Kultur : Sahanehane-Nacht: Im Homorient

Claudia Wahjudi

Der DJ legt jetzt einen Volkstanz auf und zieht die Regler hoch. Auf der Tanzfläche fassen sich sieben an den Schultern und formen einen Kreis. Weiße Federfächer neigen sich wie Palmen über die Tische und wehen im Luftzug. An Bar und Bühne flirrt Glitter. Weiße Stoffbahnen teilen die dunkle Halle. Aziza A., die türkische Rapperin, wippt in schulterfreiem Top. Ein Fotograf. Blitze. Es ist Sahanehane-Nacht im SO 36, irgendwann nach Mitternacht.

"Sahanehane" heißt "wunderbares Haus". Zu diesem Haus führt jeden dritten Sonnabend die Tür des Kreuzberger Clubs SO 36. Dann fusionieren zu House- und Techno-Rhythmen orientalische Musiken aller Herkunftsländer. In der ganzen Oranienstraße hängen an solchen Tagen orangefarbene Plakate an den Hauswänden, die den Sahanehane-Abend ankündigen. Auf den Plakaten steht: "Bacisiz Girilmez", eine Verballhornung der Worte "Damsiz Girilmez", die in Berlin die Türpolitik der türkischen Discos regeln - Einlass nur in Begleitung von Damen. In Kreuzberg dagegen heißt es: Einlass nur in Schwesternbegleitung. Sahanehane ist für Schwule, Lesben und Transen, für Schwestern halt, aber auch für Heteros. Nur bei einer anderen Veranstaltung, Gayhane, an jedem vierten Samstag im Monat, bleiben die Homosexuellen weitgehend unter sich.

Es sind Kabarettisten, Travestiekünstler und Migranten der zweiten Generation aus der Türkei, die dem SO 36 diese Erfolgsabende bescheren. Sie zogen aus einem benachbarten Theater, dem Salon Oriental, in den alten West-Berliner Punk-Klub mit seinen Kollektivstrukturen und Arbeitsgruppen und gründeten den "Homooriental Dancefloor". Fatma Souad, schwarzes Jackett, randlose Brille, holt einen Kaffee vom Tresen und erzählt. Berichtet von dem Raum, den türkische und arabische Schwule und Lesben lange gesucht haben, um ihr Leben leben zu können, von den türkischdeutschen Ankündigungen, wenn alljährlich eine Unterabteilung des Christopher Street Days durch die Oranienstraße zum SO 36 zieht, von Spenden der Nachbargeschäfte für das Kiez-Bingo des Clubs. Aber auch von der gespannten Atmosphäre, wenn Fatma Souad und Gloria Viagra gemeinsam mit Besuchern der benachbarten Graue Wölfe-Moschee im selben Fahrstuhl zum Hinterhausbüro hochfahren, oder von den Schlägen, die Fatma kassierte, als sie im Ramadan in Rock und Kopftuch auf die Straße ging.

Im kleinen Café des Clubs rutscht man von den roten Kunststoffbänken, wenn man nicht die Füße gegen die eisernen Tischbeinchen stemmt. Es ist alles nicht so einfach hier, im Zentrum des nördlichen Kreuzbergs, das in der neuen Mitte als Verliererbezirk gilt und wo über ein Drittel der Nachbarn keinen deutschen Pass hat.

Aber wo sonst, wenn nicht hier? In Kreuzberg gibt es - noch oder wieder - eine Subkultur im traditionellen Sinn. Eine Subkultur, die nicht gleich durch alle Trendblätter gehechelt wird. Gayhane ist in dieser Subkultur eine Institution und das schon seit drei Jahren. Und Institutionen wie Gayhane sorgen dafür, dass der vermeintliche Schmuddelbezirk und sein SO 36 - einst eine Arena für Punker und Hausbesetzer - allmählich im globalisierten Jahrtausend ankommen. Die Oranienstraße teilen sich an solch einem Wochenende Menschen orientalischer und amerikanischer, asiatischer, deutscher und afrikanischer Herkunft, Lesben, Schwule und Heteros, Atheisten, Muslime und Christen. Viele davon kamen zu Sahanehane, Gayhane zieht rund tausend Gäste an.

Ipek trägt vier Ringe im rechten Ohr. Das dunkle Haar hat sie glatt zurückgestrichen, und wenn sie spricht, fliegen ihre schmalen Hände durch die Luft. Ipek Ipekcioglu, 28, ist am DJ-Pult von Gayhane bekannt geworden, sie ist der Star des Abends. Gleich muss sie auflegen. Beim Gespräch im Café mit seinen rutschigen Kunststoffbänken stellt Ipek Hülya Tarman vor, den Ehrengast des heutigen Gayhane. Tarman will in Istanbul "Öte-Ki ben" herausbringen, eine zweisprachige Zeitschrift für Lesben. Eine Mark pro Eintrittskarte dieses Abends gehen an die Redaktion.

Ipek übersetzt fließend vom Türkischen ins Deutsche und umgekehrt, erklärt in schnellen Sätzen die Lage von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in der Türkei. Im vergangenen Jahr hat sie an einem Fachbuch über die junge Migrantengeneration in Deutschland mitgeschrieben, darüber, wie schwer es ist, man selbst zu bleiben, wenn man Türke oder Türkin ist und gleichzeitig homosexuell. Einen Teil seines Selbst muß man immer verstecken, egal, wo man ist. Außer hier, an Orten wie dem SO 36. "Bei Gayhane haben viele türkische und arabische Lesben so etwas wie eine eigene Familie gefunden. Und ich spiegele mit meiner Musik die Existenz der Leute, die hier sitzen." Es ist türkische Musik, indische, arabische, griechische.

Punkt elf, Ipek springt auf. Sie muss die erste CD einwerfen. Bei ihr dürfen sich die Gäste Musik wünschen. In das orange Tuch sind im SO 36 geschwungene Tore geschnitten, gemalte Geigen, Schalmeien und Lauten zieren den Stoff. So orientalisch ist der Orient sogar im Orient selten. An den Tischen vor den Stoffbahnen sitzen die Männer: junge in schmalen, gut geschnittenen Anzügen, schnauzbärtige jenseits der 40 in karierten Hemden, T-Shirtträger mit kurzen Haaren. Hinter den Stoffbahnen warten die Frauen, links die vermutlich deutscher, rechts die jüngeren, vermutlich türkischer Herkunft. Ipek spielt einen Song von Sürpriz, Posteurovisions-Pop. Einen ersten Volkstanz, einen türkischen Disko-Hit, das Tempo zieht an. Manchmal verheddern sich die Rhythmen. Deutsche Frauen geben Bauchtanzkünste zum Besten, die Halle füllt sich. Endlich brettert ein kurdischer Volkstanz über Techno-Rhythmen los. Rufen und Hallo. Einige kennen den Text. Es wird eng.

Und dann fegt Gloria Viagra auf die Bühne. In einem langen, blauen Etuikleid, auf der eine Kette aus Barbiepuppenbeinen baumelt. Sie wirft die orange Mähne zurück und gratuliert Gayhane heute zum dreijährigen Jubiläum. Auf die Bühne springen Fatma Souad und Lale Lokum in hautengen Tüllkleidern, es wippen die falschen Brüste, es wehen die Schleier. Ipek zieht die Regler wieder hoch. Jetzt ist kein Platz mehr, nirgends. Brusthaar quilt aus einem engen Poloshirt. Hinten ein Japaner mit gefärbten Haaren und Sonnenbrille, ein anderer schwenkt sein T-Shirt über dem Kopf.

Tausendmal gefordert, selten eingelöst. Das Neben- und Miteinander der Völker ist hier selbstverständlich - wo kein Politiker Reden hält, kein Bezirksamt zur multikulturellen Pflichtübung ruft, sondern die Emanzipation von Geschlechtern und sexuellen Identitäten erklärtes Ziel ist. Auf dem Frauenklo stehen die Transen vor dem Spiegel und ziehen sich die Lippen nach. Der Mann mit dem Poloshirt hat sein Hemd jetzt aufgeknöpft. Ein Pagenkopf küsst einen kleinen Mund unter Nickelbrille. Es ist kurz vor drei, und es fängt erst an.

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