"Ich will, dass die Schauspieler Geheimnisse haben", sagt Magee

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Porträt der Regisseurin Micah Magee : Fahrt ins Ungewisse
Carolin Haentjes
Devon Keller (r.) spielt Layla in "Petting Zoo".
Devon Keller (r.) spielt Layla in "Petting Zoo".Foto: Peripher Film

Micah Magee ist selbst als Jugendliche schwanger gewesen, auch sie hat, wie ihre Protagonistin, ihr Kind tot zur Welt gebracht. Trotzdem erzählt sie mit dem Film nicht einfach ihre eigene Geschichte, sondern transformiert sie in Charaktere und Bilder, die von einer universellen menschlichen Erfahrung erzählen. „Ich möchte, dass die Zuschauer mit ihrer eigenen Geschichte in den Film hineinfinden“, erklärt die 37-jährige Regisseurin. Durch Devon Kellers herausragendes Spiel gelingt das tatsächlich: Man meint beim Zuschauen ihre Zerrissenheit am eigenen Leib zu spüren. Die stille Stärke des Mädchens vergisst man nicht so schnell.

Vielleicht gerade weil so vieles unausgesprochen und schwer greifbar bleibt. Stattdessen wirken die ruhigen, sorgsam fotografierten Bilder und die oft langen Einstellungen. Etwa wenn man die zierliche Layla immer wieder in Fahrzeugen mitfahren sieht, die andere lenken: im Schulbus, im Wagen ihrer Freundin oder ihres Onkels. Dann fühlt man (wieder) dieses Ausgeliefertsein, dass dieses kluge, reflektierte Mädchen die Richtung, in die ihr Leben steuert, nicht selbst in der Hand hat. „Vielleicht bin ich auf Fotos hängen geblieben… Jedenfalls empfinde ich schnelle Schnitte als körperlich schmerzhaft“, erklärt Magee achselzuckend die hochgelobte Bildsprache ihrer Filme, dank der auch dann etwas passiert, wenn eigentlich nichts passiert.

Nicht immer alles vorher wissen

Man muss ja nicht immer alles erklären, alles wissen, alles sagen. Auch über die eigenen Filme nicht. „Ich will, dass die Schauspieler Geheimnisse haben. Vor der Kamera und vor mir.“ Verteidigung einer fiktionalen Privatsphäre? Eher eine Verteidigung des Ungewissen – die das wirkliche Leben ausmacht und sich im Film spiegeln soll. Zum Beispiel indem sie eine Szene mit zwei unterschiedlichen Ausgängen proben lässt. Beim Dreh liegt es dann bei den Schauspielerinnen und Schauspielern, wie sie sich entscheiden. „In der Realität wissen wir ja auch nicht schon vorher, wie eine Situation enden wird.“

Offenheit für das Ungewisse – das täte auch der Filmindustrie im Allgemeinen gut, findet Magee. Immer schon wissen zu müssen, was man mit einer Sache genau will, verhindere oft die interessantesten Projekte. Von denen es im Übrigen eine Menge gebe, besonders in Berlin, weiß sie als Jury-Mitglied von Achtung Berlin, einem Festival für Filme aus Berlin und Brandenburg. Die Frage sei eher, ob sie wahrgenommen würden.

„Petting Zoo“ wird wahrgenommen. Doch Geld ist, wie sie oft bei Independent-Filmemachern, ein schwieriges Thema. Micah Magees Devise lautet: „Die laufenden Kosten niedrig halten. Nur dann kann man seine eigenen Ideen verwirklichen.“ Mit einem unbetrüblichen Wild-West-Lächeln erzählt sie, wie sie mit ihrem Mann, einem dänischen Filmemacher, und ihren zwei Kindern in Berlin auf 25 Quadratmetern gelebt hat. Jetzt gibt es ein drittes Kind und ein Grundstück auf der dänischen Insel Bornholm. Dort wollen sie ein Haus herrichten, in dem Filmschaffende mit anderen Kreativen in Ruhe arbeiten können. Beginn der Renovierungsarbeiten ist diesen Sommer.

Auch wenn Magee und ihr Mann vereinbart haben, dass jetzt erst mal er dran ist, einen Film zu machen: Hoffentlich entsteht bald auch ein neuer Film von Micah Magee, der die Ungewissheit so wunderbar zur Tugend macht wie „Petting Zoo“. An Entschlossenheit mangelt es ihr jedenfalls nicht.

Filmgespräche mit Micah Magee: Hackesche Höfe Filmtheater, 20.5., 20 Uhr, fsk Kino, 21.5., 20.15Uhr

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