Sabine Peters "Narrengarten" : Chronik der Abgehängten

Sabine Peters widmet sich in ihrem neuen Roman „Narrengarten“ Gescheiterten und allein Gelassenen. Zwischen sehr hanseatischen Tönen entsteht ein Liebeserklärung an die Schattenexistenz.

von
Hamburger Tristesse: sehr hanseatischer "Narrengarten"
Hamburger Tristesse: sehr hanseatischer "Narrengarten"Foto: dpa

Narren und Possenreißer sind in der Regel renitent gegenüber jeder Ordnung, die ihnen Zwänge auferlegen will. Wer den sehr hanseatischen „Narrengarten“ der Schriftstellerin Sabine Peters betritt, trifft jedoch nicht auf schräge Existenzen, listige Querulanten oder eine professionelle Spaßguerilla, sondern auf realitätstüchtige Pragmatiker, die sich ihr Leben als planbares „Projekt“ zurechtgelegt haben. Das Dasein gerät ihnen nur deshalb zur Narretei, weil ihnen der rebellische Impuls fehlt, die sie bedrückenden Zwänge abzuschütteln und die sehr engen Grenzen ihres Hamburger Alltags zu überschreiten in ein neues Leben. So fügen sie ihren Lebensniederlagen immer nur weitere hinzu – als seien sie für immer in ein Unglück gebannt, ohne jede Aussicht, ihren Biografien eine neue Richtung zu geben.

Sabine Peters’ Roman entfaltet sich denn auch nicht als Schicksalskurve einiger weniger Protagonisten, sondern als dicht ineinander verflochtene Ansammlung von etwa zwei Dutzend Lebensläufen – ein Gesellschaftspanorama in 26 Kapiteln, die sich lesen wie eine Chronik des beschädigten Lebens.

In "Narrengarten" begegnen dem Leser auch Figuren aus "Feuerfreund" wieder

Einige Protagonisten sind uns schon in Peters’ Roman „Feuerfreund“ (2010) begegnet. Dieser erzählte die bewegende Geschichte des symbiotischen Künstlerpaars Rupert und Marie. Der ketzerische Kommunist und „Feuerfreund“ mit bewegter Vergangenheit und die 33 Jahre jüngere Marie – zwei unterschiedliche Lebenskonzepte vereinigten sich in der Suche nach einer besseren Welt. Wobei sich in den Biografien von Rupert und Marie gewisse Korrespondenzen mit der Lebensgeschichte des Schriftstellers Christian Geissler (1928–2008) und Sabine Peters’ erkennen ließen. Der Krebstod Ruperts hinterließ einen tiefen Riss in der Welt Maries – ein Riss, der sich im „Narrengarten“ noch nicht geschlossen hat.

Sabine Peters konzentriert sich nun auf den Fortgang der Familiengeschichte – indem sie die Lebensträume von Ruperts Söhnen, Töchtern und Enkelkindern und von Maries Freundinnen und Freunden in eindringliche Porträts verwandelt. Um den autobiografischen Kurzschluss zu vermeiden, hat sie einen lakonischen Vorspruch an den Anfang gesetzt: „Es sind tatsächlich Vögel über der Stadt geflogen. Alles andere war anders.“

Tatsächlich verbindet die unterschiedlichen Temperamente im „Narrengarten“ wohl nur die Erfahrung des Desillusioniertseins. Die 26 ineinander verflochtenen Kapitel, in denen die Figuren aus der Innenperspektive und aus personaler Erzähldistanz charakterisiert werden, lassen sich auch als in sich geschlossene Geschichten lesen. All die unfreiwillig Partikularisierten leben zwar in mehr oder weniger geordneten Verhältnissen, organisieren nach bestem Wissen und Gewissen ihre Ehen und Lebenspartnerschaften, finden aber selten heraus aus ihrer Bedrückung. Zur Lebenskunst gehört es hier, sich in weitgehend erloschenen Liebesbeziehungen einzurichten und die friedliche Koexistenz von Ehepartnern für das kleinere Übel zu halten.

Sabine Peters verbeugt sich vor den Kummerfressern der Großstadt

Die Übersetzerin Lotte hat sich mit ihrem alkoholanfälligen Ehemann ebenso arrangiert wie die Bibliothekarin Gerlinde mit ihrem herzkranken Melancholiker Klaus. Andrea und Bernd versehen engagiert ihren Pflegedienst bei der alten Frau Kaiser, derweil sich Bernd auf seiner Glückssuche in Bitterkeit verkriecht und seine Lebensfreundschaft mit der einsamen Christa abgebrochen hat.

Sabine Peters: "Narrengarten". Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 238 Seiten, 19,90 Euro
Sabine Peters: "Narrengarten". Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 238 Seiten, 19,90 EuroFoto: Promo

Utopien haben sich diese Figuren längst abgewöhnt. Erst gegen Ende des Buches, wenn all die Versprengten und Einsamen bei einem Familientreffen zusammenfinden, blitzt die Idee eines anderen Lebens wieder auf. Ruperts Sohn Friedo imaginiert die Ideen der Befreiung, die mit dem Konzept offener Kliniken verbunden waren und erträumt ein „lebendiges Gewitter“: „All die Nichtsnutze und Windbeutel, die toll Gemachten und Betäubten, die Taugenichtse, Anorektiker und Borderliner, alle Kleingeister und Überflüssigen und die Zukurzgekommenen, die Dummbolde und Kummerfresser, die will er sehen auf den Straßen. Wie sie, wie wir besprechen, was wir von uns wünschen ... Die geliebten Schatten will er grüßen und lebendiges Gewitter machen.“

Sabine Peters’ virtuos komponiertes Gesellschaftsmosaik ist eine Liebeserklärung an all diese Schattenexistenzen und Kummerfresser. Ein Buch, das jene Wünsche nach einem befreiten Leben wiedererweckt, die in unserer Alltagsroutine erstickt sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben