Porträt : "Ich verstehe meine Songs erst nach einem halben Jahr"

Newcomer: Der Friedrichshainer Musiker Tim Bendzko hat ein erfolgreiches Debütalbum veröffentlicht, war mit Elton John und Joe Cocker auf Tour und vertritt Berlin beim Bundesvision Song Contest. Eine Begegnung

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Konsequent selbstbewusst. Tim Bendzko.
Konsequent selbstbewusst. Tim Bendzko.Foto: Alexander Gnädiger

Verträumt spielt er am Reißverschluss seiner grauen Kapuzenjacke, bläst sich eine blonde Locke aus dem Gesicht. Tim Bendzko sitzt erschöpft auf der schwarzen Ledercouch seines Tourbusses. Sein rechter Fuß wippt auf und ab. Vor wenigen Minuten noch stand er auf der Bühne und spielte eine knappe Stunde lang die Songs seines ersten Albums „Wenn Worte meine Sprache wären“. Etwas unbeholfen wirkt er manchmal auf der Bühne, als wüsste er nicht, wohin mit seinen Armen und Beinen. Dabei hat er inzwischen schon viel Erfahrung auf großen Bühnen: Elton John und Joe Cocker nahmen ihn im Vorprogramm mit auf ihre Deutschlandtourneen.

Seine Debütsingle „Nur noch kurz die Welt retten“ läuft schon seit Wochen auf vielen Radiostationen in Dauerschleife. Der Song stieg auf Platz zwölf in die Charts ein, ist seit der zweiten Woche konstant in den Top drei vertreten. Der 26-Jährige hat es geschafft den Traum zu leben, den er seit seinem zehnten Lebensjahr träumt: eigene Songs schreiben und als Musiker Karriere machen. Dabei begann sein Leben mit einem ganz anderen Hobby. In Kaulsdorf geboren und in Köpenick aufgewachsen, besuchte Bendzko ein Sportgymnasium und spielte jahrelang beim 1. FC Union Berlin – bis es ihm zu professionell wurde. „Plötzlich ging es nur noch darum Leistung zu bringen und dann hat es keinen Spaß mehr gemacht“, so der Teenie-Schwarm heute. Außerdem wusste er schon damals, dass sein Ziel die große Bühne ist. Bendzko klingt ein wenig abgehoben. Doch wenn man ihn im Umgang mit seinen Fans sieht, wie geduldig er Autogramm- und Fotowünsche erfüllt, immer wieder mit ihnen scherzt, obwohl die Zeit knapp ist und der nächste Termin drängt, verblasst das Bild des arroganten Newcomers. Ehrlich, konsequent und selbstbewusst könnte man ihn stattdessen nennen. „Ich wusste schon immer, wo ich hin will und es gibt bestimmt hundert Milliarden Menschen, die viel mehr dafür getan haben. Aber ich war einfach effektiver“, sagt er lächelnd.

Trotz seines beachtlichen Selbstwertgefühles und seiner Zielstrebigkeit macht er nach dem Abitur erstmal einen Schlenker. „Ich wusste, dass es mit der Musik noch nicht so weit war“, sagt Bendzko. „Ich fühlte mich noch nicht reif genug und wirkte zu jung, nicht authentisch genug. Damals hätten mir die Leute meine Texte nicht abgenommen.“ Also beginnt er ein Studium der Evangelischen Theologie und Nichtchristlichen Religionen an der Freien Universität Berlin. Nur aus Interesse, „nicht um irgendwas Aufregendes damit zu machen.“ Nach fünf Semestern geht ihm allerdings das Geld aus. Er bricht das Studium ab und hält sich als Auto-Auktionator über Wasser. Autohändler seien kein leichtes Publikum gewesen, aber gute Schule für seine Karriere als Musiker.

Bei einem Talentwettbewerb gewinnt er einen Auftritt in der Waldbühne

Auf Bühnen steht Bendzko schon früh. Mit 17 wird er Mitglied der Köpenicker Theatergruppe Rampendieler, 2006 wird ihm ein Auftritt in einer Diskothek angeboten. Seine erste, kleine Club-Tour beginnt. Der große Coup gelingt ihm drei Jahre später, als die Söhne Mannheims den Talentwettbewerb „Söhne gesucht“ ausruft. Für jedes der 14 Bandmitglieder wurde ein Pendant gesucht. Bendzkos Sportsgeist ist geweckt und er bewirbt sich prompt für den Part von Bandleader Xavier Naidoo – mit Erfolg. Die Siegerprämie ist ein Auftritt in der Berliner Waldbühne vor 20000 Menschen und eine Rolle im Videoclip der Söhne Mannheims. Gleich darauf entdeckte ein großes Plattenlabel das junge Berliner Talent und nimmt ihn unter Vertrag. Die verkauft ihn nun als Schwiegermamas neuen Liebling mit breitem Sunnyboy-Lächeln.

Er singt ruhige, nachdenkliche Popsongs ohne Ecken und Kanten.  Seine Musik ist zu lieb, sein Aussehen ähnelt dem eines Hollywoodstars. Ein Hauch von Schwermut liegt über den Liedern seines Debütalbums. Allein der Opener „Auf den ersten Blick“ und der Titelsong „Wenn Worte meine Sprache wären“ sind etwas dynamischer und peppiger geraten. Ansonsten dominieren wehleidige, klagende Stücke wie „Du warst noch nie hier“. Auch die Produktion von Swen Meyer, der schon mit Musikern wie Kettcar, Olli Schulz und auch Tomte zusammengearbeitet hat, verstärkt das sanfte Deutsch-Pop-Image des Sängers. Das Album erinnert an Clueso, Adel Tawil und Bendzkos Mentor Xavier Naidoo. Doch als Vorbilder würde Bendzko die Künstler nicht bezeichnen.

Auch schreibt der in Friedrichshain wohnende Sänger nicht ausschließlich über seine eigene Gefühlswelt, wie es oft vermutet wird. „Es ist nicht so, dass ich etwas bewusst verarbeiten würde. Ich verstehe meine Songs meist selber erst nach einem halben Jahr“, sagt er. Nur bei einem Lied hat er eine Ausnahme gemacht. Mit den Worten „Das war das letzte Mal, das letzte Lied // Das war das letzte Mal, dass ich dir sag // wie sehr ich Dich geliebt hab // du mir gefehlt hast“ hat Bendzko den Trennungsschmerz und Abschied von seiner damaligen Freundin verarbeitet. Aber das ist alles schon lange passé, denn inzwischen ist sogar verlobt – ganz zum Leidwesen seiner weiblichen Fans.

Wie gut die ihn weiterhin unterstützen, zeigt sich am 29. September bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest. Hier tritt Bendzko mit seiner nächsten Singleauskopplung „Wenn Worte meine Sprache wären“ für Berlin an. Die Konkurrenz ist hart: Für Hamburg tritt Thees Uhlmann an, Hessen schickt Juli ins Rennen und für Niedersachsen steht Bosse zusammen mit Anna Loos auf der Bühne. Außerdem sind die Berliner Erwartungen hoch, ging der Pokal Dank Peter Fox und Seeed schon zwei Mal an die Hauptstadt. Gemischte Gefühle beim Shootingstar: „Ich habe bald mehr Angst davor zu gewinnen, als das ich hoffe, dass wir gewinnen. Denn schon jetzt passieren Sachen, die kopfmäßig schwierig zu verarbeiten sind. Und der Bundesvision Song Contest würde das dann wahrscheinlich noch mal auf Ebenen heben, wo man nicht mal mehr auf die Straße gehen kann“, sagt Bendzko nachdenklich Plötzlich wirkt Benzdko alles andere als abgehoben. Fast schon ein wenig hilflos sitzt er in seinem großen, unaufgeräumten Tourbus.

 

Bundesvision Song Contest: Lanxess Arena Köln, 29.9. u. live auf Pro7 (20.15 Uhr),

Konzerte: Lido, 23./24.11. (ausverkauft), Astra Kulturhaus, 27.2. 2012

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