Reiner Kunze wird 80. : Der Einzelne und das Kartell

Dem widerständigen Dichter Reiner Kunze zum 80. Geburtstag.

Arnold Vaatz
Reiner Kunze Foto: Armin Weigel/dpa
Reiner Kunze Foto: Armin Weigel/dpaFoto: dpa

Hoffnung in Hoffnungslosigkeit, Freiheit in Unfreiheit und Kraft in Ohnmacht – diese Paradoxien fallen mir ein beim Nachdenken über Reiner Kunze. Und zugleich Fassungslosigkeit darüber, dass die Wucht, mit der sich all dies östlich des Eisernen Vorhangs der Menschen bemächtigte, ihnen Stempel der Erniedrigung, der allgegenwärtigen Lüge und der Resignation in die Seele drückte, weder dem Außenstehenden noch den von diesen Erfahrungen verschont gebliebenen Generationen zu vermitteln war. Reiner Kunze ließ sie auferstehen, diese damals in Ostdeutschland scheinbar zerstörte Kraft zur Freiheit. Im Jahr 1973 ließen wir damals 17-Jährigen sein bei Reclam Leipzig erschienenes Gedichtheftchen „Brief mit blauem Siegel“ von Hand zu Hand gehen. Was wir darin lasen, war unser Leben und veränderte es zugleich. Es atmete eine Kraft, eine Klarheit, eine Freiheit und sprachliche Schönheit, die uns augenblicklich in den Bann zog und nie wieder losließ:

Wenn die post

hinters fenster fährt blühn

die eisblumen gelb

Der typische Schriftsteller der DDR war ein mit auskömmlichen Privilegien ausgestatteter Apologet des Status quo. „Der Neger Nobi“ von Ludwig Renn, „Die Aula“ von Hermann Kant oder „Die Abenteuer des Werner Holt“ von Dieter Noll. Diese Staatskünstler waren Kretins der SED. Die keine Kretins mehr sein, aber als Schriftsteller überleben wollten, suchten sich dem auf verschiedene Art zu entwinden. Sie forderten dazu auf, „zwischen den Zeilen“ zu lesen, nutzten wie Stefan Heym Vorrechte aus ihrer Biografie oder versenkten sich ins Historienmilieu. Franz Fühmann lieferte großartige Nachdichtungen. Andere verschoben das Politische auf später, wie Günter de Bruyn mit „Buridans Esel“.

An Dichtern, die schon an der Schwelle zu den siebziger Jahren das Korsett der DDR-Sprachpolizei in den Müll warfen, kenne ich ganze zwei. Der eine frech, krachend und maulfertig – Wolf Biermann. Der andere leise, mit großer Beobachtungsgabe, sensibel und nicht weniger bestimmt – Reiner Kunze.

In Neudietendorf, dem Haus der Herrnhuter Brüderunität, erschien er am Karfreitag 1974 und las in einem überfüllten Raum aus seinem „Brief mit blauem Siegel“ – und ein paar Geschichten, als deren Urbild man Marcela erkennen konnte, seine Tochter, die mit mir in eine Schule ging. Dann fügte er hinzu: Er wolle über das Leben von jungen Leuten schreiben, hier in der DDR. Wer ihm Begebenheiten schildern könne, die sich zugetragen hätten, der solle sich melden. Jeder Brief werde beantwortet, aber kein Wort des Mitgeteilten so niedergeschrieben, dass es zurückverfolgbar sei.

Kunzes "Wunderbaren Jahre" bildete die Seele einer ganzen DDR-Generation ab

Von Stund an hatte ich eine Aufgabe. Ich weiß nicht, wie viele meiner Freunde, die ich dazu ermutigte, ihm wirklich ihre Geschichte schrieben. Als er jedoch im Sommer 1975 eine graue Mappe von seinem Schreibtisch nahm und mir zwei Geschichten vorlas, wurde mir die Quelle derselben schnell bewusst, und ich jubilierte innerlich – nicht ahnend, dass sich inzwischen ein zweiter Gast in seiner Wohnung eingefunden hatte. Es war der Greizer Kulturfunktionär Manfred Böhme, der später den Vornamen „Ibrahim“ annahm und 1989 die Ost-SPD gründete, als deren Spitzenkandidat er in die erste frei gewählte Volkskammer der DDR gewählt wurde. Über Jahrzehnte war er einer der aggressivsten und geschicktesten inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi.

Im Sommer 1976 erhielt ich einen Brief von Kunze. Er enthielt eine Karte, auf der geschrieben stand: „Das Buch heißt: DIE WUNDERBAREN JAHRE – S. Fischer“. Er hatte einen der wunderbarsten Sätze der Weltliteratur zitiert – aus der „Grasharfe“ von Truman Capote.

Ich war elf, und später wurde ich

sechzehn. Verdienste erwarb ich

mir keine, aber das waren die

wunderbaren Jahre

Das Buch bildete die Seele einer ganzen, zwischen 1950 und 1960 geborenen Generation in der DDR ab. Nie hat mich ein Buch stärker beeindruckt, keines habe ich öfter von vorn bis hinten gelesen. Wer es besaß, schrieb es mit einer ErikaSchreibmaschine für Freunde mit Durchschlägen ab. Junge Gemeinden forderten ihre Pfarrer auf, den bekennenden Atheisten Kunze zu Lesungen einzuladen. Manche Pfarrer wanden sich wie die Aale, andere riskierten Versetzung oder Einbestellungen durch die Stasi und ließen die Lesungen zu. Kunze las im Dom zu Merseburg, in Studentengemeinden und zuletzt am 30. November 1976 in der Dreikönigskirche zu Dresden. Jedes dieser Treffen wurde von Spitzeln überwacht. Der Zugang wurde erschwert, die Autokennzeichen der Besucher registriert. Doch die DDR-Führung hatte eine Lunte gelegt an die Mauer des Schweigens: Im Oktober hatten sie Wolf Biermann ausgebürgert, für viele der Anlass, sich ein Herz zu fassen und offen zu protestieren.

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