Manu Chao : Ich hoffe auf tausend kleine Revolutionen

Der Sänger und Gitarrist Manu Chao über die Zukunft Lateinamerikas und sein Misstrauen gegenüber Politikern.

Manu Choa Foto: AFP
Manu Chao bei einem Konzert in Paris -Foto: AFP

Manu, Ihr letztes Album haben Sie vor fünf Jahren veröffentlicht. Das ist lange her. Wo haben Sie gesteckt?

Ich habe ein Buch gemacht und eine Reihe anderer Künstler produziert. Außerdem arbeite ich seit fünf Jahren bei einer kleinen Radiostation in Buenos Aires namens La Colifata. Die ist ein bisschen spezieller, weil sie aus einer neuropsychologischen Anstalt sendet und die Patienten das Programm zusammenstellen. Daraus sind ein paar CDs in Kleinstauflagen hervorgegangen, die wir auf der Straße verkaufen. Schließlich bin ich noch mit meiner Band Radio Bemba rumgereist. Da vergeht die Zeit schnell.

Ihr größter Hit „Bongo Bong“ ist mittlerweile zu einem richtigen Monster geworden. Ein Fluch oder ein Segen?

Ich weiß nicht. Kinder stehen drauf. Deshalb werde ich ihn weiterhin spielen.

Wie denken sie über die zahlreichen Coverversionen etwa von Robbie Williams?

Das war nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Die beste Version stammt von einem DJ namens Dr. Maniac aus Guyana. Allerdings bekomme ich sehr viele Bearbeitungen zugeschickt.

Wie gehen Sie mit ihrer wachsenden Popularität um?

Ich bin eigentlich ein schüchterner Typ und gehe den Menschen aus dem Weg. Es passiert gelegentlich, dass Leute auf mich zukommen und mir Fragen stellen. Aber nachdem sie das getan haben, frage ich sie eben auch nach Dingen aus ihrem Leben. Sie fragen mich, und ich sie. Das würde zum Problem werden, wenn ich mich deshalb nicht mehr auf der Straße bewegen könnte. Denn selbst, wenn ich in Barcelona bin, der Stadt in der ich lebe, gehe ich nur zum Schlafen nach Hause. Ich esse in einer Bar, ich schaue mir Fußballspiele in einer Bar an, ich lese meine Zeitung in einer Bar, und ich nehme aktiv am Leben auf der Straße teil. Das erlauben mir die Leute.

Haben Sie auf Ihren Reisen nie Angst? Sie begeben sich immerhin an Orte in Südamerika, die von Drogenkartellen, Militär und Milizen kontrolliert werden?

Natürlich habe ich Angst. Und wie. Wenn wir jetzt von der Zugfahrt sprechen, die ich in den Neunzigern mit meiner ersten Band Mano Negra durch Kolumbien unternommen habe, dann gab es da Orte tief im Landesinneren, wo es nicht ganz so einfach war. Da hatte ich wirklich Schiss. Aber was sollte ich machen? In der Erinnerung hat sich diese Tour durch Kolumbien in eines der schönsten Abenteuer verwandelt, das ich hatte.

Ihr politisches Engagement hat Sie zu einem Ansprechpartner für Regierungen gemacht. Was halten sie von Chávez? Ist er Ihrer Meinung nach ein guter Präsident?

Ich habe in meinem Leben noch keinen guten Präsidenten getroffen. Aber ich kann sagen, dass er definitiv nicht der schlechteste ist, den Venezuela hatte. Als Chávez noch im Gefängnis saß, habe ich mir noch mal die Viertel angesehen, in denen wir Jahre zuvor mit Mano Negra aufgetreten waren. Mittlerweile hat sich da wirklich einiges verändert. Gerade in den Armenvierteln von Caracas. Da gibt es jetzt Medizin, die Schulen sind besser, und vor allem vertraut die Staatsgewalt wieder der Jugend. Die haben da mal eben eine Show für mich organisiert, und zwar in der größten Halle. Das waren alles Leute unter 30, die keinerlei Erfahrung hatten, wie man so etwas macht.

Muss der Westen Angst vor einem sozialistischen Südamerika haben?

Das hat er definitiv. Aber ist Kolumbien ein Paradies? Ist Brasilien eins? Nein, bei weitem nicht. Dasselbe gilt für Kuba. Auch kein Paradies. Doch selbst Kritiker des Castro-Regimes müssen einräumen, dass Kuba das einzige Land in Südamerika ist, in dem nicht Jagd auf die vielen Straßenkinder gemacht wird. Als ich letztes Jahr auf Kuba gespielt habe, und über 100 000 Menschen zu meinem Konzert im Malecon kamen, war ich echt baff, so viele Leute aus allen Teilen der Welt zu sehen. Die waren da, weil Bildung auf Kuba umsonst ist.

Sie gelten als Ikone der Globalisierungsgegner. Sind Sie glücklich mit dieser Rolle?

Nein. Die Bewegung ist zu groß, um auf einzelne Personen festgelegt zu werden. Wer da mitmacht, versucht, eine bessere Welt für seine Kinder zu schaffen. Aber diese Intention ist auch das Einzige, was die Gruppen verbindet. Ikonen wären das Schlimmste, was ihnen passieren könnte.

Warum sind Sie mit dieser Einstellung nicht bei Live Earth aufgetreten?

Weil ich schlechte Erfahrungen mit diesem Geldof-Ding gemacht habe – mit Live 8.

Was ist passiert?

Nun, sie haben mich gefragt, ob ich bei dem Konzert in Paris auftreten könne. Und das ging nicht, weil ich in Südamerika unterwegs war. Also habe ich ihnen schon vier oder fünf Monate vorher eine Mail geschickt, dass ich nicht kommen kann. Trotzdem haben sie mich angekündigt. Fünf Minuten nach Beginn des Konzerts haben sie dann vor laufender Kamera gesagt: „Es tut uns schrecklich leid, aber Manu Chao ist nicht hier. Er hat versprochen zu kommen, aber er ist nicht da.“ Da war selbst meine Mutter in Sorge. „Manu, was ist los? Sie sagen im Fernsehen, dass du nicht da bist, wo du sein solltest.“ Darüber war ich sehr traurig. Man erreicht gar nichts mit Manipulation. Deswegen wollte ich nichts mit Al Gore zu tun haben. Der ist auch nicht besser – schließlich ist er Politiker.

Könnten Sie sich vorstellen, in die Politik zu gehen, um es besser zu machen?

Ich mag das Wort Politik nicht. Es wurde korrumpiert durch eine professionelle Kaste, die sich überall selbst bereichert. Ich bin ein Sänger, also habe ich Zugang zum Mikrofon. Eine Menge Leute haben das nicht, von daher zählt es zu meiner Verantwortung, alles zu kommentieren, was ich erlebe. Ich bin ein Weltenbummler, und ich habe noch keinen Ort gefunden, an dem alles gut ist. Mann, ich wäre so froh, wenn es den gäbe. Aber er existiert nicht. Deshalb hoffe ich auf Tausende und Abertausende von kleinen Revolutionen, die in den Vierteln passieren.

Jetzt haben Sie immer noch nicht die Frage beantwortet, ob Sie eines Tages selbst ein öffentliches Amt bekleiden würden.

Ich habe noch niemanden getroffen, dem ich genug vertraut hätte, um hinter ihm zu stehen. Und das ist die Krankheit der Demokratie – die Wurzel allen Übels. Ich bin 46, ich gehe wählen seit ich 18 bin, aber ich tue es nur, weil mein Großvater einst zum Tode verurteilt wurde, als er während des Krieges für mehr Demokratie in Spanien gekämpft hat. Ich habe noch nie für jemanden gestimmt, sondern immer gegen jemanden.

Und das Mittel gegen diese Misere ist „La Radiolina“, viele kleine Radios, die gute Musik spielen?

Ich füttere viele kleine Radios mit Musik, mit Klängen, mit Texten. Das ist Teil meiner Therapie, diese Welt besser akzeptieren zu können.

Das Gespräch führte Marcel Anders. „La Radiolina“ von Manu Chao erscheint am 31. August bei Warner

Manu Chao, geboren 1961 in Paris als Sohn eines galizischen Musikervaters und einer baskischen Mutter, gelang 1998 mit Bongo Bong der internationale Durchbruch. In seinen Songs beschäftigt sich der Musiker oft mit Problemen wie Rassismus, Armut und Gewalt in den Elendsquartieren der Dritten Welt, und entwickelte mit Portunol eine eigene Kunstsprache. Chao bezeichnet seinen musikalischen Stil als Mestizo, eine Art Reggae-Raï, der Elemente aus Rock, Hiphop und Salsa aufgreift.

La Radiolina ist sein drittes Solo-Album. Es enthält 21 Songs (und fünf Bonustracks) in fünf Sprachen, darunter auch in Englisch, was er als Teenager durch die Songs von Lou Reed lernte. Chao lebt in Barcelona und Nord-Brasilien.

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