Reichtum statt Revolution : Impressionen vom Abu Dhabi Festival

Am Rand der Wüste, am Rand des Sturms: Während sich in der übrigen arabischen Welt eine demokratische Avantgarde erhebt, gibt man sich im reichen Saudi-Arabien westlichen Kulturgütern hin.

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Die alte Karte der arabischen Welt ist von der Wand gefallen. Täglich bedarf es eines Updates. Ägypten und Tunesien bildeten die Avantgarde der demokratischen Erhebung. Schnelle Siege über fällige Machthaber, so viel ist seither geschehen,in so kurzer Zeit. Frühere Kriege und Revolutionen schienen sich in CNN-Echtzeit abzuspielen. Die Taktzahl der von Facebook angetriebenen Bewegungen liegt höher.

In Libyen wird erbittert gekämpft. In Syrien und Jemen verschärft sich die Lage. Auch in Jordanien formiert sich Protest gegen die Regierung; auch im Sudan, in Algerien, Marokko, Oman und Saudi-Arabien gab es Demonstrationen. In Kuwait protestierten staatenlose Arbeiter gegen ihre Lebensbedingungen. Der König von Bahrain, der kleinen Insel im Persischen Golf, hat den dort auch religiös gefärbten Aufruhr mit Hilfe saudischer Panzer niedergeschlagen. Der Arabische Frühling gleicht vielerorts einem harten, blutigen Winter.

Ein einziger Fleck auf dieser riesigen Karte, die vom Atlantik bis zum Indischen Ozean reicht, vom Mittelmeer bis fast an den Äquator, ist weiß geblieben: keine Spur von Protest in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Hier lässt sich das dramatische Geschehen als starkes Hintergrundrauschen vernehmen. Die Emirate schicken Kampfjets gegen Libyens Tyrann, aber auch 500 Polizisten gegen die Demonstrationen in Bahrain. Laut einer in der Zeitschrift „Arabian Business“ veröffentlichten Umfrage fordern 75 Prozent der in zehn Staaten des Nahen und Mittleren Ostens befragten Menschen zwischen 18 und 24 Jahren: „Gaddafi muss weg!“

Die jungen arabischen Gesellschaften, eingesperrt in uralte Strukturen, kämpfen für Freiheit und Zukunft – Werte, die man mit der arabischen Welt lange eher nicht verband. In den Emiraten zeigt sich, dass man Zukunft auch kaufen kann. Der sagenhafte Reichtum ist unter den Emiratis breit verteilt, viel Geld geht in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung. Der Wohlstand ruht auf zwei Säulen: dem Öl und der billigen Arbeit, die Millionen Menschen aus Südostasien hier unter teils sklavenartigen Bedingungen leisten. Nachhaltige Entwicklung geht einher mit Ausbeutung. Aber die Inder, Pakistani, Filipinos haben in ihren Heimatländern überhaupt keine Perspektive.

Die Emirate, ihre Hauptstadt Abu Dhabi zumal, leisten sich nicht nur futuristischen und ökologischen Städtebau, sondern auch Kultur von internationaler Klasse. Am Golf ist jetzt Festspielzeit. Kunstmesse in Dubai, Biennale im Nachbar-Emirat Sharja, Buchmesse und Filmfestival in Abu Dhabi, noch bis nächsten Montag. Auf den ersten Blick ist hier alles auf Repräsentation und Klassik mit Gütesiegel ausgerichtet. Eine Ballettgala des Bolschoi- und Marinski-Theaters aus Russland, ein Konzert mit „Mozart Masterpieces“, aber auch eine „Macbeth“ in zeitgenössischen Gewand vom Londoner Globe Theatre und „Push“, ein Solo-Duo-Abend mit Silvie Guillem und Russell Maliphant.

Eröffnet wurde das Abu Dhabi Festival mit einem Konzert des World Orchestra for Peace unter Valery Gergiev, dem sinfonischen Jetsetter aus St. Petersburg. Der Rahmen wirkt märchenhaft – und erdrückend: Hauptspielort ist das Emirates Palace Hotel, die drei Milliarden Dollar schwere Festung aus Gold und Marmor, einer der teuersten Schlafplätze der Welt. Das Auditorium fasst gut tausend Zuschauer. Ein Staatstheater mit Beinfreiheit und dem Staatswappen über dem Bühnenportal. Die Anfahrt des Publikums: ein Autosalon der Acht- und Zwölfzylinder. Im Saal haben die Expatriates der westlichen Industrienationen die Mehrheit.

Ist das hier Las Vegas, ist es Singapur? Lässt sich solcher Luxus verantworten, wenn nicht weit entfernt Menschen auf den Straßen sterben, die um ihre Zukunft kämpfen? Eine Journalistin aus dem Libanon erinnert an den Krieg in Bosnien, an die unvorstellbaren Gräuel, während das Leben in Europa einfach weiterging. Kunst kann aber auch politisch wirken, wenn sie nicht explizit politisch auftritt.

Auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass das Festival im achten Jahr auf Austtausch setzt. Im Garten des Hotels steht ein von der Architektin Zaha Hadid konstruierter Pavillon. Junge Musiker aus den USA, Europa und arabischen Ländern spielen hier Kammermusik. Die Atmosphäre ist frischer als auf dem Hotelhügel.

In den turbokapitalistischen Emiraten verlangt das Einpflanzen einer kulturellen Infrastruktur unendlich viel Geduld. Mit Geld allein ist es eben nicht zu machen. Michael Schindhelm, der deutsche Kulturmanager, hat das in Dubai erlebt. Dennoch hat er sich die Überzeugung bewahrt, dass Dubai und die Golfregion „eine politische und soziale Alternative zu ihren oft in Unfrieden, sozialer Ungerechtigkeit und religiösem Fanatismus verhafteten Nachbarn“ aufbauen könnten. In seinem Buch „Dubai Speed“ sagt er auch: „Die Leute in Abu Dhabi haben es besser. Verfügen über mehr Geld und möglicherweise auch klarere Vorstellungen, was man in Sachen Kultur damit Geld anfangen sollte.“

Diese Einsicht bestätigt sich im Gespräch mit Hoda Ibrahim Al Khamis Kanoo, der Gründerin der Abu Dhabi Music & Arts Foundation und des Abu Dhabi Festivals. Mrs. Kanoo, wie sie hier alle nennen, wurde in Beirut geboren, der Vater ein saudischer Geschäftsmann, die Mutter eine Syrerin, sie studierte in Paris, kennt sich aus in der europäischen Festivalszene. Sie glaubt an „Kulturdiplomatie“ und an ihre Aufgabe, in einer kosmopolitischen Stadt wie Abu Dhabi die emiratische Identität zu erhalten. Bildung, Toleranz, Respekt, dafür kämpft sie. In Berlin, in Salzburg sind die Festivals verwurzelt in der Gesellschaft, in Abu Dhabi müsse man erst einmal Fundamente legen. Was dem Besucher leicht entgeht, ist die kulturelle Arbeit übers Jahr, in den Schulen und Universitäten, die Zusammenarbeit mit Institutionen in den sechs anderen Emiraten. Zur arabischen Revolution sagt die Kulturchefin von Abu Dhabi, dies sei in der Geschichte ja nicht das erste Mal, dass die Völker sich erhöben. Und man kann ergänzen: Die Erhebung, die wir jetzt erleben, ist ganz nach unserem Geschmack.

Nicht leicht zu verstehen, wie so vieles im Wunderland der Arabischen Emirate: Wie langwierig es ist, ein Publikum aufzubauen, eine kulturelle Landschaft. Und wie einfach dagegen, atemberaubende Museen aus dem Boden zu stampfen. Abu Dhabi baut auf Saadiyat Island die Welt-Museumsinsel für das 21. Jahrhundert. 2014 soll das nach Scheich Zayed, dem Staatengründer, benannte Nationalmuseum eröffnen. Norman Fosters Entwurf sieht fünf bis zu 125 Meter hohe Türme vor, die an Falkenfedern erinnern. In der Nähe entstehen Jean Nouvels Abu Dhabi Louvre und Frank Gehrys Abu Dhabi Guggenheim – neben dem Maritimen Museum von Tadao Ando und Zaha Hadids Arts and Performance Center, das sich wie ein Reptil ins Wasser schiebt.

Wenn es stimmt, dass in Berlin die berühmtesten Architekten der Welt ihr je schlechtestes Gebäude aufgeführt haben, dann zeigen sie sich am Golf von ihrer besten Seite. Allein der Bau, der Showcase, in dem die architektonischen Modelle zu besichtigen sind, besitzt mit seinen 15 000 Quadratmetern Museumsqualität. Demnächst ist hier „Art from Mesopotamia“ aus dem British Museum zu sehen.

In Abu Dhabi ist leicht schwärmen. Aber man ist dankbar, wenn eine andere Realität sich meldet. 130 internationale Künstler haben einen vom Libanesen Walid Raad initiierten Aufruf zum Streik gegen das Abu Dhabi Guggenheim unterzeichnet. „Wer baute das siebentorige Theben?“ Wie Brechts Gedicht stellen sie „Die Fragen eines lesenden Arbeiters“. Sie protestieren gegen die Ausbeutung der Arbeiter auf der Baustelle und weigern sich, ihre Werke an die Guggenheim-Sammlung zu verkaufen, die sich hier im Aufbau befindet. Viele der Künstler, wie Shirin Neshat und Mona Hatoum, stammen aus islamisch geprägten Ländern. Auch Lukas Cranach d. Ä. (1475 -1553) hat schlechte Erfahrungen mit Abu Dhabi gemacht. Eine Anzeige des Louvre in „Le Monde“ mit Cranachs „Drei Grazien“ geriet in die Fänge der Zensur. Die nackten Brüste der antiken Schönheiten wurden geschwärzt.

Alle wollen nach Abu Dhabi. Vor einigen Tagen erklärte Hollywood-Regisseur James Cameron („Avatar“) am Golf, das Kino der Zukunft sei 3D. Es stimmt: Gebäude, Menschen, Gedanken, alles flirrt hier am Rand der Wüste, als trage man eine Brille. Sie verändert das Gefühl für Zeit und Raum. Wie in einer Blase.

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