Schauspieler Gunnar Möller gestorben : Ewiger Junge

Er war einer der letzten noch lebenden Ufa-Schauspielern. Seinen ersten Film drehte Gunnar Möller als Wunderkind des NS-Kinos mit elf Jahren. Später wurde er Piroschkas Geliebter.

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Komik ohne Plumpheit. Gunnar Möller (1. 7. 1928–16. 5. 2017).
Komik ohne Plumpheit. Gunnar Möller (1. 7. 1928–16. 5. 2017).Foto: dpa

Nostalgie in Agfacolor, eine Zugreise zurück in die Vergangenheit. „Mein Gott, wie lange ist das schon her“, seufzt Gunnar Möller. „Ich war damals Student und fuhr nach Ungarn.“ Dann wird aus dem Triebwagen eine Dampflok und aus dem Erzähler ein Abenteurer, unterwegs zum Puszta-Dorf mit dem unaussprechlichen Namen Hódmezovásárhelykutasipuszta. So beginnt Kurt Hoffmanns Fremde-werden-Freunde-Komödie „Ich denke oft an Piroschka“, einer der erfolgreichsten deutschen Filme der Nachkriegszeit, dessen Liebenswürdigkeit sich bis heute nicht verbraucht hat, weil seine Komik ohne Plumpheit auskommt.

Küssen ist bloß eine Sitte

Piroschka, das ist das von Liselotte Pulver gespielte Barfußmädchen, in das sich der Student Andreas verliebt. Obwohl Piroschka auf seine Feststellung: „Du hast mich geküsst“ trocken entgegnet: „Nur weil so Sitte.“ Natürlich muss er sie am Ende in der Puszta zurücklassen, natürlich denkt er danach oft an sie. Als der Film Ende 1955, der Kalte Krieg erreichte gerade einen Höhepunkt, im Kölner Kino Rex Am Ring seine Premiere feierte, transportierte er eine tröstliche Botschaft: Auch jenseits des Eisernen Vorhangs leben Menschen, keine Klassenkampfmaschinen.

„Ich bin ölf Jahre und heiße Gunnar Möller.“ So begann 1940, als er elf – berlinisch: ölf – war, Möllers Karriere: Mit einem Casting für Viktor de Kowas Propagandafilm „Kopf hoch Johannes“. Möller, der 1928 als Sohn eines Optikers in Berlin-Neukölln geboren worden war, bekam die Rolle in der Ufa-Produktion, die ihren jugendlichen Zuschauern den Aufenthalt in den elitären Nationalpolitischen Erziehungsanstalten schmackhaft machen wollte. Der Darsteller stieg zu einer Art Kinderstar des NS-Kinos auf und drehte bis zum Kriegsende 14 Filme, darunter „Die Degenhardts“ über eine Lübecker Familie im totalen Krieg und – gemeinsam mit Dietmar Schönherr und Hardy Krüger – „Junge Adler“ über Hitlerjungen auf dem Weg zur Luftwaffe.

„Barlog hat allen alles versprochen.“ So beschrieb Möller die Arbeit des Intendanten Boleslaw Barlog, der ihn 1946 ans Berliner Schlossparktheater geholt hat. Das Haus war ein großer Talentpool, in dem unter anderem Hildegard Knef, Martin Held und Klaus Kinski schwammen, doch die Hauptrolle in Eugene O’Neills Drama „O Wildnis!“ bekam am Ende nicht Möller, sondern der spätere „Tatort“-Kommissar Klaus Schwarzkopf.

Lauter Sympathieträger

Möller wechselte an die Münchner Kammerspiele und wurde zum häufig besetzten Nebendarsteller im Kino der Adenauer-Ära. In der Komödie „Taxi-Kitty“ spielt er einen Hotelboy, im Krimi „Fünf unter Verdacht“ einen Schüler, im Stalingrad-Drama „Hunde, wollt ihr ewig leben“ einen Leutnant. Lauter jungenhaft wirkende Sympathieträger. „Angetrunken, aber nicht sinnlos betrunken.“ So beschreibt der „Spiegel“ den Zustand, der zu Möllers Lebenstragödie führte. 1979 hat der Schauspieler in London seine Ehefrau mit einem Saunaschemel erschlagen, im Affekt. Wegen Totschlags wurde er zu fünf Jahren Haft verurteilt. Am Montag ist Gunnar Möller in Berlin gestorben. er wurde 88 Jahre alt.

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