Kultur : Prophet im Gehrock

150 Jahre Rudolf Steiner: Zwei neue Biografien beschreiben dessen Leben und Wirkungsgeschichte

Ernst Piper
Anthroposophische Architektur. Das erste Goetheanum in Dornach in der Schweiz.Foto: Ullstein
Anthroposophische Architektur. Das erste Goetheanum in Dornach in der Schweiz.Foto: UllsteinFoto: ullstein bild

Am 27. Februar 2011 ist der 150. Geburtstag von Rudolf Steiner. Aus diesem Anlass plant das Goetheanum im schweizerischen Dornach eine große Feier, sogar Otto Schily hat sich als Redner angesagt. Und ausgerechnet im Jubiläumsjahr muss die Anthroposophische Gesellschaft ihren Jahresetat von 21 Millionen Franken um über vier Millionen reduzieren, ist das Goetheanum „eigentlich pleite“, wie es in der neuesten Ausgabe der anthroposophischen Pädagogikzeitschrift „Erziehungskunst“ heißt. Der Prozentsatz der ehemaligen Waldorfschüler, die ihr Verhältnis zur Anthroposophie als „praktizierend/engagiert“ bezeichnen, ist in den letzten drei Jahrzehnten von 17 auf 7,2 Prozent zurückgegangen, das Lager der Indifferenten und Kritiker auf über 60 Prozent angewachsen. Gleichzeitig sind die Waldorfschulen erfolgreicher als je zuvor, über 1000 gibt es weltweit inzwischen. Die anthroposophische Weleda AG, eine in über 50 Ländern tätige Unternehmensgruppe, ist heute der drittgrößte Hersteller von Babypflege-Produkten in Deutschland und Marktführer bei Naturkosmetik in Europa, während wohl nur die wenigsten Käufer dieser Produkte eine deutliche Vorstellung von den Grundlagen der anthroposophischen Geisteswissenschaft haben, die bei der Gründung des Unternehmens Pate stand. Ganz offensichtlich hat sich da etwas auseinanderentwickelt.

Seit 1997 gibt es das 1000-Seiten- Werk von Christoph Lindenberg über Rudolf Steiner, das sich im Untertitel Biografie nennt, aber eher eine Hagiografie ist. Auf der anderen Seite gibt es die Abrechnungsliteratur, deren Autoren die grundsätzliche Ablehnung der Anthroposophie und allem, was daraus hervorgegangen ist, die Feder führt. Da ist es gut, dass pünktlich zum Jubiläum zwei neue Bücher erschienen sind, die einen differenzierten Zugang zum Thema bieten.

Heiner Ullrich ist Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Reformpädagogik, für die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat er ein Projekt zu Lehrer- Schüler-Beziehungen an Waldorfschulen durchgeführt. Ullrich will „auf dem neuesten Forschungsstand und mit größtmöglicher Fairness“ in sein Thema einführen, ein Anspruch, dem sein Buch gerecht wird, wenn auch um den Preis eines ziemlich trockenen Stils. Der Überblick über den Lebensgang Steiners, die Grundlagen seiner Lehre, die Rezeptionsgeschichte und den „größten Erfolg“, die Waldorfpädagogik – das sind die vier Hauptthemen in Ullrichs Buch – ist stets um Neutralität bemüht, ist dafür aber recht nüchtern und streckenweise auch uninspiriert.

Heiner Ullrich bezeichnet die Waldorfschulen als „pädagogische Gegenwelten im primär bildungsbürgerlich-alternativen Sozialmilieu, die durch bewusst und reflexiv entmodernisierende Züge gekennzeichnet sind“. Eine Gegenwelt zu dieser arg gestanzten Wissenschaftssprache bietet Miriam Gebhardt. Bei ihr kann man Sätze lesen wie diese: „Die Ernte der Anthroposophie, von der Ernährung über die Heilkunde bis hin zu Architektur und Pädagogik, also alles, was ohne großes Knirschen ins Getriebe des modernen Lebensalltags passt, war ausgesprochen ertragreich. Dass der Prophet im Gehrock nicht nur spirituell wirkte, sondern auch ausgesprochen konsumierbar war, bemerkten schon die Zeitgenossen.“ Gebhardt lehrt Neuere Geschichte an der Universität Konstanz. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört Kindheitsgeschichte, zuletzt hat sie eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert vorgelegt.

Gebhardts Darstellung ist erkennbar geprägt von modernen kulturgeschichtlichen Ansätzen. Ihr Ausgangspunkt ist Steiners Kindheit in Österreich als Sohn eines Stationsvorstehers: „Steiner betonte, wie prägend für ihn das Aufwachsen an Schnittstellen war. Die Bahnstrecke, an der entlang sich seine Kindheit abspielte, symbolisierte für ihn das Spannungsverhältnis von Technik und Natur, von Eisenbahn und Landschaft, in die sie eingebettet war.“ Diese Metapher bestimmt den Aufbau des ganzen Buches. Die Kapitel heißen Im Wartesaal, Signale, Im Stellwerk, Mit Volldampf, Knotenpunkte, Übergang. Gebhardt legt anders als Ullrich eine wirkliche Biografie vor und liefert dabei noch eine Menge Kulturgeschichte mit. Steiners verschiedene Lebensstufen werden jeweils im zeitgenössischen Kontext situiert, Themen wie Okkultismus, Anthroposophie oder Pädagogik in der Chronologie verortet. Es entsteht so eine dichte, bildreiche und unterhaltsame Lebensbeschreibung, die auch deutlich werden lässt, wie stark Steiner von seiner Zeit beeinflusst war.

Ullrich bietet dagegen nur einen knappen Lebensabriss, dafür aber auch einen Überblick über die Lehre Steiners und die verschiedenen Wirkungsfelder der anthroposophischen Bewegung, der an Systematik und Darstellungstiefe Gebhardt deutlich überlegen ist. Beide Autoren sind keine Anthroposophen. Aber Ullrich, der eine beachtliche Menge der 400 Bände mit Rudolf Steiners gesammelten Schriften gelesen hat, gibt sich redliche Mühe, das komplizierte und merkwürdige Gedankengebäude von Steiners Esoterik in Umrissen zu beschreiben, während Gebhardt sehr viel stärker bei der Phänomenologie stehen bleibt und auch vor Ironie nicht zurückscheut, wenn sie auf Steiners Lehren zu sprechen kommt.

Beide Autoren beschreiben die beachtliche Wirkungsgeschichte von Steiners Ideen zur Lebensführung, von der Alternativmedizin über die Waldorfpädagogik bis hin zur biodynamischen Landwirtschaft. Hier werden offensichtlich Defizite angesprochen, die im Lauf der Entfaltung der modernen Industriegesellschaft entstanden sind. So erklärt sich auch die starke Affinität zwischen dem Milieu der Grünen und den Filiationen der Anthroposophie. Insbesondere die Waldorfpädagogik hat hier Erstaunliches erreicht. Sie ist heute in Deutschland neben den kirchlichen Einrichtungen führend im nichtstaatlichen Schulwesen.

Von allen pädagogischen Reformansätzen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge der Lebensreform entstanden sind, ist die anthroposophische Schulbewegung, die heute auf der ganzen Welt vertreten ist, mit Abstand die erfolgreichste. Die Tatsache, dass die größte Berufsgruppe unter den Eltern von Waldorfschülern Lehrerinnen und Lehrer an staatlichen Schulen stellen, ist bezeichnend genug. Ullrich schließt seine Darstellung ab mit einem Kapitel über Wirklichkeit und Wirkungen der Waldorfpädagogik, für das er auch die vorliegenden in- und ausländischen Studien über Absolventen der Waldorfschulen auswertet.

Resümierend schreibt Ullrich: „Der intensiver gewordene wissenschaftliche Diskurs über das Werk und die Wirkungen Rudolf Steiners hat sowohl das Befremdliche seiner Lehre deutlicher hervortreten lassen als auch die Fruchtbarkeit seiner vielfältigen praktischen Anregungen, die sich als ungleich stärker erwiesen haben.“ Gebhardt differenziert ihre Bilanz ähnlich, intoniert sie aber insgesamt distanzierter und kritischer als Ullrich. Wer sich einmal ernsthaft mit Rudolf Steiner beschäftigen will und eine unvoreingenommene Einführung in Leben, Werk und Wirkung sucht, sollte diese beiden Bücher zur Hand nehmen. Beide sind informativ, geben einen guten Überblick und ergänzen sich gut.

Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA, München 2011. 365 Seiten, 22,99 Euro.

Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. Leben und Lehre. C.H. Beck, München 2011. 266 Seiten, 19,95 Euro.

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