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Politfilm aus Frankreich : Fiese Typen wie du und ich

23.11.2012 12:44 Uhrvon
Gilles (Michel Blanc) ist nur der Stabschef seines Ministers. Aber er hält die Fäden der Macht in der Hand.Bild vergrößern
Gilles (Michel Blanc) ist nur der Stabschef seines Ministers. Aber er hält die Fäden der Macht in der Hand. - Foto: koolfilm

Wer sich elegant verbiegt, steht immer gut da. Oder? Pierre Schoellers Polit-Thriller „Der Aufsteiger“ funktioniert als brillante Analyse der Macht - hoch unterhaltsam und aufregend unspektakulär.

Mitten in diesem klaren, bösen, mitreißenden Film gibt es eine Szene, in der alle Nervosität der handelnden – oder eher: getriebenen – Figuren eigentümlich zur Ruhe kommt. Irgendwas ist schiefgelaufen mit der sogenannten privaten Abendplanung des Verkehrsministers Bertrand Saint-Jean, den alle bloß SaintJean nennen, und in seiner Handy-Namenssäule findet sich auch niemand, den er mal eben kontakten könnte; da fällt ihm auf dem Rücksitz des Dienstwagens ein, stattdessen bei seinem Chauffeur vorbeizuschauen. Echtes Leben sozusagen, Besuch beim Wahlvolk, Solidarität mit der Unterschicht – richtig, hatte man diesen schweigsamen Martin Kuypers nicht gerade bei irgendeiner PR-Aktion rausgeholt für ein paar Vertretungsmonate aus der Dauerarbeitslosigkeit? Und die Kante – Rückfahrt schließlich garantiert – könnte man sich bei der Gelegenheit auch gleich noch geben.

Also zu Kuypers. Der lebt mit seiner Frau Josepha im Wohnwagen neben einer grässlich einstaubenden Baustelle, der schon länger ein paar zehntausend Euro zum Eigenheim fehlen. Saint-Jean macht Baustellenbesichtigung, das kennt er vom Job, macht einen auf leutselig, das kennt er vom Job, und dann, benebelt von trügerischer Augenblickswärme, stürzt er sich in ein Komasaufen mit Josepha (wunderbar funkelnd aggressiv: Anne Azoulay), und Josepha gewinnt. Und ganz tief in der Nacht ist der sturzeinsame, sturzbesoffene Saint-Jean ganz das arme Würstchen, das er ist. Ganz der schlaffe Körper, den Kuypers (Sylvain Deblé) schultert und vorsichtig abkippt vor einem fernen, feinen Zuhause.

Überhaupt, es gibt weder Tag noch Nacht, weder öffentlich noch privat, jeder Dualismus ist geschreddert in SaintJeans Leben, das der Karriere gehört: Nachts wird er in den Hubschrauber gescheucht, um bei einem Busunfall mit toten und verletzten Schülern in verschneiten Ardennenwäldern medienwirksam Anteilnahme zu heucheln, und andernnachts schmiedet er mit seinem Stabschef Gilles im Büro Pläne, wie er aus der dummen Sache mit der Privatisierung der Bahnhöfe wieder rauskommt. Er war dagegen, jaja, das soziale Gewissen, oder hat er das am Rande eines übermüdet gegebenen Interviews bloß so rausgequatscht, jedenfalls war der Finanzminister eben dafür und der Premier leider auch. Das muss der Anfänger Saint-Jean erst lernen, wie man erst Ja sagt und fast im selben Atemzug Nein. Wie man sich so elegant verbiegt, dass man erst recht geradeheraus rüberkommt. Aber das schafft er schon, diese Lektion in Subordination.

Es sind fiese Typen wie du und ich, die Pierre Schoeller da Männchen machen lässt, derselbe Pierre Schoeller, der in seinem Spielfilm-Erstling „Versailles“ (2008) den Glanz der Macht noch ganz aus der Außenseiterperspektive betrachtete, wie eine unfassbar fremde, märchenhaft entrückte Welt. In seinem hochintelligenten Politfilm „L’exercice de l’état“ (etwa: staatliches Handeln), wie „Der Aufsteiger“ im französischen Original scheinbar abstrakter und viel treffender heißt, ergründet er, so undenunziatorisch wie unsentimental, die Binnenstrukturen eines Regierungsapparats. Macht macht krank, so könnte eine der nahezu medizinischen Diagnosen lauten, die aus dieser präzisen Analyse politischen Alltags hervorgehen. Macht geht über Leichen, das sowieso, und die Machtinhaber sind als Erste dran.

Das Faszinierendste: Schoeller braucht keinerlei genreüblichen Politthriller-Plot für seine aufregende Story, auch keine schlüssellochgeile Schlüsselfilmspannung, auch keinerlei Biopic-Promis, der Blick auf die Mechanismen menschlichen Funktionierens genügt. Der Blick vor allem in die bodenlose Psyche eines Otto Normalministers, den Olivier Gourmet – die zurückhaltende Größe der Filme der Dardenne-Brüder – hier wunderbar lärmend gibt, nur ab und zu von jähem, irritiertem Entsetzen über sich selbst erfasst. Dazu Michel Blanc als Strippenzieher Gilles: sein brillant kühles, nur formal nachgeordnetes Pendant. Und ein vorzüglich besetztes Ensemble von Leuten, die die Maschine namens Minister ölen, am Laufen halten, vor sich hertreiben, alles eins.

Und dann ist da Kuypers, der andere. Der Mann fürs Stille, noch einmal bekommt der Chauffeur eine Hauptrolle in Saint-Jeans schnellem Leben, und ab geht’s zur klandestinen Jungfernfahrt auf ein kurz vor der Eröffnung stehendes Autobahnteilstück. Noch so eine irre Eingebung des von seiner Macht berauschten, groß gewordenen kleinen Mannes, noch so eine Grenzverletzung inklusive Blackout, diesmal bei helllichtem Tag. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch diese Sache noch dem Vorankommen des Ministers dienlich wäre.

In Berlin in den Kinos Central und fsk am Oranienplatz (beide OmU)

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