Kool Savas : Abgerechnet wird zum Schluss

König Unbekannt: Kool Savas ist der Urvater des Berliner Hip-Hop – und hält sich dezent im Hintergrund.

Laura Backes

Im November vergangenen Jahres ließ „Juice“, die größte deutsche Hip-Hop- Zeitschrift, von hundert Kennern der Szene die besten MCs (Masters of Ceremony) wählen. Gewinner mit großem Abstand: Kool Savas. Ein Name, der weit weniger bekannt ist als die allgegenwärtigen Sido und Bushido. Dabei galt Kool Savas mit seinen aggressiven Beats und expliziten Texten einst als der Inbegriff des Berliner Rappers. Auch sein Werdegang passt: Jugend in Kreuzberg, Probleme mit der Staatsgewalt wegen Graffiti und Diebstahl, erster Kontakt mit US-amerikanischem Rap.

Geboren wird Savas Yurderi 1975 in Aachen, ein Jahr später zieht er mit seiner Familie zurück in die Türkei. Dort arbeitet sein Vater in einer politisch links stehenden Druckerei, bis man ihn denunziert und er verhaftet wird. Der Rest der Familie flieht zurück nach Aachen, und beginnt dann nach der sechsjährigen Haft des Vaters einen neuen Lebensabschnitt in Berlin-Kreuzberg. „In Aachen wuchs ich streng und gut behütet auf, war immer ein guter Schüler“, erinnert sich Savas im Gespräch. „Mit zwölf war Kreuzberg dann echt ein Kulturschock. Aber es war natürlich auch viel spannender.“

Die Szene horcht zum ersten Mal auf, als im Jahr 2000 „LMS/Schwule Rapper“ (LMS steht für „Lutsch meinen Schwanz“) erscheint und Kool Savas mit einem Schlag zum kontroversesten Rapper des Landes wird. Die heute legendäre Vinyl-Single wird 2001 indiziert und zu Höchstpreisen gehandelt. Sein Image als Rapper mit polarisierenden Texten legt Savas allerdings schon auf seinem ersten Album „Der beste Tag meines Lebens“ im Jahr 2002 ab. Seitdem trägt er nur noch den selbst gewählten Titel „King of Rap“.

Bis heute sind fünf Alben von Kool Savas erschienen – eins davon in Kollaboration mit dem Frankfurter Azad –, die in der Regel auf einem der ersten zehn Plätze in die deutschen Charts einsteigen. Savas’ neuestes Album „John Bello Story 3“ erschien im März und erreichte auf Anhieb Platz 4. Damit bestätigte Savas erneut seine Ausnahmestellung.

Sein Talent steht außer Frage: Stimme, Stil und Flow sind unverkennbar. Doch für den Erfolg mitverantwortlich ist Melbeatz, Savas’ frühere Freundin und Produzentin bis zum heutigen Tag. Um sich nicht mit Plattenbossen herumschlagen zu müssen, gründet Savas 2002 sein eigenes Label „Optik Records“, und nimmt Künstler wie Ercandize oder den Stuttgarter Franky Kubrick unter Vertrag. Das Label stellt 2009 allerdings den Betrieb ein. Für Savas kein Grund, am eigenen Tun zu zweifeln. Denn sinkende Verkaufszahlen stellen im Rap seit jeher ein größeres Problem dar als in anderen Genres. Für die jüngeren Rap-Fans ist das Downloaden von Musik Alltag. Kool Savas hat nun mit „Essah Entertainment“ zwar ein neues Label gegründet, auf dem er bisher nur seine eigenen Alben veröffentlicht hat. Geld verdient er aber in erster Linie, indem er ständig auf Tournee ist.

Stress mit Kontrahenten bleibt bei einer derart herausgehobenen Stellung natürlich nicht aus. 2004 will sich sein Schützling Eko Fresh in pubertärer Manier emanzipieren und charakterisiert seinen Meister in dem Lied „Die Abrechnung“ als autoritären Boss, der niemandem den Erfolg gönne. Der Jung-Rapper erleidet jedoch eine klare Niederlage. Savas’ Reaktion in Form des Tracks „Das Urteil“ wird innerhalb kürzester Zeit über 100 000 Mal im Internet heruntergeladen. Die Fans wählen den Titel bei der MTV-Sendung „TRL Charts“ zwanzig Mal auf Platz eins.

Und dennoch: Kaum jemand über 30 kann neben Sido und Bushido weitere Namen aus der deutschen Hip-Hop-Szene nennen. Savas erklärt seine relative Unbekanntheit so: „Ich hab einfach keine Lust, bei jedem Scheiß mitzumachen. Am Anfang meiner Karriere lud mich Niels Ruf zu seiner Show auf Viva Zwei ein, weil der ein Riesenfan meines Songs ‚Pimplegionär’ war. Doch schon damals fühlte ich mich in der künstlichen Fernsehwelt unwohl.“ Dieser Einstellung ist Savas bis heute treu geblieben. „Stefan Raab hasst mich“, beteuert der Rapper lachend. „Er hat mich zum ‚TV Total Stock Car Crash Challenge’ und sogar zwei Mal zu diesem Bundesvision-Song-Contest eingeladen. Ich habe immer abgelehnt.“

Derart öffentlichkeitsscheu waren Sido und Bushido nie. Im Gegenteil: Ihre Images als Maskenmann beziehungsweise als harter Gangster wurden ihnen von der Plattenfirma Aggro Berlin maßgeschneidert, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aggro Berlin machte letztes Jahr dicht, Sido und Bushido hatten das Label ohnehin schon verlassen – als bekannte Marken.

Kool Savas hat Berlin inzwischen den Rücken gekehrt. „Wegen der Liebe“ zog er erst nach Heidelberg und hat es seitdem nie lange irgendwo ausgehalten. Der Stadt seiner Jugend fühlt er sich trotzdem immer noch verbunden. Er definiert sich als Berliner: „Hier fühle ich mich am ehesten zugehörig.“ Außerdem sei er gerne zu Besuch in der Hauptstadt: „Hier gibt es einfach das beste Essen. Jeder, der schon mal bei Monsieur Vuong oder dem vegetarischen Cafe V war, weiß das“, sagt Savas, der Vegetarier.

Und so kann der „King of Rap“ auch ganz gut ohne die hauptstädtischen Hip- Hop-Hitze leben. Er muss schließlich nichts mehr beweisen. In der Szene ist seine Stellung anerkannt. Sido landete im Übrigen auf Platz sechs der „Juice“-Liste, Bushido schaffte es auf Platz 18.

Kool Savas tritt am Montag, 7. 6. um 20 Uhr im Astra Kulturhaus auf.

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