• Rundgang über die Biennale in Venedig: Kunstschau: Auf den Berliner Flüchtlingsfotos prallen Welten aufeinander

Rundgang über die Biennale in Venedig : Kunstschau: Auf den Berliner Flüchtlingsfotos prallen Welten aufeinander

Tanzende Bäume, bare Münze und Flüchtlingsbilder vom Berliner Oranienplatz - Ein Rundgang durch die Länderpavillons auf der 56. Biennale di Venezia.

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"The Key in the Hand", eine Installation der in Berlin lebenden Künstlerin Chiharu Shiota im japanischen Pavillon. Foto: AFP
"The Key in the Hand", eine Installation der in Berlin lebenden Künstlerin Chiharu Shiota im japanischen Pavillon.Foto: AFP

120 Jahre wird sie alt – und doch besteht kein Grund, das Jubiläum zu zelebrieren, denn die Biennale di Venezia mag noch viele runde Geburtstage feiern. Sie bleibt und bleibt, da können auf der ganzen Welt zahllose Sprösslinge aus dem Boden schießen und wieder verschwinden. Nur eine Kleinigkeit hat man sich bei der 56. Ausgabe als Verweis auf das Jubiläum erlaubt: die Verschiebung der Eröffnung auf den Jahrestag Anfang Mai, statt wie sonst im Juni kurz vor der Art Basel, wohin der Kunst-Jetset normalerweise weiterreist. Diese Abkopplung hat der Biennale gutgetan, sie verjüngt, gestrafft. Diesmal blinken nicht mehr allzu offensichtlich die Preiszahlen hinter den ausgestellten Arbeiten, die eine Woche später in der Schweiz käuflich zu erwerben sind.

Bilder von der 56. Biennale in Venedig
Eine Skulptur des italienisch-albanischen Künstlers Helidon Xhixha bei der 56. Biennale di Venezia. "Iceberg" entstand im Auftrag des Syrischen Pavillons, direkt gegenüber von San Marco. Die Biennale wurde am Samstag eröffnet und läuft bis 22. November. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
1 von 25Foto: dpa
09.05.2015 17:16Eine Skulptur des italienisch-albanischen Künstlers Helidon Xhixha bei der 56. Biennale di Venezia. "Iceberg" entstand im Auftrag...

Es ist eine nachdenkliche Biennale. In vielen Länderpavillons geht es eher ruhig zu, auch wenn insgesamt 89 Länder um Aufmerksamkeit buhlen. In den historischen Giardini schmiegen sich die 29 Pavillons zum Teil eng aneinander. Die architektonische Repräsentanz hat hier immer noch Bedeutung, wie am prachtvollen Neubau Australiens zu sehen ist, der seine Betonschachtel gegen einen coolen Kubus aus schwarzem Granit eingetauscht hat. Zu den anderen nationalen Repräsentationen, die sich über die ganze Stadt verteilen oder im Arsenale Unterschlupf finden, kommt die Hauptausstellung von Okwui Enwezor mit 136 Künstlern. Alles anzuschauen, wenn die Kunstschau in Venedig am Samstag eröffnet wird, das schafft keiner. Trotzdem versucht jeder Besucher, so viel wie möglich zu sehen. Eben deshalb entscheidet sich mancher Kurator doch für die große Geste, um zwei Pavillons weiter nicht schon wieder in Vergessenheit geraten zu sein.

Das Problem besteht für die deutschen, französischen, britischen Präsentationen nicht. Sie bilden die Corona der Pavillons am Ende der großen Achse, die parallel zur Lagune verläuft. Herrschaftlich thronen die drei in prachtvollen Gehäusen, die den einst nationalen Machtanspruch im Kleinen verkörpern. Und jedes Mal stellt sich die Frage, wie sich die Kunst im deutschen Pavillon mit dessen faschistischer Architektur verträgt. Okay, würde vermutlich der Kurator Florian Ebner sagen, der sich nicht weiter darum scherte. Trotzdem versucht er den pompösen Bau zu brechen, indem er eine zweite Ebene einziehen ließ, welche die machtvolle Halle in der Horizontalen halbiert. Das Ergebnis: mehr Ausstellungsfläche, aber auch ein kompliziertes Auf- und Abgesteige.

Doch es lohnt sich. Hinter einer Pforte, bislang unbemerkt neben dem bombastischen Hauptportal, geht es zum neuen Geschoss. Tobias Zielony bespielt es mit einem Foto-Essay zur Flüchtlingsproblematik in Deutschland. Ein kluger, scharfer Blick, der Betroffene nicht als Opfer darstellt, sondern als selbstbewusste Aktivisten, die ihre Situation reflektieren und darüber schreiben, wie in aufgehängten Zeitungen zu lesen ist. Auch über Berlin, den Oranienplatz, die Kreuzberger Schule kurz vor der Räumung. Zielony zeigt, wie scharf Welten aufeinander prallen inmitten eines prosperierenden Landes. In Italien, erstes Ziel tausender Flüchtlinge in Europa, wird das noch deutlicher wahrgenommen. Mit den Reportagebildern gibt Deutschland den Betroffenen am schicksten Ort der Kunstwelt eine Stimme. Möge die Geste nicht wohlfeil sein.

Ballett der Bäume: "Revolutions" im französischen Pavillon. Foto: AFP
Ballett der Bäume: "Revolutions" im französischen Pavillon.Foto: AFP

Tobias Zielony ist als „richtiger“ Fotograf die Ausnahme im Künstlerquartett des deutschen Pavillons. Von Ebner, der ansonsten als Fotokurator im Essener Folkwang-Museum arbeitet, wäre eine klassische Lichtbild-Ausstellung zu erwarten gewesen. Stattdessen erkundet die Präsentation, wie wir heute mit den massenhaft produzierten Bildern umgehen, wie sie uns deformieren und ein eigener Ausdruck zurückzugewinnen wäre. Und ob nicht auch die Bildlosigkeit eine Ressource sein kann.

Erfrischend, ergreifend die Arbeit der aus Ägypten stammenden Dokumentaristen Jasmina Mewaly und Philip Rizk. Sie baten Laienschauspieler, den Ausverkauf einer Fabrik und dessen soziale Folgen darzustellen. Das Skript ist grob: hier der kapitalistische Direktor, dort die armen Arbeiter. Doch es bildet recht genau die traurige Wirklichkeit ab, wie ein dazwischengeschnittener Handyfilm der realen Fabrikruinen zeigt. Was tun? Olaf Nicolai, der Vierte im Bunde, schaut in die Luft. Er ließ auf dem Dach eine Werkstatt für Bumerangs einrichten, die immer wieder weit weg geschleudert werden und doch zurückkehren. „Fabrik“ hat Florian Ebner den deutschen Pavillon genannt, ein Euphemismus für eine solch hochgestochene Produktionsstätte von Bildern und Ideen. Und doch versucht er, an den Ausgangspunkt zurückzukehren: Was ist heute Kunst, was kann noch Fotografie?

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