Kultur : „Ring“ light

Katharina Wagner inszeniert in Buenos Aires

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Die wichtigste Nachricht, die auf den ersten Blick nichts mit der gestrigen Pressekonferenz des Teatro Colon im Berliner Konzerthaus zu tun hat, vorab: Ja, der Bayreuther Jubiläums-„Ring“ 2013 wird stattfinden (nach der schmählich kurzfristigen Absage von Wim Wenders für die Regie). Nein, Katharina Wagner wird es nicht selber machen. Und ja, man verhandle derzeit mit einem möglichen Regisseur, nicht mit zweien, dreien oder vieren. So die Bayreuther Festspielchefin, die auch jenseits des Grünen Hügels als Künstlerin wahrgenommen werden möchte und deshalb nun 2012 am Teatro Colon in Buenos Aires eine Schrumpfvariante des „Rings“ mit aus der Taufe hebt.

Urheber der Fassung ist der deutsche Pianist und Schallplattenproduzent Cord Garben, dem die modulare (und gut kürzbare) Bauweise des „Rings“ erstmals aufging, als er Ende der Siebziger Jahre im Studio mit dem Schnitt des James Levine-„Rings“ beschäftigt war. Warum heute noch Wagners unhimmlischen Längen huldigen, fragte sich Garben? Warum nicht ans 19. Jahrhundert denken, in dem Bearbeitungen aufführungspraktisch an der Tagesordnung waren? Und wozu drei Schmiedelieder im „Siegfried“, wenn es auch eines tut, wozu Erda im „Rheingold“ oder die Nornen in der „Götterdämmerung“, wenn die Handlung sie faktisch nicht braucht?

Die musikalische Nachwelt weiß, dass Richard Wagner selbst gerne noch einmal Hand an den „Ring“ gelegt hätte. Allerdings kaum so rabiat wie jetzt Cord Garben: Aus 16 Stunden Gesamtaufführungsdauer destilliert er schlanke sieben, zwei Teile soll es geben („Die Walküre“, „Siegfrieds Tod“), gespielt wird an einem Abend, und das auf 70 Minuten heruntergedimmte „Rheingold“ wandert komplett in die zweite Szene des zweiten Aktes der „Walküre“, in die großen Rekapitulationen zwischen Wotan und Brünnhilde.

Ein Sakrileg? Noch dazu an einem Haus wie dem Colon, das nicht nur über eine respektable Wagner-Tradition verfügt, sondern viel Wert darauf legt, dass auch nach seiner 2010 endlich abgeschlossenen Restaurierung alles original sei, jede Teppichfranse, jedes Marmorpartikelchen? „Praktikabel“ müsse das Unternehmen sein, betont Intendant Pedro Pablo García Caffi – und sozial. Schließlich soll die Produktion nach ihrer Premiere vor allem Länder der „dritten Welt“ (Garben) beglücken, die sich die ganze Tetralogie weder finanziell noch künstlerisch noch vom Know-how her leisten können. Instant-Ware statt des vollen Geschmacksaromas? Zeitgeist statt Werktreue? Für den Unglücksbegriff „dritte Welt“ muss Cord Garben sich dann doch umständlich entschuldigen.

Wenn es böse kommt, könnte der argentinische Wagner allerdings Schule machen. Und wer weiß, vielleicht gastiert er auf seinem (bislang noch rein hypothetischen) Weg von den Eskimos über Burkina Faso in den autralischen Busch 2013 auch im guten alten Bayreuther Festspielhaus? Die Wagner-Sänger der Zukunft dürften für jede Erleichterung dankbar sein. Christine Lemke-Matwey

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