Kultur : "Rembrandt": Der Ruhm, der Ruin

Christian Schröder

Wo Kunst ist, ist auch Krise. Nicht nur, dass ein Genie ewig mit Selbstzweifeln zu hadern hat. Auch das Schicksal zeigt seine Launen und beschert immer neue Tragödien. Nacht muss dann sein, durch Butzenscheiben ist nur schemenhaft die Gestalt des Genies zu erkennen, das in flackerndem Kerzenlicht erregt in seinem Atelier auf- und abläuft. Das Genie ruft: "Das Leben hat meinen Pinsel zerbrochen." Drei Kinder sind ihm weggestorben, jetzt hat die Pest auch noch die Ehefrau geholt! Tränen treten dem Genie in die Augen, als es nun das von ihm gemalte Porträt seiner Mutter an der Wand küsst. Dann greift es zu Hut und Umhang und stürzt hinaus auf die Straße, hinein in die pralle Wirklichkeit, zu den Bettlern, Matrosen und Wirtshaushockern. Denn: "Die edelste Aufgabe der Kunst besteht nicht darin, aus der Welt zu fliehen, sondern im Gegenteil, sie besser zu verstehen."

Ein hübsches Genrebild, von Klaus Maria Brandauer mit groben Strichen auf die Kinoleinwand gepinselt. Brandauer spielt den "Rembrandt" in Charles Mattons Film, der noch einmal die Legende vom begnadeten, aber verkannten Maler auftischt. "Ich reiße seit sechzig Jahren die Augen auf, um besser zu sehen. Doch je älter ich werde, desto unsicherer bin ich, ob mir das gelingt." So spricht am Anfang - wir schreiben 1669, sein Todesjahr - der greise Held, dann folgt die Rückblende. In blassen Farben, als läge eine Firnis auf den Bildern, spult sich das Künstlerleben ab: vom Ruhm zum Ruin.

Wie Rembrandt, den Rucksack mit seinen Pinseln geschultert, in Amsterdam eintrifft und sich über die eifernden Prediger in den Gassen wundert. Wie er Freundschaft mit dem Politiker Jan Six (Jean-Philippe Ecoffey) schließt und zum Modeporträtisten aufsteigt. Wie er Saskia Uylenburgh (Johanna ter Steege) heiratet, ein prachtvolles Haus bezieht, das Geld mit beiden Händen ausgibt. Wie er Frau und Kinder sterben sieht, mit seiner "Nachtwache" auf Ablehung stößt, verarmt. Wie er mit den Haushälterinnen Geertje Diercx (Romane Bohringer) und Hendrickje Stoffels (Caroline Van Houten) in wilder Ehe lebt, auch noch Sohn Titus verliert, zum Außenseiter wird. Und wie er trotzdem immer weiter malt, radikale Bilder, von denen die Bürger sagen: "Zu viel Dunkel, zu viel Schatten."

Rembrandt gilt als Meister der so genannten Helldunkelmalerei, Charles Matton ist eher ein Fachmann für Schwarz-Weiß-Klischees. Sein Film zeigt Rembrandt als Rebell mit Pinsel. Scheitern muss er, weil er seiner Zeit zu weit voraus ist. Doch spätestens seit Svetlana Alpers Studie über "Rembrandt als Unternehmer" (1988 erschienen) ist bekannt, dass der Maler weniger Opfer des Amsterdamer Bürgertums als seiner eigenen Ambitionen wurde. Er war - zumindest zeitweilig - Chef einer florierenden Malereifabrik und signierte auch schon mal die Werke seiner Schüler, um sie verkaufen zu können. Mangelnden Geschichtssinn bräuchte man der französisch-deutsch-holländischen Koproduktion nicht vorzuwerfen, wenn ihr eine gute eigene Fabel eingefallen wäre. Doch der behäbig inszenierte Film begnügt sich damit, möglichst viele Rembrandt-Gemälde - von der "Anatomie des Doktor Tulp" bis zur "Rückkehr des verlorenen Sohnes" - in lebenden Bildern nachzustellen. Einzige positive Überraschung: Klaus Maria Brandauer. Der ansonsten zum Overacting neigende Großschauspieler spielt Rembrandt mit stiller Lakonie: als ultimativen Rembrandauer, wie er in schlichtem Lichte steht.

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