Kultur : Respekt muss sein

Vom Ich zum Wir: Der Philosoph Axel Honneth untersucht „Das Recht der Freiheit“

Angelika Brauer

Vor zwei Jahren gratulierte Jürgen Habermas seinem ehemaligen Assistenten Axel Honneth zum 60. Geburtstag. Er verband den Glückwunsch mit dem Erfolgswunsch für ein Projekt, das er als „historischen Schritt“ beschrieb: Honneth gehe von Marx zurück zu Hegel, um das Programm „von Hegel zu Marx“ neu einzustellen – mit Blick auf eine „formale Ethik“ für die Gesellschaft der Gegenwart. Jetzt liegt das Werk vor. Und mit entwaffnender Offenheit gibt Honneth im Vorwort zu, dass er während der Arbeit ein Gefühl des Mangels nicht loswerden konnte. Es habe vermutlich mit seinem Anliegen zu tun, eine Theorie der Gerechtigkeit auf dieselbe Art zu entwickeln, wie Hegel 1821 mit seiner „Rechtsphilosophie“: durch eine konkrete Analyse gesellschaftlicher Institutionen. Dabei geht Honneth im Grunde nur einen weiteren Schritt auf seinem eigenen Weg. Das verlangt schon die Tradition der Frankfurter Schule (Honneth leitet das Institut für Sozialforschung), deren Prinzip eines Philosophierens mit Bezug zur Gesellschaft er zu seinem eigenen macht. Und zwar durch die Kategorie wechselseitiger Anerkennung: Das Ziel der „Selbstverwirklichung“ kann niemand alleine erreichen, wir alle sind in den „Kampf um Anerkennung“ verstrickt. Weil also der Mensch als Person mit Würde nur dank der Wertschätzung seiner Mitmenschen existiert, werden verletzte oder zerstörte Anerkennungsverhältnisse für Honneth zum Indiz, um systematische Fehlentwicklungen der modernen Gesellschaft zu diagnostizieren.

Dieser Grundgedanke trägt ihn auch hier, verbunden allerdings mit einer Hürde. Honneth ist auf einen Wertmaßstab angewiesen. Er entscheidet sich zu Recht für den einzigen, der heute mit Sicherheit allgemein gilt: die Freiheit. Aber – und das ist die Hürde – die Freiheit, die wir mit individueller Selbstbestimmung meinen, ist nicht die Freiheit, um die es ihm geht: „,Frei’ ist das Subjekt letztlich allein dann, wenn es im Rahmen institutioneller Praktiken auf ein Gegenüber trifft, mit dem es ein Verhältnis wechselseitiger Anerkennung deswegen verbindet, weil es in dessen Zielen eine Bedingung der Verwirklichung seiner eigenen Ziele erblicken kann.“

Die wahre Freiheit, soll das heißen, ist die soziale. Ein radikales Umdenken ist folglich gefragt: Weil jeder jeden dabei unterstützt, seine eigenen Möglichkeiten zu realisieren, wird der andere nicht mehr die Grenze, sondern die Voraussetzung der eigenen Freiheit sein.

Honneth hat dieses Ideal vor Augen, wenn er seinen Marsch durch die Institutionen beginnt. Kapitelweise widmet er sich den Sphären des persönlichen Lebens, des wirtschaftlichen Handelns und der politischen Praxis, um zu prüfen, ob sie für die soziale Freiheit förderlich sind. Der Leser braucht Geduld. Aber die beweist der Autor ja auch, indem er das Verfahren einer „normativen Rekonstruktion“ wählt, das offenbar verlangt, die Gegenwart nicht ohne die Vergangenheit zu erkunden. Hinzu kommen schöne Belege aus Literatur und Kunst, was die Lektüre so lange erleichtert, wie es um die Sphäre der persönlichen Beziehungen geht. Überhaupt gehören die Passagen über Freundschaft, Liebe, Intimität und Familie zu den besten. Die vielfach stattfindenden Umbrüche sind aus seiner Sicht für das Ideal der sozialen Freiheit durchaus mit Hoffnung verbunden.

Entsprechend gespannt liest man seine Ausführungen zur kapitalistischen Marktwirtschaft. Wie will er sein Ideal angesichts der ökonomischen Verwerfungen retten? Er macht einen Vorschlag, mit dem er tatsächlich hinter Marx zurückgeht, um über dessen Kapitalismuskritik hinauszukommen: Er fordert dazu auf, sich am „moralischen Ökonomismus“ von Hegel und Durkheim zu orientieren. Trotz aller Unterschiede, argumentiert er, seien diese Denker gleichermaßen davon überzeugt, dass der Markt grundsätzlich nur dann funktionieren kann, wenn die beteiligten Akteure sich „vorweg als Mitglieder einer kooperativen Gemeinschaft anerkannt haben“. Erst unter diesem Vorzeichen räumen sie sich das Recht ein, die individuelle Nutzenmaximierung zu starten.

Kooperation vor Konkurrenz. Das wäre die Formel, wenn das Solidaritätsgefühl der Marktteilnehmer den Kapitalismus bestimmt – um ihn zu regulieren und zu verhindern, dass er nicht mehr zum Menschen passt. Man ist skeptisch. Aber Honneth lässt den Verdacht der „Idealisierung“ nicht gelten. Die moderne Marktordnung sei selbst als globalisierter Kapitalismus kein anonymes, „normfreies System“. Unbehagen und Unrechtsempfinden der Beteiligten sind für ihn der Beweis. Und der Anknüpfungspunkt, um auch in der Sphäre des Marktes die soziale Freiheit zu realisieren.

Seine Rekonstruktion betrifft außerdem die Bereiche des Konsums, der Arbeit und der politischen Willensbildung. Aber Anknüpfungspunkte lassen sich dabei immer seltener finden. Schließlich gesteht Honneth seine Verlegenheit: Der Motor sozialer Kämpfe sei nur in der Vergangenheit angesprungen, in der Gegenwart sei mit Protest kaum noch zu rechnen. Jetzt darf der Leser protestieren. Man ist der Argumentation nicht deshalb gefolgt, um in den Sog der Resignation zu geraten. Ganz so aussichtslos ist die Lage nicht. Dass es immer wieder Phasen der Apathie gab, und zwar im Wechsel mit dem Aufbruch zu moralischem Protest, sozialen Kämpfen und politischen Reformen – das hat man dank der historischen Rückblicke gerade erkannt. Vor allem aber erinnert Honneth daran: Freiheit ist nichts, solange wir sie nicht gebrauchen. Wie wäre es, wenn dieser Gebrauch nicht mehr auf Kosten des anderen ginge?

Und die versprochene Theorie der Gerechtigkeit? Honneth hat sie nur scheinbar vergessen. Vielleicht, weil die Antwort ausnahmsweise einfach ist: Vorausgesetzt, dass wir tatsächlich fair und solidarisch kooperieren – nur mal angenommen, die Verwirklichung der sozialen Freiheit wäre möglich – dann wird damit zugleich auch die Gerechtigkeit wahr.

Axel Honneth: Das Recht der Freiheit.

Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit. Suhrkamp Verlag,

Berlin 2011.

640 Seiten, 24,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar