dafür müssen wir einen tiefen Glauben an unser eigenes Wertesystem haben, sonst gehen wir unter. Bildung, Schule ab dem fünften Lebensjahr, exzellente Ganztagsschulen für alle, das gehört zu den Voraussetzungen, und leider klammern Mitteleuropas Schulsysteme immer noch am veralteten Klassensystem. Doch für die chancengleiche Teilhabe an der Demokratie sind Werte und gute Bildung vorrangig. Sie schützen vor totalisierenden Ideologien wie Rassentheorien, Klassentheorien oder dem jetzt gefährlicher werdenden Islamismus. Demokratie muss jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr neu hergestellt werden. Mit jeder Generation muss sie sich neu konstituieren.

Dann wäre Demokratie so etwas wie eine permanente Revolution?

Demokratie und Freiheit brauchen dauernde Selbsterneuerung, aber ohne Revolution.

Das Gespräch führte Caroline Fetscher.

ZUR PERSON

Ágnes Heller wurde 1929 in Budapest als Tochter jüdischer Eltern geboren. Ihr Vater und viele weitere Verwandte wurden von den Nationalsozialisten ermordet. 1955 promovierte sie in Budapest bei Georg Lukács, 1977 emigrierte sie als Dissidentin nach Australien.

1986 wurde Heller die Nachfolgerin von Hannah Arendt an der New School for Social Research in New York. Heller ist emeritiert und lebt in Budapest und New York. Ihr Interesse gilt der Linken in Ost und West, dem gesellschaftlichen Naturverhältnis sowie dem Marxismus und der Moderne.

Heller trat am Freitag auf dem Berliner Geschichtsforum 1989/2009 auf, das sich mit „Europa zwischen Teilung und Aufbruch“ befasst. In zahlreichen Veranstaltungen thematisiert es noch bis Sonntag das Umbruchsjahr und seine Folgen. Infos: www.geschichtsforum09.de

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