• Regisseurin Marie-Castille Mention Schaar: "Der IS konzentriert seine Propaganda auf die Jugend"

Regisseurin Marie-Castille Mention Schaar : "Der IS konzentriert seine Propaganda auf die Jugend"

Die Regisseurin von „Der Himmel wird warten“ im Gespräch über den IS, seine Anziehungskraft gegenüber jungen Menschen und wie sie sich dem Thema filmisch angenähert hat.

Carolin Haentjes
Die französische Regisseurin Marie-Castille Mention Schaar.
Die französische Regisseurin Marie-Castille Mention Schaar.Foto: Neue Visionen

Frau Mention Schaar, warum ziehen Mädchen aus dem Westen in den Dschihad?

Es sind Gott sei Dank immer weniger, die nach Syrien ausreisen, weil es schwieriger geworden ist, in das Kriegsgebiet zu gelangen. Der IS versucht mittlerweile Anhänger davon zu überzeugen, in Europa zu kämpfen. Das Problem hat sich ein bisschen verlagert. Es ist nicht die Ideologie, die anziehend wirkt. Es ist die Art, wie der IS die Jugendlichen anspricht: mit Verständnis für ihren Frust, für ihre Ängste und mit Antworten auf Fragen nach der Ungerechtigkeit in der Welt. Sie reden über die Probleme hier. Es ist wie in einer Sekte: Stück für Stück entreißen sie die Jugendlichen ihrer Umgebung, trennen sie von Familie, Freunden, . Hobbys. Dann kommt die Ideologie.

Ist die Jugend heute ansprechbarer für derartige Verführungen?

Es ist einfach ein besonders fragiles Alter. Das ist der Grund, warum der IS seine Propaganda auf die Jugend konzentriert. Charakter und Überzeugungen bilden sich erst, eine Revolution im Innern findet statt. Aber natürlich spielen auch soziale Netzwerke bei dieser Altersgruppe eine wichtige Rolle.

Was hat Sie an dem Thema interessiert?

Ich wollte Menschen ansprechen, die glauben, dieses Phänomen beträfe sie lediglich in seinen Konsequenzen. Aber es geht um Familien, die genauso aussehen wie meine eigene.

Sie zeigen nicht nur die Perspektive der Mädchen, sondern auch die Eltern, die hilflos mitansehen, wie ihre Kinder sich entfremden. An wen richtet sich Ihr Film?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es für mich als Teenager war, und ich denke, anderen geht es ähnlich. Umgekehrt sagten mir viele junge Leute, sie hätten durch den Film verstanden, was ihre Eltern beim ganz normalen Teenage-Trouble aushalten müssen. Und es ist fantastisch, wenn beide Seiten den Schmerz und die Einsamkeit erkennen.

Wie haben Sie sich dem heiklen Thema der islamistischen Radikalisierung genähert?

Egal um welches Thema es geht: Ich bin davon überzeugt, dass ich, wenn ich aufrichtig bin, nichts zu befürchten habe. Aber ich muss ehrlich sein mit dem, was ich sehe und fühle. Und darüber, wie ich das als Filmemacherin projiziere.

Sie beschreiben auch die Leerstellen in westlichen Gesellschaften, die Dschihadisten für ihre Propaganda nutzen.

Das Spirituelle ist heute nebensächlich geworden. Es geht viel mehr darum, was wir haben, als darum, wer wir sind. Damit müssen wir uns befassen, auch jenseits von islamistischer Radikalisierung. Der Wert des Menschen wird nicht in gebührendem Maß respektiert. Wir müssen über das Essenzielle reden. Wir haben schon viel Zeit verloren.

Das Gespräch führte Carolin Haentjes.

Mention-Schaar, geb. 1963, ist französische Regisseurin und Produzentin. Wichtige Filme: „Willkommen in der Bretagne“ (2012), „Die Schüler der Madame Anne“ (2014)

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