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Popliteratur : Vertrottelt und verkauft in Hamburg

15.04.2013 17:45 Uhrvon
Stellt die Verbindung zwischen Pop und Literatur her: Frank Spilker, Sänger von Die Sterne, jetzt auch Romanautor. Foto: Juliane Werner/Hoffmann und CampeBild vergrößern
Stellt die Verbindung zwischen Pop und Literatur her: Frank Spilker, Sänger von Die Sterne, jetzt auch Romanautor. - Foto: Juliane Werner/Hoffmann und Campe

„Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“: Der Popmusiker Frank Spilker hat einen Roman geschrieben, der leider nicht zu den interessantesten gehört.

Der Titel dieses Romans von Frank Spilker ist gut, interessant gar; ein Pop-Titel, der einen tollen Sound hat, aber auch mit Inhalt nicht spart, wie man bei der Lektüre dann erkennt: „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen.“ So ein Satz erinnert natürlich gleich an den Titel eines Albums der Hamburger Diskurspop-Band Die Sterne, an „Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten".

Was gleichfalls nicht von ungefähr kommt: Frank Spilker kennen Pop-Fans vor allem als Sänger und Texter von Die Sterne, einer Band, die in den neunziger Jahren neben Tocotronic und Blumfeld zu den wichtigsten Protagonisten der sogenannten Hamburger Schule gehörte und sich heute noch, freilich nicht mehr so erfolgreich wie in den Neunzigern, durch intelligente Texte und melodiösen, funkorientierten Indierock auszeichnet.

Nun ist Frank Spilker unter die Romanautoren gegangen. Leider bleibt „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ die Antwort darauf schuldig, was ihn dazu veranlasst hat. Sein Ich-Erzähler heißt Thomas Troppelmann; dessen Freundin Andrea hat jetzt einen anderen Lover, was ihn nicht interessiert, nur kann er dieses Desinteresse eben: nicht beweisen. So sagt es ihm einer seiner Freunde kurzerhand auf den Kopf zu.

Troppelmann leitet in Hamburg eine Grafikagentur namens Tropical Design, die nicht wirklich gut läuft: Selbstausbeutung hier, kaum Aufträge dort, und so richtig eigene Kunst ist es dann auch nicht. Troppelmann, der Trottel (Selbstauskunft) ist ein Scheiterer, der ziemlich genau weiß: „Bei ,Ich’ handelt es sich eher um eine Aussage, die sich in der Praxis bewährt hat, als um eine wissenschaftlich haltbare Angabe“.

Und der Roman erzählt dann, wie er versucht, seinem Scheitern und seinen „Ich-Störungen“ zu begegnen. Troppelmann nimmt eine Auszeit, versucht sich selbst zu finden, fährt mit dem ICE kreuz und quer durch die Republik: erst nach Kassel, dann zu einer Geliebten nach Hildesheim, schließlich zu seinen Eltern in den Ruhrpott, am Ende in den Schwarzwald, wo er sich mit einem Kindheitstrauma auseinandersetzen will. Hier war er als kleiner Junge zu einem Kuraufenthalt in einem Heim.

Von Ferne erinnert diese Reise an Christian Krachts Roman „Faserland“ oder Sten Nadolnys „Netzkarte“. Deren Helden waren die Achtziger- (Nadolny) und Neunziger-Jahre-Varianten (Kracht) des Nuller-Jahre-Typen Thomas Troppelmann. Aber deren Verzweiflung, deren Zynismus und deren Orientierungslosigkeit waren kraftvoller ins Bild gesetzt, als Spilker das jetzt mit seinem Helden gelingt, nicht zuletzt sprachlich. Bei Troppelmann hat man beim Lesen ständig das Gefühl, dass er gleich aus dem Bild verschwindet, so unaufgeregt eigenschaftslos trottelt er in der Gegend herum; auch zu einer zeitgenössischen Inlandsethnografie reicht es nicht, trotz Spilkers Bemühens, Reihenhaussiedlungen, Bahnhöfe und Hotels detailliert zu beschreiben; und dass sich in Hamburg während der Abwesenheit des Helden etwas zusammenbraut, sich eine kleine Katastrophe ereignet (vergiftetes Wasser im Sommer, Bürger stürmen Supermärkte oder trinken nurmehr Bier), das ist ein eher blasses, an Joachim Bessings „Wir-Maschine“ erinnerndes Popliteratur-Zitat.

Man merkt diesem Roman zudem an, wie hier ein Autor seine Sprache noch sucht, wie er Gedanken zu fassen und in Worte zu kleiden versucht. Wie das aber, wenn es gelingt, wiederum seinen Erzählfluss behindert und die sprachliche Harmonie stört. Es gibt hier schon einen eigenen Ton, eine Mischung aus Vergeblichkeit und Nonchalance, doch durchgängig ist dieser nicht. Für einen Debütroman geht das in Ordnung. Das Trauma von einst, das sich in kursivierten, über den Roman verstreuten Absätzen andeutet, bewältigt Thomas Troppelmann (war nämlich gar keins). Nur die Notwendigkeit, warum Frank Spilker uns diese Geschichte als Roman erzählen muss und nicht innerhalb eines dreiminütigen Popsongs, die erschließt sich nicht.

Von allen Büchern schätze ich doch am meisten die interessanten, könnte man das Sterne-Zitat auch abwandeln. Dieser Debütroman gehört leider nicht unbedingt dazu.

Frank Spilker:Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen Roman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2013. 157 S., 17,95 €.

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