Kultur : Pommes Frites in der Dose

Norbert Tefelski

Die Wühlmäuse feiern ihr 40-jähriges Bestehen - und ziehen in ein neues TheaterNorbert Tefelski

Die Wühlmäuse haben was zu feiern. Am Abend der Wiedereröffnung wird Hausherr Dieter Hallervorden von etlichen mehr oder weniger lustigen Kollegen unterstützt. Auf der Bühne Karl Dall, Brigitte Lebaan plus Pianist Kai Rautenberg, Ulrich Roski, Georg Kreisler mit Partnerin Barbara Peters, Ilja Richter, Horst Koch, Hannelore Kaub sowie Romy Haag mit Band, beobachtet von zahrleichen Fernseh-Kameras. Es ist September 1986, und nach bestmöglicher Modernisierung des sterilen Kabarettkartons in der Lietzenburger Straße beginnt eine neue Phase in der Geschichte der Wühlmäuse.

Nach einunddreißig Eigenproduktionen, in wechselnder Besetzung, aber stets unter Hallervordens Ägide, gehen ab sofort ausschließlich Gastspiele über die Bühne. Kaum ein namhafter Künstler aus Kabarett und kabarettistischem Umfeld, der dort seither nicht aufgetreten wäre, während sich der leitende Mäuserich durch seine bemerkenswerte Solokarriere gewühlt hat. Zum Zeitpunkt der Umstrukturierung ist der Satiriker Dieter längst zum Slapstick-Schlumpf Didi mutiert.

Den Startschuss zur Stammel- und Stolperfigur hatte bereits 1981 die Krimiklamotte "Ach du lieber Harry" gegeben, immerhin inszeniert von Louis de Funès-Regisseur Jean Girault. Bis Anfang der neunziger Jahre agiert Monsieur Plemplem in zehn Leinwandprodukten überweigend hausbackenen Hauruckhumors, bevor er sich erneut seiner politsatirischen Neigung besinnt. Vor allem die höchst erfolgreiche, vom SFB produzierte "Spott-Light"-Reihe erweist sich als geschickter Schlenker, den die Didi-Gemeinde offensichtlich gern mitmacht. Doofe Brillen und Perücken, debile Grimassen und plattgeblödelte Gesellschaftskritik aus begabten Federn - so deklariert Hallervorden seine Rückkehr zu den Wurzeln.

Der gespielte Witz

Die reichen zurück in den Dezember 1960: Die Wühlmäuse, eine Neuformierung des Kabaretts "Die Bedienten", treten mit ihrem ersten Programm an eine wohlwollende Öffentlichkeit. Im Ensemble stechen besonders Hallervorden und Rotraud Schindler in Auge und Zwerchfell. Privat verbandelt, verheiratet, geschieden, bleiben sich die beiden beruflich über Jahrzehnte treu. Auf Tour und via TV bilden sie noch in den achtziger Jahren, gemeinsam mit Kurt Schmidtchen und Gerhard Wollner, ein vertrautes Sketch-Team. Als Wühlmäuse kabarettisieren sie an unterhaltungsgeschichtlich bedeutsamem Ort: in der Schöneberger Martin-Luther-Straße, wo sich einst der Varieté-Tempel "Scala" befand. Noch wirken diese ersten Wühlversuche, mit Textbeiträgen von Horst Pillau, Curth Flatow und anderen, zusammengestoppelt. 1966, beim Umzug in die beständige Wilmersdorfer Residenz, haben die jungen Kleinkunst-Enthusiasten neue Konzept-Ideen im Gepäck. Erprobt wird eine dramaturgische Darreichungsform, die sich mittlerweile als Antwort auf den obsoleten Zeigefinger grimmiger Brettl-Berserker erneut ausbreitet - das kabarettistische Theaterstück. Frühe Versuche zeitigen zwar amüsante, letztlich aber nur "mehr oder minder geschickt kaschierte Nummernfolgen", wie Günther Grack im Tagesspiegel befindet.

Doch bald schon begeistern runde Inszenierungen wie die - mit Edith Elsholtz und Klaus Dahlen Berlin-prominent besetzte - "Gehaltserhöhung" von Georges Perec. Dies vergnüglich-literarische Vexierspiel aus dem Umfeld der philosophisch angeschrägten "Pataphysiker"-Bewegung steht Hallervorden gut zu Gesicht - dem Romanisten mit Zweitwohnsitz in Trégastel / Frankreich. Und dass der Knautschmime gelernter Schauspieler ist, will er schließlich auch mal zeigen. Etwa in Wolfgang Menges legendärem "Millionenspiel", wo er den Gangsterboss Köhler gab. Seine physiognomischen Wogen professionell zu zügeln, brachte ihm, von der Max-Reinhardt-Schule seinerzeit wegen fehlender Begabung abgelehnt, die bekannte Privatlehrerin Marlise Ludwig bei. In deren Terminkalender auch Wolfgang Gruner stand. Nicht Konkurrent, sondern Kollege. So führte das Stachelschwein auch mal Regie bei den nagenden Mitviechern, die in weit höherem Maße mit ihrem führenden Charakterkopf gleichgesetzt werden als das Emsemble um Wolfgang Gruner - das zumindest in den ersten Jahrzehnten die TV- und Theaterlandschaft um eine Reihe unverwechselbarer Typen bereicherte.

Nonstop Konsens

Kein anderer als Hallervorden hingegen ist "Die Wühlmäuse". Trotz seiner Alleingänge in Serien wie "Nonstop Nonsens" oder "Abramakabra", seines umstrittenen Ausflugs in die große Show-Welt ("Verstehen Sie Spaß?"), trotz Blödelhits wie "Mit dem Gesicht" oder, im Duett mit Helga Feddersen, "Du, die Wanne ist voll". Ein Griff in den Goldpott ist auch die Gründung seiner eigenen Produktionsfirma, "Halliwood", gleich um die Ecke des Wühlmausbaus. Des Ex-Wühlmausbaus - denn als sinnvolle Geldverwendung gönnt er sich nun ein neues Theater, setzt sich, fünfundsechzigjährig, ein Denkmal für die Zeit nach Hallervorden. Was nicht heißen soll, er sei gebrechlich. Dient ihm doch die neue Spielstätte, das ehemalige Amerikahaus am Theodor-Heuss-Platz, unter anderem als Live-Studio für seine, gemeinsam mit Frank Lüdecke erarbeitete Serie "Zebralla", die ab Dezember ausgestrahlt werden soll. Das wirklich Bemerkenswerte aber ist eine pluralistische Programmplanung, die neben allerlei Kleinkunst-Acts musikalische Veranstaltung vom Big Band Jazz bis zur Klassik einschließt. 520 Plätze wollen allabendlich gefüllt sein.

Wer darüber staunt, sei darauf verwiesen, dass vor langer Zeit bereits Nicht-Kabarett-Stars wie Zarah Leander oder Eartha Kitt in der Lietzenburger auftraten. Die imaginären Wühlmäuse haben also wieder was zu feiern. Das einundvierzigste Gründungsjahr beginnt heute abend am "Theo" mit einer Galaveranstaltung. Um den Hausherrn scharen sich, von SFB-Kameras beobachtet: Gabi Decker, Martin Buchholz, Harald Effenberg, Ottfried Fischer, Thomas Freitag, Christian Habekost, Wilfried Herbst, Bruno Jonas, Frank Lüdecke, Dieter Nuhr, Arnulf Rating, Georg Schramm, Uwe Steimle und Stephan Wald.Das neue Domizil der Wühlmäuse befindet sich in der Pommernallee 1, Ecke Heerstraße. Der Gala-Abend zur Eröffnung wird im ARD am 4.3., um 22.30 Uhr ausgestrahlt. Vom 4. bis 13.3. "Zebralla 1 & 2" mit Dieter Hallervorden und Gästen. Vom 17. bis 20.3. gastiert Ottfried Fischer, vom 25. bis 31.3. Hans Werner Olm. Beginn jeweils um 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben